Nr. 02/2005 vom 13.01.2005

Brutal moralisch

Von Patricia Wedler

«Ist doch Tatsache, dass wir weder eine Geschichte noch Landesgrenzen haben. Es ist nämlich egal, wo wir sind: Wir fahren Skateboard, schmeissen Trips und glotzen MTV.» Nein, hier wird nicht von globalen Individuen geredet, nicht von modernem Nomadentum. Und vor allem nicht von Spass. Sondern von Gewalt, Sex, Drogen, Skateboarden. Vier japanische Teenager, die den grössten Teil ihrer Jugend im Ausland verbracht haben - wie «Mobiliar» von ihren Oberschichteltern mitgeschleift. Shu, Shin, Saturo, Takashi: allesamt psychisch verwahrloste Identitäten. Outsider, fremd im eigenen Land, fremd in der eigenen Sprache. Sadismus, Masochismus, Selbstmord, Selbsthass. Takashis Vater etwa frönt einem speziellen Hobby: Er sammelt Kinderpornos, vorzugsweise Snuff-Videos, also Filme, in denen das Opfer vergewaltigt und anschliessend ermordet wird. Shu ist als Fünfjähriger nur knapp einem kindermordenden Schwulenpärchen entkommen. Und Takashis Welt zerfällt in banale Strukturen: «Bei manchen steht mit einem Marker gross 'kill' geschrieben, bei anderen 'dead'.»

Shu, der beobachtende Rationalist. Shin, das freiwillige Opfer. Takashi, der verzweifelte Täter. Satoru, der drogenbetäubte Verliebte. Alles, was sie tun, ist auf ihre Körper bezogen. Das Skaten, der Sex, das Abschlachten, der Kannibalismus. Und alles geschieht seltsam emotionslos. Abgeschnittene, dehumanisierte Körper. Von der Institution Familie im Stich gelassen. Körper, mit denen die Besitzer nichts anzufangen wissen. Die Gewalt, egal von wem sie ausgeübt wird, umweht keine coole Aura, sondern trägt nur autoaggressive Züge. Oder wie Shin sagt: «Ein Ding, das keinem wichtig ist, kann man ruhig kaputtmachen. So wie mich zum Beispiel.» Und es ist klar, um was die vier buhlen: um Akzeptanz, Anerkennung, Sympathie, Liebe. Die junge Autorin Akira Kuroda versucht mit ihrem erfolgreichen, skandalträchtigen Debütroman eine Art Übersetzung von «American Psycho» ins Japan der Jetztzeit. Und wirkt bei all den expliziten Gewalt- und Sexszenen doch zutiefst moralisch.

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