Nr. 02/2005 vom 13.01.2005

Wenn Kassandra sich heiser schreit

Oft übertreiben Ökobewegungen, um auf ihre Anliegen und die Zerstörung der Umwelt aufmerksam zu machen. Das dient der Sache nicht immer.

Von Martin Ebner

«Umweltpolitik muss ständig dramatisieren, Gefahren überzeichnen, um öffentlich Nachdruck zu schaffen», erläuterte Georges Fülgraff einmal, eines der ersten Mitglieder des deutschen Sachverständigenrats für Umweltfragen: «Ein Umweltminister kann nur wählen, unseriös oder erfolglos zu sein.» Wie lange aber ist Schwindeln erfolgreich, ohne dass das Publikum abstumpft? Die «Katastrophe des Monats» und der «Schadstoff der Woche» finden mittlerweile jedenfalls weniger Interesse als in den Anfangszeiten der Grünen. Greenpeace wird von vielen fast so misstrauisch betrachtet wie Chemiekonzerne. Zu dem Stimmungswandel passt auch, dass zwei ehemalige «natur»-Chefredakteure seit ein paar Jahren «Öko-Optimismus» fordern und Listen grüner Fehlprognosen veröffentlichen.

«Wird Kassandra heiser?», fragt deshalb eine Gruppe junger HistorikerInnen aus der Schweiz und Deutschland. Sie haben jüngere Weltuntergangsvisionen untersucht, die heute als «Öko-Irrtümer» gelten, etwa die dramatischen Umweltmahnrufe der siebziger Jahre, die Debatte zum Waldsterben der Achtziger und die Kampagne gegen die Versenkung der Brent-Spar-Ölplattform im Jahr 1995. Sie wollen ihre Fallstudien zu «Hilferufen, die sich im Nachhinein als unbegründet oder zumindest stark übertrieben herausgestellt haben», ausdrücklich nur als «Ausschnitt aus der Geschichte der Umweltbewegung» verstanden wissen, da es ohne Zweifel auch zutreffende Warnungen gegeben habe. Da die Umweltbewegung aber mit dem «Anspruch moralischer Überlegenheit» auftrete, provozierten Fehleinschätzungen «zwangsläufig harsche Kritik».

Während Umweltbewegte die Öffentlichkeit mit drastischen Szenarien aufrütteln wollen, kommt Frank Uekötter von der Universität Bielefeld zum Schluss, dass Ankündigungen von Katastrophen kaum als politisches Instrument taugen, weil sie sich «nur sehr beschränkt steuern lassen» und eine Eigendynamik entfalten: «Stets wurde ein Alarmruf schnell vergesellschaftet und dabei nicht selten erheblich verändert.» Die Studie «Die Grenzen des Wachstums» zum Beispiel, seit 1972 mehr als zwölf Millionen Mal verkauft und damit das erfolgreichste Exemplar des apokalyptischen Genres, sei von den ZeitgenossInnen der ersten Ölkrise 1973 kurzerhand auf eine Prognose des nahenden Versiegens der Ölquellen reduziert worden, obwohl es den Verfassern um ein Modell bedrohlicher Trends für das ganze «Weltsystem» gegangen war und sie selber auf die Unzulänglichkeit ihrer Daten hingewiesen hatten. Ihr Bericht habe ungewollt dazu beigetragen, dass Vertrauen in Experten und globale Rezepte verloren gingen.

Die Brent-Spar-Kampagne wuchs ihren UrheberInnen ebenfalls über den Kopf: Ursprünglich hatte Greenpeace vor einer Konferenz zum Schutz der Nordsee nach einem telegenen Symbol gesucht; doch der Kampf um die Ölplattform Brent Spar, die der Ölkonzern Shell einfach untergehen lassen wollte, überlagerte dann alles andere. PolitikerInnen konnten dank dem Spektakel über die eigentlichen Probleme der Meere, der Schadstoffeintrag und die Überfischung, hinweggehen; der Esso-Konzern, dem die Hälfte der Brent Spar gehörte, profitierte vom Verbraucherboykott gegen Shell - und dann mussten die RegenbogenkriegerInnen auch noch eingestehen, dass in der Plattform, deren Versenken sie verhindert hatten, nicht die befürchteten 5500, sondern nur 130 Tonnen Schadstoffe lagerten. Das Verbot, das für die Versenkung derartiger Anlagen erlassen wurde, befriedigt NaturfreundInnen allerdings auch nicht, da nun Seesterne und Muscheln wegen der «Entsorgung» an Land einen möglichen Ersatz für Korallenriffe verlieren.

Dass die politische Wirkung falscher Ökoalarme «deutlich begrenzt» ist und sie als «Strohfeuer» kaum Veränderungen anstossen, zeigt laut Uekötter auch die Debatte zum Waldsterben, die das Nachrichtenmagazin «Spiegel» 1981 losgetreten hatte und die «erstaunlich schnell von weiten Teilen der Bevölkerung für bare Münze genommen wurde». Zwar sei in der Folge die überfällige Rauchgasentschwefelung für Kraftwerke zügig durchgesetzt worden, bei der Bekämpfung der Emissionen des Strassenverkehrs sei der Elan aber schon wieder geschwunden. Die Forschung zu Waldschäden wurde stark ausgeweitet, führte abEWr prompt zum Ergebnis, dass das Thema viel komplizierter ist als gedacht. Nun denken PolitikerInnen darüber nach, wie sie das «fragwürdig gewordene Ritual der alljährlichen Waldschadensberichte» ohne ungutes Aufsehen abschaffen können - obwohl die Wälder heutzutage tatsächlich kränker sind als je zuvor (wie der Waldschadensbericht der deutschen Bundesregierung vom Dezember belegt). «Einfache Wahrheiten», die früher dem grünen Lager halfen, seien jetzt Sache der Gegenseite geworden, meint Uekötter: Nicht mehr die Industrie, sondern die Umweltschützer müssten nun um «differenzierte Betrachtung» der Luftverschmutzung flehen.

Interessant finden die HistorikerInnen, dass AlarmistInnen kaum zur Rechenschaft gezogen oder mit dem Entzug von Spendengeldern bestraft werden, wenn sich ihre Einschätzungen als Übertreibungen entpuppen: Falsche Ökoalarme seien «Kollektivgüter», der Glaubwürdigkeitsverlust treffe «nicht nur die jeweiligen Protagonisten, sondern die Gesamtheit der Umweltbewegung». Es gebe noch keine geeignete Sprache zur Beschreibung chronischer Probleme, die Medien und Sponsoren aufwecke und doch nicht gleich in Horrorszenarien verfalle. Entsprechend pessimistisch ist das Fazit: «Die Hoffnung, dass einzelne Umweltschützer in Zukunft aus Rücksicht auf die Gesamtheit der Umweltbewegung von fahrlässigen Alarmrufen absehen werden, wird man wohl realistischerweise als eher gering veranschlagen müssen.»

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