Nr. 03/2005 vom 20.01.2005

Wenn der Alpsegen schief hängt

Jeden Winter treffen sich Alpleute in Chur zur Stellensuche und zum Austausch. Zum Beispiel darüber, warum es auf der Alp so viele Konflikte gibt.

Von Bettina Dyttrich

Im Januar erreicht nur selten ein Sonnenstrahl das Zentrum von Chur. Die Luft ist eisig, die Polizei hat die Zugänge zur Altstadt wegen der bevorstehenden Demo gegen das Wef mit Gittern versperrt. Im Kulturhaus an der Bienenstrasse westlich der Altstadt riecht es nach Zimt. Das kommt vom Glühwein, der in grossen Töpfen vor sich hinkocht. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, trifft ein Schwall eisiger Luft die Glühwein-Bar. Draussen vor der Tür bellen sich Border Collies und andere Hirtenhunde an.

Im Saal hinter der Bar ist es wärmer. Etwa hundert Leute fast jeden Alters sind zum jährlichen ÄlplerInnentreffen der Interessengemeinschaft (IG) Alp gekommen. Schwäbische, norddeutsche, Bündner und Zürcher Dialekte vermischen sich. Am Vormittag gibts kein Programm, die Leute treffen sich und diskutieren, erzählen Geschichten vom letzten Alpsommer. Und natürlich geht es bereits um den nächsten: Die Stellenbörse ist ein wichtiger Teil des ÄlplerInnentreffens. An die eine Wand hängen alle, die eine Alpstelle suchen - vom Totalanfänger bis zum eingespielten Team oder zur diplomierten Landwirtin -, ihre Zettel. Die andere Wand ist für Stellenangebote vorgesehen. Hier sucht ein Team die fehlende Hirtin oder ein Alpmeister ein ganzes Team. Lust auf eine Ziegenalp bei Maloja? Oder lieber 120 Rinder hüten im Prättigau? «Was ist überhaupt ein Zusenn?», fragt eine junge Frau. - «Das ist der mieseste Job auf einer Kuhalp. Da bist du der Löli, bist nur am Abwaschen.»

Auch einige Bauern auf der Suche nach Alppersonal sind gekommen. Man erkennt sie auf den ersten Blick, weil sie Faserpelzjacken statt Wollpullover tragen. Da und dort finden sich Interessierte zusammen, Landkarten und Fotos von Hütten werden herumgezeigt.

Engagierte Alpleute organisierten 1988 erstmals ein ÄlplerInnentreffen in Chur. Das Alparchiv - der erste politische Zusammenschluss von linken Alpleuten, die meist aus den Städten kamen - setzte sich ein für bessere Alplöhne, gegen die Armeepräsenz auf den Alpen und Stauseeprojekte wie im Val Madris (siehe Reisebeilage in WOZ Nr. 36/04). Ab Mitte der neunziger Jahre machten die alternativen ÄlplerInnen weniger von sich reden. Bis sie pünktlich zum neuen Jahrtausend von zwei Buchstaben aufgeschreckt wurden: QS.

QS heisst Qualitätssicherung, erklärt Roland Ott. Auch er ist ursprünglich ein Städter, kommt aus Winterthur und lebte später in Luzern. Aber das ist lange her. Er ist längst ein Bergmensch geworden, ein Alpprofi und ausgebildeter Käser. Lange war er «einfach glücklich auf der Alp». Das Wichtigste war für ihn, die Arbeit gut zu machen. Mit Politik beschäftigte er sich selten. Bis eben QS kam: neue, strenge Auflagen für das Käsen auf der Alp, kein Käsen auf offenem Feuer mehr, genormte Geräte, genormte Bakterienkulturen und betonierte Böden. Wer keine Hightech-Käserei eingerichtet hat, darf keinen Käse mehr verkaufen. Roland Ott und andere fanden, es sei Zeit, sich wieder zusammenzuschliessen. Sie gründeten die IG Alp.

Zwischen Juni und September betreibt die IG das Alpofon, die Hotline für Alpleute in Schwierigkeiten. Dabei ist deutlich geworden, dass es auf der Alp vor allem eine zentrale Schwierigkeit gibt: miteinander auszukommen. «Letzten Sommer gab es viel mehr Anrufe wegen Konflikten als in den Jahren vorher», sagt Barbara Sulzer, die in Chur auf die Alpofon-Saison zurückblickt. Ob die Auseinandersetzungen wirklich zunehmen oder schon immer so häufig waren, ist nicht klar, weil es keine älteren Untersuchungen gibt. Jedenfalls sind sie ein Dauerthema. Deshalb hat die IG Alp die Sozialpsychologin Susanne Stefanoni ans ÄlplerInnentreffen eingeladen.

Als Einleitung zu Stefanonis Vortrag spielen drei Leute einen typischen Kuhalp-Konflikt nach: Es ist kurz vor Mittag. Der Senn wendet die frischen Käse, die erschöpfte Zusennin - es ist ihr erster Alpsommer - schmiert die älteren. Da trampelt der Hirt mit dreckigen Schuhen durch die Käseküche, macht es sich vor der Hütte gemütlich und merkt nicht, dass er das Mittagessen kochen könnte. Der Senn schimpft, und bei der Gelegenheit erzählt die Zusennin, dass der Hirt übrigens die Rinder schlage. Die Reaktionen im Publikum zeigen, dass viele Alpleute solche Situationen kennen.

«Auf der Alp leben und arbeiten Menschen so eng zusammen, wie sie es sonst meistens nicht einmal mit ihren nächsten Familienmitgliedern tun», sagt Susanne Stefanoni. Wie die Kommunikation ablaufe, hänge stark von den Verhaltensmustern der Einzelnen ab: Können sie Konflikte offen ansprechen? Wie reagieren sie auf Kritik? Nehmen sie bestimmte Rollen (angepasst, defensiv, beleidigt) ein? Ausserdem sei das Verhaltensrepertoire unter Stress stark eingeschränkt, beschränke sich oft auf Kämpfen oder Fliehen - also Streiten oder Abhauen. Worauf dann übers Alpofon ein Ersatz gesucht wird ...

Stefanoni teilt die «Alpsozialisation» in drei Phasen ein: die «jungen Wilden», die «WiederholungstäterInnen» und die «LiebhaberInnen». Die jungen Wilden, die zum ersten Mal z Alp gehen, haben es am schwersten: Sie stellen sich die Alp meistens als Idyll vor, gleichzeitig sind sie am unerfahrensten in der Arbeit. Ein erfahrener Senn erklärt es in der Diskussion so: «Von Anfang an gibt es Spannungen, aber die unterdrückt man, weil man ja an einem Idyll arbeitet. Dann stauen sie sich auf.» Die WiederholungstäterInnen haben laut Stefanoni verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten: Entweder passen sie sich total ans Team an, sie rebellieren stark oder sie «erarbeiten ihre Identität»; sie lernen, Teil eines Teams zu werden, ohne ihre Autonomie zu verlieren. Die LiebhaberInnen schliesslich haben viel Erfahrung, die Arbeit wird leichter - und im Idealfall auch das Teamleben. Reife LiebhaberInnen werden zu AlpleiterInnen: Sie bringen Unerfahrenen die Arbeit bei und überblicken auch die soziale Situation im Team, unterstützen, wo es nötig ist.

In der anschliessenden Diskussion erwähnen mehrere Leute die Bedeutung von genauen Regeln. «Am Anfang der Alpzeit legen wir fest, dass das unsere gemeinsame Arbeit ist, wir sind ein Team, wer früher fertig ist, hilft den anderen.» «Wie auf einem Segelschiff.» «Wer ein Problem mit einer Person hat, sagt es ihr direkt und nicht den anderen. Dieses Hintenrumreden vergiftet die Atmosphäre total.» Deutlich wird auch, dass Einheimische oft im wahrsten Sinn des Wortes eine andere Sprache sprechen als StädterInnen: «Wir Bündner sagen nicht dauernd: «Das ist super, das hast du toll gemacht.» Wenn wir nichts sagen, heisst das, es ist in Ordnung. Manche Leute denken dann, wir seien unzufrieden mit ihrer Arbeit.»

Aber wird es, wenn die Kommunikation dereinst einwandfrei funktioniert, überhaupt noch Alpen geben? Seit die Unterstützung der Berggebiete kein erklärtes Ziel des Bundes mehr ist und sich der Strukturwandel beschleunigt, bekommen ihn auch die Alpleute immer stärker mit. Vor allem solche wie Roland Ott, die auch in den Bergen überwintern. Gerade war er im Safiental und kümmerte sich auf einem Maiensäss um Rinder. Das Tal ist schwer zugänglich, es gibt kaum Tourismus, und viele RaumplanerInnen meinen, die hohen Infrastrukturkosten lohnten sich nicht mehr für die wenigen BewohnerInnen. «Es habe nichts zu bieten, sagen sie», erzählt der Älpler kopfschüttelnd. «Wenn dir das, was es im Safiental gibt, nicht genug ist, musst du gar nicht mehr in die Berge, finde ich. Aber die TouristInnen können sich heute nicht mehr selber beschäftigen. Sie wollen immer Angebote. Bei einer Käsereiführung verkaufst du Erlebnisse; der Käse ist Nebensache geworden.»

Was denkt Ott von Slow Food, der Organisation, die sich für regionale Spezialitäten einsetzt? «Es ist inzwischen eine Schickimicki-Sache geworden. Es führt dazu, dass die Produkte so teuer werden, dass nur noch die Reichen sie sich überhaupt leisten können - genau die Leute, die für den ganzen Scheiss verantwortlich sind. Da bestellt einer 500 Plätzli - wie wenn ein Kalb nur aus Plätzli bestehen würde!» Die ProduzentInnen sind angewiesen auf anständige Preise, anderseits sollen gute Produkte kein Luxus werden: Für dieses Dilemma weiss auch Roland Ott keine einfache Lösung. Aber er bleibt dran, mischt sich ein. «Es ist kein Zufall, dass die IG Alp zur gleichen Zeit wie die Antiglobalisierungsbewegung entstanden ist. Es sind Reaktionen auf eine Entwicklung in der ganzen Gesellschaft. Alles muss immer einheitlicher werden - die Menschen, die Kühe, der Käse. Und immer sauberer. Randständige werden überall aus dem System gedrängt. Der Wegweisungsartikel in den Städten ist Ausdruck der gleichen Denkweise. Dieses Zubetonieren hat auch einen geistigen Aspekt: Das Böse - der Dreck - muss ausgesperrt werden.»

Roland Ott hat sich jahrelang dagegen gewehrt, seinen Käsekellerboden zu betonieren - und schliesslich Recht bekommen. Den Hygienevorschriften genügt sein Keller auch ohne Betonboden. Für ihn hatte dieser Kampf auch eine symbolische Dimension. Es war sein persönlicher Widerstand gegen diese Entwicklung. «Die Alp ist mitten in der Gesellschaft.» ·

Arbeitsplatz Alp

Auf den rund 8000 Alpen der Schweiz arbeiten jeden Sommer schätzungsweise 20000 Personen. In den Gebieten mit vielen Privatalpen - zum Beispiel in der Innerschweiz - sind es zum grössten Teil Bauern und Bäuerinnen. Arbeit für Auswärtige gibt es vor allem auf den grossen Genossenschaftsalpen in Graubünden.

Die IG Alp wurde 2000 gegründet. In der Kerngruppe engagieren sich etwa zwanzig Personen. Die IG organisiert das ÄlplerInnentreffen in Chur und ein jährliches Fest in Zizers nach dem Alpabzug, daneben auch Tagungen, hat mehrere Arbeitsgruppen, gibt eine Infozeitschrift heraus und verfasst Stellungnahmen zur Landwirtschaftspolitik. Im Leitbild schreibt die Kerngruppe:

«Die Interessengemeinschaft Alp ist eine Gruppe von Menschen, die den Arbeitsraum Alp regelmässig erleben und wertschätzen. Wir stützen den Arbeitsplatz Alp in seiner Vielfalt und gestalten ihn verantwortungsvoll mit. (...) Und wir haben das Ziel, durch den Austausch zwischen ÄlplerInnen, BäuerInnen und Aussenstehenden unsere Interessen zu vertreten. (...) Die IG Alp beobachtet Veränderungen in der Alpwirtschaft. Unser Ziel ist es, die betreffenden politischen Entscheidungen mitzugestalten. Wir setzen uns für die Anerkennung unseres Berufes ein. Wir kämpfen für die Zukunft unseres Arbeitsplatzes und damit für den Erhalt der Alpen und Maiensässe.»

Die Zeitung der Älplerinnen und Älpler «zalp» erscheint einmal im Jahr und bringt Politisches, Praktisches und Poetisches zum Alpleben, stellt einzelne Alpen vor und lässt Alpleute zu Wort kommen. Sie ist mit viel Liebe zum Detail und schönen Fotos gestaltet. Die «zalp»-Homepage bietet eine Alpstellenbörse an, die inzwischen für UnterländerInnen einer der wichtigsten Zugänge zum Alpleben geworden ist.

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