Nr. 04/2005 vom 27.01.2005

Sätze, die wehtun

In «Geschichte eines Lebens» schreibt der israelische Autor nicht nur seine Biografie, er legt ebenfalls eine Reflexion über das Schreiben angesichts der Schoah vor.

Von Veronika Rall

Es hat Aharon Appelfeld sichtbar Kraft gekostet, seine Geschichte aufzuschreiben. 1932 in Czernowitz geboren, ist er acht Jahre alt, als seine Mutter von den Nazis ermordet wird, als er sich mit seinem Vater auf einem Todesmarsch durch die Ukraine schleppt. Anders als sein Vater überlebt er Ghetto und Konzentrationslager, er lebt im Wald, verdingt sich bei einem Bauern und einer Prostituierten, er arbeitet später als Küchenjunge bei der Roten Armee, lebt in den Auffanglagern der Alliierten an der Adria, kommt schliesslich nach Israel. Gleichwohl ist «Geschichte eines Lebens» keine lineare Erzählung, sondern die «Beschreibung eines Kampfes, um Kafkas Titel zu verwenden», wie Appelfeld im Vorwort schreibt: «Dieses Buch ist keine Zusammenfassung, sondern eher der (...) verzweifelte Versuch, die verschiedenen Teile meines Lebens wieder mit einer Wurzel zu verbinden, aus der sie erwachsen sind.»

Die Wurzeln, das sind zuallererst seine Eltern: die Mutter, die Zucker über die Erdbeeren streut und das Kind in den Arm nimmt, wenn es weint. Der Vater, der meint, dass der Junge sich abhärten müsse; die Hänseleien und die Gewalt auf dem Schulhof gegen das jüdische Kind seien dazu geeignet. Der schweigende, strenggläubige Grossvater führt den Jungen in die Synagoge, aber der kennt die Gebete nicht, ihm fehlen die Worte. Und dann ist da, wie eine Traumfigur, der Bruder der Mutter, Onkel Felix, ein wohlhabender Besitzer eines Landguts, ein assimilierter Jude, ein liberaler, gerechter Mann, ein Sammler moderner Kunst. «1938 war ein schlechtes Jahr», schreibt Appelfeld schliesslich schlicht, der Grossvater stirbt und mit ihm die Vorstellung eines normalen Lebens. Es folgen die Zeiten im Ghetto, in denen auch Onkel Felix bei der Familie lebt - der Rest von Appelfelds Biografie sind Fetzen, Erinnerungspartikel, die keine Sprache haben. «Alles, was damals passierte, hat sich den Zellen meines Körpers eingeprägt. Nicht meinem Gedächtnis. Die Zellen des Körpers erinnern sich anscheinend besser als das Gedächtnis, das doch dafür bestimmt ist.» Da ist zum Beispiel der Hunger, von dem der erwachsene Mann später noch aufwachen wird. Oder das Gefühl, nicht in der Mitte einer Gasse gehen zu können. Lieber an der Seite, beständig bereit, sich in einem Hauseingang zu verstecken. «An der folgenden Passage über die Todesmärsche arbeite ich bereits seit Jahren - ohne Erfolg», schreibt Appelfeld. Und beschreibt den Schlamm, aus dem seine kurzen Beine kaum ragen, die Hand des Vaters, die er kaum noch fühlt. Die Wut des Vaters, als der Junge sich während einer Pause in der Nacht nicht die Füsse wärmen lassen will - die Wärme tut weh -, und wie beide doch in dem einzigen Mantel Schutz finden: «Für einen Augenblick meine ich, dass nicht nur der Vater bei mir ist, sondern auch die Mutter, die ich so geliebt habe.»

Aber die Wurzel, das sind auch die Geschichten, die das Kind auf seinem Weg erlebt: Wie der Leiter einer Blindenanstalt seine Schützlinge zu den Waggons führt, die in die Todeslager fahren. Wie eine Frau versucht, ein Kind von sich zu stossen, um es zu retten - es soll allein fliehen, will aber in ihren Armen bleiben. Wie kleine Kinder im Lager Kaltschund zu hungrigen Hunden in den Zwinger geworfen werden. Und schliesslich die Einsichten des Kindes: Dass Menschen stets Gefahr bedeuten. Dass Pflanzen und Tiere seine Freunde sind, die ihm Nahrung versprechen, an denen es sich nachts wärmen kann.

Das erzählt Appelfeld in Sätzen, die bis ins Mark wehtun. Dabei hat er selbst erst in Palästina überhaupt wieder eine Sprache gefunden. Er lernt Hebräisch und beginnt ein rudimentäres Tagebuch zu führen. Viel später noch, Anfang der fünfziger Jahre, beginnt er literarisch zu schreiben, doch die Lyrik und die Prosa, die er verfasst, passen nicht ins Bild der neuen israelischen Literatur, die episch sein will. Und auch seine literarische Verarbeitung der Kriegsjahre passt nicht zu den faktischen, klaren und authentischen Berichten, die man über den Holocaust verlangte. Er schreibe über die Randzonen der Schoah, warf man Appelfeld vor und nannte ihn einen «Schoah-Dichter». «Es gibt», schreibt Appelfeld, «keine ärgerlichere Bezeichnung. Ein Schriftsteller (...) schöpft aus sich selbst und schreibt auch meistens über sich (...). Die Themen sind eine Begleiterscheinung des Schreibens, nicht die Hauptsache. Ich war in diesen Kriegsjahren ein Kind. Dieses Kind wurde erwachsen, und alles, was ihm widerfuhr und mit ihm passierte, wirkte in seinen Jahren als Erwachsener weiter: der Verlust des Zuhauses, der Verlust der Sprache, Misstrauen, Angst, Redehemmung, Fremdheit. Aus diesen Empfindungen webe ich die Geschichte meines Lebens.»

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