Nr. 04/2005 vom 27.01.2005

Augenzeugenberichte

Von Thomas Stahel, WOZ-Autor und Journalist von Radio LoRa

Auf dem Weg zur bewilligten Tanzdemo wurde ich auf der Nydeggbrücke kontrolliert (13.30 Uhr). Beim Leeren meiner Taschen fanden die Polizisten ein zehn Zentimeter langes Stück Draht mit vier rund sieben Millimeter langen Stacheln, das sie als gefährliche Waffe bezeichneten. Den «Stacheldraht» hatte ich zuvor von einer Frau in der Innenstadt als Symbol einer fiktiven Partei der Sicherheit (PS) bekommen, die sich auf satirische Art für mehr Sicherheit einsetzte.

Obwohl ich mich als Journalist ausgab – die Polizei hatte meinen offiziellen Presseausweis kontrolliert –, wurde ich in Handschellen gelegt und zusammen mit drei weiteren Jugendlichen in ein Parkhaus am Stadtrand von Bern gefahren. Dort musste ich zuerst einmal in Handschellen gefesselt in einem Käfig warten (zusammen mit rund 20 bis 35 Personen).

Der Wunsch nach einem Glas Wasser wurde mit hämischen Kommentaren ignoriert, lediglich der Gang auf ein «Trocken-WC» war erlaubt. Gespräche mit anderen Gefangenen vermittelten den Eindruck, dass die Verhaftungen total willkürlich durchgeführt worden waren. So wurde ein älterer Kurde verhaftet, der mit einem Transparent im Bahnhof herumging; weiter viele Jugendliche mit «gefährlichen Waffen» wie einem Markierstift, Gras, Taucherbrillen, Spraydosen oder Schutz- und Vermummungsgegenständen.

Aber auch ein Paar, das Gedichte von Dürrenmatt und Kästner vorlas, wurde inhaftiert oder jemand mit einem Sack Konfetti und Haarspray; Vereinzelte wurden ohne konkrete Gründe in Haft genommen. Nach drei Stunden wurden meine Personalien aufgenommen.

Obwohl ich wiederholt erklärte, dass ich als Journalist arbeite, wurde ich nicht freigelassen. Immerhin wurde mir erspart, mich nackt auszuziehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem zweiten Käfig (ohne Handschellen) fuhr man mich – ohne mich zuvor verhört zu haben – mit einem «Sixpack» (Mannschaftstransporter) um das Gebäude, wo wir in einen dritten Käfig gesperrt wurden (zirka 17 Uhr). Dass wir nicht wie die meisten anderen zu Fuss dorthin geführt wurden, kann ich nur als Psychoterror deuten. Dieser grössere Käfig wurde zusätzlich von drei oder vier Hunden bewacht, die durch die Unruhe sehr gestresst und aggressiv schienen. Auch hier wurde das Verlangen nach Wasser (und Essen) verweigert. Nach mehr als sechseinhalb Stunden wurde ich schliesslich zum Bahnhof gefahren und dort um 20.20 Uhr freigelassen.

Unter dem Motto «Poesie des Widerstands» lesen wir literarische Texte vor (Erich Kästner, Friedrich Dürrenmatt, Hilde Domin, Joachim Ringelnatz, Kurt Marti, Frédéric Beigbeder u. a.). Wir verteilen Flugblätter mit Ausschnitten unserer Lesung und warum wir das tun: «Öffentliche Lesung als Protest gegen das Wef und gegen das Demonstrationsverbot in Bern – mit Kreativität, Lebenslust und Poesie in einem fantasievollen Widerstand für Gerechtigkeit, Friede, Selbstbestimmung in einer gesunden Mitwelt.» Wir, das bin ich, meine Schwester und ihre Kollegin, die Flugblätter verteilen. Erste Lesung beim Hirschengraben. Weiter bis zum Loeb. PassantInnen bleiben stehen und hören zu, kommen zurück, wollen Detaillierteres wissen. Die Reaktionen sind durchwegs positiv. Damit wir im Stadtlärm überhaupt wahrgenommen werden, benutzen wir ein Megafon, um die Texte vorzulesen. Wir ziehen durch die Spitalgasse und werden von der Polizei angehalten. Sie nehmen mir das Megafon weg und kontrollieren die Personalien. Anschliessend heissen sie uns, mit auf den Polizeiposten zu kommen. Wir fragen warum, erhalten aber keine Auskunft. Auf den Hinweis, dass wir jetzt in Handschellen abgeführt werden müssen, appellieren wir an ihre Vernunft.

Wir steigen ins Fahrzeug. Unterwegs gibts Zuwachs. Eine 18-jährige Frau. Im Neufeld-Posten erhält zuallererst unser Bewacher eine harsche Rüge, weil wir nicht in Handschellen abgeführt worden sind. Das wird nachgeholt. Gepäck abgenommen. Es ist jetzt 13.30 Uhr. In einer Garage sind zwei Käfige aufgebaut, durch einen Sichtschutz getrennt. Bevor ich in den ersten Käfig zu den zirka vierzig Insassen reingesteckt werde, muss ich mich an die Wand stellen. Ich werde fotografiert. Ich frage, was mit meinem Bild passiere. Erhalte schlussendlich die Antwort, ich kriege es später wieder (was bei der Entlassung nicht gemacht wird). Im abgetrennten zweiten Käfig befinden sich dutzende Festgenommene, durch den Sichtschutz ist aber nicht klar, um wie viele es sich genau handelt. Im Käfig drin sind sehr viele Romands aus Lausanne, die verhaftet worden sind, als sie im Bahnhof Bern ankamen. Vorwiegend sehr junge Leute. Da ist aber auch ein Kurde, der mit einem Transparent – zusammengerollt! – im Bahnhof Bern festgenommen wurde. Oder ein Journalist, dem in der Stadt ein symbolisches Stück Stacheldraht mitgegeben wurde, zirka fünf Zentimeter lang. Eine Gruppierung hat es in der Stadt verteilt, um so auf ihr politisches Anliegen aufmerksam zu machen. Kommentarlose Festnahmen in all diesen Fällen. Auch keine vorgängigen Aufforderungen, gefährliche Gegenstände wie beispielsweise ein Transparent, das «Stacheldraht-Give-away» oder Texte literarischen Inhaltes wegzulegen, abzugeben oder was auch immer.

Wir warten im Käfig, die Hände auf den Rücken gebunden. Neue Festgenommene folgen. Handys, Zigis, Nastücher – solche Sachen haben sie nicht abgenommen. Einigen gelingt es, trotz Handschellen Telefonate zu machen. So auch mir. Jemand anderem wird das Handy kurzerhand abgenommen. Eine angesteckte Zigarette muss gelöscht werden. Die Käfige sind provisorisch in einer Tiefgarage aufgebaut. Es ist kalt, abzusitzen ist auf dem kalten Betonboden nicht möglich. Einzelne Personen – auch aus dem hinteren Käfig – werden in den Verhörraum geführt. Bei mir dauerts zirka drei bis vier Stunden, bis ich hineingebracht werde. Dort werde ich entfesselt. Sie nehmen meine Personalien auf. Listen meine persönlichen Gegenstände auf inklusive des genauen Betrags Geld im Portemonnaie. Das muss ich unterschreiben. Dann «informiert» mich eine Beamtin, dass jetzt die Leibesuntersuchung anstehe. Ich frage warum. Keine Antwort. Ich frage nochmals, weise darauf hin, ich hätte so was noch nie machen müssen, und verlange deshalb eine Erklärung, warum und wie das gemacht würde. Sie führt mich in den hinteren Teil der Garage in eine Garderobe. Wieder frage ich, was sie denn zu finden gedenke. Während ich mich Stück für Stück ausziehen muss, sagt sie, ich könnte ja ein Taschenmesser, Drogen oder Ähnliches auf mir tragen. Zum Schluss guckt sie mir auch noch in die Unterhose, vorne und hinten. Dann Anziehen und ins Obergeschoss in ein Beamtenbüro. Es ist jetzt zirka 17.30 Uhr.

Nochmals dieselben Fragen bezüglich Personalien. Ich weise sie darauf hin, dass dies bereits zweifach notiert worden sei. Der Fragende bemerkt zum Kollegen, dass «die unten» schludrig arbeiten würden. Ich frage wiederholt, warum ich hier sei. Weil ich ein Megafon benutzt hätte und das Leute auf der Strasse stören könnte. Ich entgegne, dass mich ihre Basler Kollegen in der Marktgasse nicht angewiesen hätten, beispielweise das Gerät abzugeben oder zumindest sofort abzustellen. Sie hätten mich kommentarlos abgeführt. Irgendwie versteht der eine sogar, was ich meine ... Darum seine ergänzende lapidare Begründung zu meiner Festnahme: Wenn ich nicht an einer Demo teilgenommen hätte, wär ich jetzt nicht hier. Aha. Ich weise ihn darauf hin, dass ich weder an einer Demo war noch eine «dargestellt» hätte. Weiterdiskutieren zu wollen, bringt mich an den Rand des Erträglichen. Hier losheulen will ich nicht. Ich schlucke die Wut herunter. Dann Unterschrift für ein identisches Protokoll, was ich bei mir trug; Name, Adresse und so weiter. Der eine Beamte bringt mich runter. Wir verlassen das Gebäude kurz. Dann in den Lift. Tief unter die Erde. Begründung: Es wird jetzt geklärt, ob ich freigelassen werde. Es ist 18 Uhr. Tiefgarage. Zwei abgetrennte Riesenkäfige. Ich gehöre in den «Erwachsenen»-Käfig. Hintendran die «Jugendlichen». All die bekannten Gesichter von oben, von denen, die lange vor mir verhört wurden. Zirka dreissig Leute. Jetzt ohne Handschellen: Aber die Atmosphäre wirkt noch bedrückender. Die tief hängende Decke, viel kälter als oben. Die meisten seit 13.30 Uhr ohne Wasser, keine Sitzgelegenheit, stundenlang gefesselt. Ein Franzose erzählt, beim Verhör habe es eine Beamtin gehabt, die etwas Französisch sprach (oben war mehr als die Hälfte Französisch sprechend!). Er ist alleine da, versteht nichts und ist total verängstigt, tigert rum. Bis es aus ihm herausbricht.

Jemand erzählt, dass oben einer verprügelt wurde. Er hat sich eine Zigi angesteckt, die ihm nicht abgenommen wurde. Mir ist kalt, sitzen kann man nicht. Kauerstellung, der Kreislauf bockt. Wasser gibts keines, auch nach diversen Anfragen. Hunger, Müdigkeit. Ungewissheit, ob wir die ganze Nacht hier bleiben. Niemand gibt Auskunft. Befehl von oben. Order. Niemand ist verantwortlich für das, was sie tun. Um die Käfige herum Polizisten mit Schäferhunden. Diese bellen bei der kleinsten Regung. Nach einer Stunde erster Appell: Vier Käfiginsassen werden aufgerufen, rausgenommen, in Handschellen gelegt und rausgeführt. Dann im Halbstundentakt jeweils vier. Ich werde einzeln rausgeführt – erstaunlicherweise ohne Handschellen. Und sogar vor anderen, die schon länger hier unten eingebunkert sind. Rückgabe persönlicher Gegenstände, ohne Foto. Das bleibt also bei ihnen.

Ich vermute, dass der Druck, den meine Schwester und weitere Bekannte aufgesetzt haben, gewirkt hat. Ich werde direkt rausgeführt, wo meine Schwester auf mich wartet. Es ist jetzt 20.15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt waren noch immer zirka zwanzig Leute in der Tiefgarage. Die meisten seit sieben Stunden festgehalten, ohne absitzen zu können, ohne Wasser (!), ohne Begründung. Später treffe ich den Stacheldraht-Journalisten wieder. Sie alle wurden in Handschellen raufgeführt, Persönliches wurde ihnen zurückgegeben, und per Auto wurden sie zum Bahnhof gefahren.

Ich wollte von 13 Uhr bis 16 Uhr über die verschiedenen Aktivitäten in der Stadt Bern für Radio Rabe berichten. Dazu hatte ich eine Ausrüstung mit Minidisc und Mikrofon dabei. In einer Vorbesprechung wurden alle wichtigen Angelegenheiten dazu besprochen – dabei erhielt ich auch eine schriftliche Bestätigung von Radio Rabe, welche ich zusammen mit dem Presseausweis auf mir trug.

Ich war mit B. zusammen unterwegs – zuerst wollten wir um 13 Uhr über die Aktion «Poesie des Widerstands», welche M.K. sowie zwei weitere Aktivistinnen durchführen wollte, berichten. Dabei handelte es sich um eine mobile öffentliche Lesung von literarischen Texten. Dank einem Megafon sollte die Lesung trotz Stadtlärm wahrgenommen werden können.

Ich wollte diese Sache aufnehmen, und da ich mit allen drei gut bekannt bin, half ich zu Beginn der Aktion kurz mit, indem ich ihnen das Megafon vom Bahnhof zur Spitalgasse trug. Nach einer kurzen Lesung am Loeb-Egge hielten uns in der Spitalgasse bereits mehrere Polizisten auf und verlangten den Ausweis. Diesen behielten sie vorerst. Nach einem kurzen Wortwechsel hiess es dann gleich, wir müssten auf den Polizeiposten mit. M.K. wies darauf hin, dass sie ihnen das Megafon abgeben würde, falls dieses das Problem sei. Die Polizei ging aber nicht darauf ein. Ich habe darauf hingewiesen, dass ich als Journalist unterwegs bin, und wollte meinen Ausweis vorlegen (hatte ihn an der Jacke befestigt) – keine Reaktion. Wir fragten auch nach, weshalb sie uns mitnehmen wollten. Darauf erhielten wir auch keine Antwort, sondern lediglich die Aufforderung, die Handschellen anzuziehen und mitzukommen. Wir wurden sonst weder durchsucht, noch wurden die Gepäckstücke angeschaut. Wir widersetzten uns auch auf keine Art und Weise der Ausweiskontrolle, sondern stellten lediglich Fragen nach dem Warum.

Dank gutem Zureden liessen sie uns aber ohne Handschellen einsteigen. Drei Polizisten waren im Auto – unterwegs luden sie noch eine weitere verhaftete Frau ein. Mit einem etwas älteren Berner Polizisten – der uns gegenübersass – konnten wir diskutieren, und dieser war auch sehr korrekt. Doch nach der Ankunft im Neufeld wurden wir einzeln ausgeladen und sofort einzeln in eiserne Handschellen gelegt. Wir mussten uns an die Wand stellen und wurden fotografiert. Alle Gegenstände und Taschen wurden abgenommen. Anschliessend gings in einen ca. 10x10 m grossen Käfig, der in der Einstellhalle provisorisch installiert wurde. Dort waren bereits etwa dreissig bis vierzig Personen anwesend – alle auf dem Rücken gefesselt. Die Käfige wurden von mehreren Polizisten bewacht. Telefonieren war nicht erlaubt (einer Person wurde dabei das Handy weggenommen). Mit M.K. zusammen schaffte ich es trotz Handschellen unbemerkt, einige wichtige Stellen draussen telefonisch über unsere Festnahme zu informieren.

Ich wollte wissen, warum ich hier sei, und erhielt keine Antwort. Ebenso wurde die Bitte nach Wasser nicht beachtet. Nach einiger Zeit schaffte ich es, trotz Handschellen die Hände nach vorne zu nehmen. Dies wurde von einem Polizisten gesehen – sofort öffnete er den Käfig und riss mich an den Handschellen nach draussen, wobei er mir das Handgelenk verrenkte und kleinere äussere Verletzungen am Handgelenk zufügte. Die Handschellen wurden geöffnet und mir die Hände wieder auf dem Rücken zusammengebunden.

Wir konnten nicht absitzen, da die Käfige auf dem Betonboden aufgebaut waren und diese eiskalt waren. Wir froren in dieser Kälte ohne Möglichkeit, uns besser/wärmer anzuziehen (obwohl ich beim Gepäck, das mir abgenommen wurde, weitere Socken gehabt hätte).

Nach etwas über drei Stunden (Schätzung) tauchten im Eingang der Einstellhalle plötzlich meine Eltern auf – ich konnte ihnen kurz zurufen, bevor sie wieder von der Polizei rabiat zurückgedrängt wurden. Wie ich später am Abend erfuhr, kamen meine Eltern aus Basel zum Neufeld-Parking, als sie über Kollegen von meiner Verhaftung informiert wurden. Sie konnten zuerst unbemerkt bis zur Einstellhalle vordringen, und erst dort wurden sie scharf aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Es schien aber, dass die Polizei dadurch trotzdem nervös wurde.

Nach zirka dreieinhalb Stunden (keine genauen Zeitangaben möglich) wurde ich herausgeholt. Ich wurde in ein Zimmer geführt zu einem Polizisten hinter einem Bildschirm. Dieser wies auf meinen Presseausweis, der noch immer an meiner Jacke hing, und sagte zu seinen Kollegen: «Nehmt ihm dieses Ding weg. Es interessiert uns einen Scheissdreck!», und warf den Ausweis auf die Seite. Alle meine Utensilien wurden bis aufs Kleinste untersucht. Dazu wurde ich schikaniert, lächerlich gemacht, und mehrere Polizisten (und Polizistinnen) im Raum lachten mit. Ich erlebte es als bewusste und gezielte Demütigung. Die ganze Stimmung war enorm aggressiv, feindlich, und es folgten diverse Drohungen.

Anschliessend ging es in eine kleine Kabine, die Tür wurde nicht geschlossen. Ein Polizist blieb dabei vor der Tür stehen. Ich musste mich ausziehen. Ich frage ihn, ob ich mich vollständig entkleiden müsse. Die Antwort war ein knappes «Ja». Ich zog meine Hose und meine Unterhose aufs Mal ab, bedeckt mich aber dann sogleich wieder mit der Unterhose. Der Polizist untersuchte jedes Kleidungsstück ganz genau und ausführlich, dann durfte ich mich wieder anziehen.

Ich wurde dann in den zweiten Käfig geführt, diesmal ohne Handschellen. Es waren vielleicht noch etwa zehn Leute dort. Im ersten Käfig aber waren inzwischen neue Leute eingetroffen, sicherlich etwa zwanzig. Etliche davon kamen aus Deutschland, soviel ich von ihnen erfahren habe. Nach wiederum einer halben Stunde kam ich dann zum Verhör. Doch dieses wurde gar nicht durchgeführt wie angekündigt. Stattdessen lagen meine Utensilien auf einem Haufen, und ich musste unterschreiben, dass ich diese wieder zurückhabe. Auch die Bestätigung, dass ich für Radio Bern unterwegs war, lag wie zuvor im Plastikumschlag dabei. Trotz Nachfragen meinerseits, warum ich überhaupt eingesperrt wurde, erhielt ich keine Antwort dazu. Keinerlei Fragen zur Person. Nach meiner Frage nach dem Einsatzleiter wurde mir auch kein Name genannt, so wenig mir auch sonst den ganzen Nachmittag auf Nachfrage kein einziger Polizist seinen Namen nannte. Und als ich ankündigte, ich würde gegen sie klagen, kam eine spöttische Antwort: «Alle Schadenersatzforderungen und sonstigen Wünsche einfach an Einsatzleiter Polizei, 3000 Bern» senden.

Dann wurde ich vor die Tür gestellt, wo meine Eltern auf mich warteten. Es war zirka 17.15 Uhr. Nachdem ich noch mehrmals interveniert hatte, erhielt ich auf Drängen das Foto, welches von mir erstellt wurde.

Erst beim Einräumen meiner Habseligkeiten bemerkte ich, dass der Presseausweis aus dem Plastikumschlag entfernt worden war und nicht mehr bei den Gegenständen zu finden war. Anscheinend wurde er bewusst oder unbewusst zurückbehalten oder fortgeschmissen, was auch zu der oben erwähnten Bemerkung der Polizisten passen würde.

Mir wurden bis zuletzt keinerlei Gründe genannt, weshalb ich überhaupt so lange festgehalten wurde.

Wir warteten vor dem Eingang auf M.K. – doch nach etwa einer Stunde kam ein Polizist und sagte uns, wir müssten hier nicht mehr warten auf M.K., sie würde ins Gefängnis in die Stadt verlegt. Ich ging mit mehreren Leuten dorthin, wurde aber ohne Informationen aus dem Haus geworfen und schikaniert. Erst nach längerer Zeit nahm ein etwas älterer Polizist unsere Angaben ernst und fragte intern nach. Dort erfuhren wir, dass M.K. im Gegensatz zu den ersten Aussagen immer noch im Neufeld sei und in zirka eineinhalb Stunden am Bahnhof freigelassen werde. Etwas nach 20 Uhr war es dann so weit, sie wurde im Neufeld vor die Tür gestellt.

Fazit:

Von 13 Uhr bis 17 Uhr ohne Angabe von Gründen mit Handschellen, ohne Wasser und ohne Sitzgelegenheit frierend in der Kälte festgehalten. Ich wurde leicht verletzt (Verstauchung und Schürfung), als ich an den Handschellen gerissen wurde (Arztzeugnis folgt), mir wurde der Presseausweis nicht zurückgegeben. Offiziell keine Möglichkeit, Angehörige zu informieren. Untersuchung mit Ausziehen. Diverse Verhöhnungen.

Was ich sonst noch gehört habe:

  • Ein Mann war im Käfig, der wegen eines kleinen Stücks Stacheldraht, welches in der Stadt von Aktivistinnen symbolisch verteilt wurde, ebenfalls verhaftet worden war.
  • Ein Mann wurde verhaftet nach der Ankunft im Bahnhof Bern, ohne irgendwelches Material auf sich zu tragen.
  • Eine Frau wurde auf der Lorrainebrücke verhaftet, weil sie eine Schutzbrille auf sich trug. Ihr Freund wurde laufen gelassen.
  • Ein Mann wurde im Bahnhof Bern verhaftet, als er mit einem zusammengerollten Transpi unter dem Arm unterwegs war.
  • Ich hatte gesehen, dass die Polizei mit Hunden aggressiv auf ankommende Leute reagiert hat. Hundegebell. Kurzer Tumult, Genaues war aus dem Käfig nicht ersichtlich.
  • Einer Person wurde das Handy weggenommen, die Polizei spielte kurz damit/drückte auf den Tasten herum.
  • Keinerlei Reaktion von den bewachenden Polizisten, weder auf Bitte nach Wasser noch auf Anfragen, weshalb man hier sei und so weiter.
  • Habe von Dritten gehört, dass eine 13-Jährige unter den Verhafteten sei.

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