Nr. 05/2005 vom 03.02.2005

Vom Reden über Landwirtschaft

Landwirtschaft und Industrie funktionieren nicht gleich. Da bringt es auch nichts, wenn man von Bäuerinnen und Bauern dieselbe Effizienz verlangt.

Von Peter Moser

Zumindest in einer Frage ist man sich einig: Es gibt nicht nur immer noch viel zu viele Bauern und Bäuerinnen, sondern auch zu viel Landwirtschaftsland und zu viele Kühe.

Täglich wird uns mitgeteilt, dass die Landwirtschaft auf Kosten der Schulkinder in der Schweiz und der Armen in der Welt lebe; dass sie zudem für den Klimawandel und die Arbeitslosigkeit verantwortlich sei, weil ihre ineffizienten Strukturen ein stärkeres Wirtschaftswachstum verhinderten. Da ist es beruhigend, zu wissen, dass besorgte Publizisten und staatlich besoldete Ökonomen auch künftig unermüdlich gegen diesen Irrsinn ankämpfen werden. Genauso wie milliardenschwere Schönredner, abgehalfterte Popstars und innenpolitisch bedrängte Regierungschefs sich alljährlich in Davos wortreich für die Armen der Welt einsetzen.

Die praktisch ausschliesslich von älteren, materiell gut situierten Herren gebetsmühlenartig vorgebrachten Meinungen zur Landwirtschaft sind derart widersprüchlich und konfus, dass auch ein Rekurs auf die Fakten keine Klarheit mehr schaffen kann. Wenn die Landwirtschaft von liberalen Politikern wie Charles Poncet zur «alten, runzligen Hure» erklärt wird, wenn in der (agrar)politischen Diskussion Slogans wie «Bildung statt Butter» und «Geiz ist geil» Oberhand gewinnen, dann ergibt nicht einmal mehr das Gegenteil vom Gesagten auch nur annähernd Sinn. Auf diese Pauschalurteile kann so lange gar nicht sinnvoll eingegangen werden, als hier Kraut und Rüben vermischt werden.

In dieser Situation gibt es offenbar nur noch zwei halbwegs vernünftige Verhaltensweisen. Die eine wäre: zu schweigen. Die andere ist: danach zu fragen, was Menschen unterschiedlichster politischer Richtungen dazu bringt, praktisch sämtliche agrarischen Phänomene als Ausdruck eines irrationalen oder verschlagenen Verhaltens der bäuerlichen Akteure zu deuten, statt nach dem gesellschaftlichen Kontext und den sachlichen Ursachen zu fragen, unter denen sie entstanden sind?

Projektionsfläche

Das heutige Reden über die Landwirtschaft krankt an zwei Übeln: Es herrscht eine grosse Verwirrung über Ursachen und Wirkungen. Und es handelt sich um eine Stellvertreterdiskussion. Es geht kaum je um die reale Landwirtschaft. Sie dient vielmehr als Projektionsfläche, um die Probleme der modernen Gesellschaft zu besprechen. Diese thematisiert man allerdings nur so weit, wie allfällige Folgerungen die eigenen Lebensbereiche nicht tangieren.

Dass gerade das Thema Landwirtschaft von vielen modernen «Experten» bevorzugt wird, hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass jedeR die Ergebnisse der landwirtschaftlichen Tätigkeit über das Essen in sich aufnimmt. Dadurch sind wir alle physisch davon betroffen, was die Landwirtschaft auf welche Weise produziert. Es ist diese unmittelbare Betroffenheit, die zum - an sich erfreulich - grossen Interesse am Agrarsektor führt. Aber das Fehlen einer adäquaten Begrifflichkeit zur Beschreibung und Analyse der Landwirtschaft führt dazu, dass die Betroffenheit nicht kritisch-kreativ, sondern kompensatorisch fordernd-mitleidig umgesetzt wird.

Das beim Konsum von Nahrungsmitteln durch immer unsinnigere Preisdrückungsmechanismen eingesparte Geld wird zur Begleichung der steigenden Kranken- und Umweltkosten verwendet. Das löst zwar auf der Sachebene kein Problem, zählt aber auf der monetären als Erfolg, weil es Wachstum schafft.

Andere Ressourcen

Ein Hauptgrund für diese (von den Beteiligten aber kaum je als solche wahrgenommene) Konfusion liegt darin, dass die Begriffe und Theorien an einer industriellen Realität entwickelt worden sind. So werden Phänomene in der Landwirtschaft heute oft schlicht falsch benannt - und können deshalb logischerweise auch nicht richtig gedeutet werden. Also werden nur noch die angeblichen statt der wirklichen Deformationen thematisiert und die Ursachen der Probleme und das Potenzial einer bäuerlich-biologischen Landwirtschaft für eine zukunftsfähige Gesellschaft verschwinden gänzlich aus dem Blickfeld. Um überhaupt wieder eine vernünftige Diskussion über die Landwirtschaft führen zu können, müssen deshalb zuerst die Begriffe geklärt und die Zielsetzungen und die Funktion der Landwirtschaft in der modernen Gesellschaft benannt werden.

Die Industrie und die Landwirtschaft sind beide von natürlichen Ressourcen abhängig. Die Landwirtschaft nutzt lebende Ressourcen wie Tiere und Pflanzen. Die Produktion ist daher durch eine Obergrenze gekennzeichnet, ein exponenzielles Wachstum ist nicht möglich. Zudem hängt die Landwirtschaft saisonal vom klimatisch bestimmten Produktionskalender ab und kann nur dezentral erfolgen. Dem gegenüber steht die Industrie, die mineralische Vorräte (Erdöl, Kohle) verbraucht und ständig produzieren kann. Das führt zu ganz unterschiedlichen Potenzialen der wirtschaftlichen Organisation in den beiden Bereichen. Die landwirtschaftliche Produktion erfolgt in einem Nutzungsvorgang, der in jedem Fall weniger effizient ist als der industrielle Verbrauch der natürlichen Ressourcen. Kurz: Die Landwirtschaft ist bodenabhängig, die Industrie- und noch viel mehr die Konsumgesellschaft jedoch sind lithosphärensüchtig. Das bedeutet, sie gründen auf dem Verbrauch jener in der unbelebten Lithosphäre nur begrenzt vorhandenen Mineralien, die sie nach der Umwandlung im Wirtschaftsprozess in die belebte Biosphäre einführen (konkret endet der aus Erdöl hergestellte Autoreifen nicht wieder als Erdöl in der Lithosphäre, sondern als nicht abbaubarer Abfall in der Biosphäre).

Auswirkungen der Agrarpolitik

Wird die staatliche Agrarpolitik im Interesse der Bauern oder der Industriegesellschaft betrieben? Ist sie also sektorielle Interessen- oder Gesellschaftspolitik? Diese Frage ist relevant, weil es zur Beurteilung der konkreten agrarpolitischen Massnahmen unerlässlich ist, den grundlegenden Charakter der staatlichen Agrarpolitik zu verstehen. Wer wie Peter Bodenmann und die meisten anderen agrarpolitischen Kommentatoren heute immer noch davon ausgeht, dass die Agrarpolitik das Produkt «politisch hyperaktiv» gewordener «unterbeschäftigter Bauern», konkret also jener rund dreissig bis vierzig Hinterbänkler mit landwirtschaftlichen (Ver)Bindungen im Parlament, sei, foutiert sich nicht nur um alle historischen Erkenntnisse der letzten zehn Jahre in diesem Bereich, sondern kann auch nicht erklären, wieso dann die bäuerliche Bevölkerung zu einer fast schon exotischen Randgruppe geworden ist.

Der Charakter der staatlichen Agrarpolitik besteht denn auch in erster Linie darin, dass es ihr gelungen ist, die Landwirtschaft nach dem Modell der Industriegesellschaft zu gestalten und teilweise auf die gleichen Grundlagen zu stellen. In diesem Prozess der Vergesellschaftung des Agrarsektors, die im Ersten Weltkrieg einsetzte und in den fünfziger und sechziger Jahren einen Quantensprung erlebte, wurde die bäuerliche Nahrungsmittelproduktion immer mehr von einem individuellen Gewerbe zu einem sozialen Amt oder einem Service public. Die mit der Umsetzung dieser Politik betreuten landwirtschaftlichen Organisationen verstehen sich realistischerweise denn auch schon lange nicht mehr primär als Vertreter sektorieller Partikularinteressen, sondern vielmehr als Verbände «mit offizieller Stellung und Zweckbestimmung» - das heisst konkret Vollzugsorgane der staatlichen Agrarpolitik.

Es gab positive Folgen: So ging die körperliche Belastung der Menschen in der Landwirtschaft zurück, und die Nahrungsmittel für die KonsumentInnen wurden dramatisch billiger. Heute wendet ein Schweizer Haushalt im Durchschnitt weniger als zehn Prozent seiner Ausgaben für Nahrungsmittel auf - im Vergleich zur Kaufkraft also weltweit am wenigsten.

Aber die «Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion» hatte auch negative Konsequenzen, die wir vor allem aus der Tierproduktion kennen. Die Eier sind heute nicht zuletzt deshalb so billig, weil die Hühner - analog zu Industrielogik - auf eine einzige Eigenschaft hin, in diesem Fall das Eierlegen, gezüchtet wurden. Die männlichen Küken, die keine Eier legen können, müssen deshalb gleich nach dem Schlüpfen getötet werden. Weil das moralisch empörend und zudem immer noch weniger «effizient» als die serielle Produktion von Industriegütern ist, liefert es erst noch eine doppelte Angriffsfläche für all jene Schnellschreiber, die sich nicht um die sachlichen Zusammenhänge kümmern.

Verwirrung, Vermischung

Wer also nicht zwischen den je unterschiedlichen Potenzialen und Grenzen der agrarischen Produktion und der industriellen Verarbeitung unterscheidet, trägt zur Verwirrung bei. Er tendiert dazu, von der Landwirtschaft - ebenso wie umgekehrt von der Industrie - Sachen zu verlangen, die sie allein aufgrund ihrer unterschiedlichen Ressourcenbasis nicht leisten können: Denn die Landwirtschaft kann nachhaltig nutzen, aber nicht «effizient» in einem industriewirtschaftlichen Sinne produzieren, die Industrie hingegen kann «effizient» verbrauchen, aber nicht «nachhaltig» im ursprünglichen Sinne des Wortes produzieren. Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, kommt logischerweise zum absurden Schluss, dass weniger Landwirtschaft mehr Natur bedeute - und beschleunigt damit den Verbrauch jener natürlichen Ressourcen, die nicht erneuert werden können. Weil das jedoch keine zukunftsfähige Lösung ist, würde es sich vielleicht lohnen, trotzdem noch einmal die Ursachen jener konfusen (Vor)Urteile zu thematisieren, statt zu deren inflationärer Vermehrung einfach zu schweigen. Es könnte ja sein, dass wir eines Morgens erwachen und der Tisch nicht mehr gedeckt sein wird. Plötzlich muss sich die Gesellschaft dann auch wieder mit den Bedingungen der Produktion und nicht mehr nur mit der Steigerung des Verbrauchs und der Entsorgung beschäftigen. Denn so gut sich die Landwirtschaft heute offenbar als Projektionsfläche infantiler Wunschvorstellungen auch eignet, ihr gesellschaftlich weitaus nützlicheres Potenzial liegt darin, dass sie bei entsprechenden Rahmenbedingungen die Menschen auf nachhaltiger Grundlage ernähren könnte.

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