Nr. 05/2005 vom 03.02.2005

Hotel «Schöne Aussichten»

++ Erster Konzern aus Wef ausgestiegen ++ Übelste Konzerne prämiert ++ Bankgeheimnis angegriffen ++ Filmstars verhaftet ++ Sicherheitsdispositiv geknackt ++

Von Daniel Ryser und Constantin Seibt

Hi, hier ist die Wochenzeitung. Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Januar-Reportage: So war das Wef! Wir schalten hinüber in die nächtliche Post-Bar. Wie siehts aus, aufregend?

Constantin: Nein, alles friedlich. Das Post-Hotel, in dem fünf Bundesräte abgestiegen sind, um in Halbstundenschichten Schweizer Aussenpolitik zu machen, indem sie Hände schütteln, ist durch eine Flughafenschleuse gesichert, nachdem letztes Jahr ein Feuerwerkskörper im Treppenhaus entdeckt wurde.

Daniel: Drei Tische weiter haben wir Bundesrat Samuel Schmid. Aber Schmid sagt nichts, er sitzt nur da und faltet die Serviette, blickt ein bisschen traurig auf den Falt. Das Ehepaar, mit dem er sitzt, und ein Militär am Tisch denken über ein Thema nach. Aber nichts als Lächeln und Schweigen. Oh! Jetzt erhebt sich Schmid, sein Leibwächter springt vom Nebentisch auf, und mit Schmid geht der Mann mit dem schwarzen Koffer ...

Der legendäre Koffer!

Ja. Das kann nur der Koffer sein mit der Verbindung zur Abschusszentrale, die Freileitung zum Abschuss herannahender Passagierflugzeuge, die sich von Islamisten gekapert in Superbomben verwandeln und ins Kongresszentrum oder das Hotel Post gesteuert werden könnten. Laut Depeschenagentur SDA gab es sechs Zwischenfälle mit Passagierflugzeugen, aber die Sicherheit des Wef war nie bedroht.

Sehr gut, somit ist die Produktionssicherheit gewährleistet!

+++ZIELE 2005+++

Nicht nur jene der Reporter, sondern auch von: 1000 Topkonzernchefs (von ABB bis Zurich), 250 Mittelklasssepolitikern (von Bundeskanzler Gerhard Schröder bis Joseph Deiss), 250 Experten, 250 Kulturmenschen (Sharon Stone, Angelina Jolie, Paulo Coelho), 250 World Media Leaders, dazu Hundertschaften von Domestiken, Journalisten und Lobbyisten (unter anderem Exbotschafter Thomas Borer und Ex-CVP-Präsident Adalbert Durrer – beide sind in der Privatwirtschaft dicker geworden und wirken wie ausgestopft), Kirchenleute, die Plakate aufhängen wie «Jesus, der CEO der Christen, war Schuhputzer», dazu Winterskitouristen, Einheimische und 3000 Polizisten und Militärs, dutzende Leibwächter ... Apropos Leibwächter: Einer davon ist ein alter Kollege, ein punkfreundlicher Skin aus Kreuzlingen ... Früher hat er mit seinen grossen Fäusten Rechtsextreme verprügelt. Fand längere Zeit keinen Job. Fing dann beim Zoll zu arbeiten an. Jetzt steht er am Eingang des Hotels mit Stecker im Ohr und Knarre unter dem wahrscheinlich einzigen Anzug, den er besitzt: Er ist Leibwächter unserer Bundesräte.

Aber damit zu den harten News: Wir schalten zu Michael Stopford, Head of Global Communications des Agrokonzerns Syngenta:

++SYNGENTA VERLÄSST ALS ERSTE FIRMA DAS WEF++

Mr. Stopford, warum hat Syngenta die Wef-Mitgliedschaft gekündigt?

Ganz einfach. Es gibt unserer Ansicht nur einen einzigen Grund, beim Wef Mitglied zu sein: nach Davos zu kommen. Und der einzige Sinn, den unser CEO und unser Chairman in Davos sehen, ist: persönliches Networking. Und beide denken, sie haben Besseres zu tun, als auf Kosten der Aktionäre eine Woche in Davos zu verbringen.

Ja, wir denken, die NGOs sind für uns als Player wichtiger und interessanter als das Wef. Auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind.

++DIE UNVERANTWORTLICHSTEN UNTERNEHMEN 2005!++

Damit zur Preisverleihung: Patrick Frey, Moderator, zitiert zunächst den grossen Abwesenden des Wef, George W. Bush: «Freedom ... Freedom ... Liberty ... Freedom ... Liberty ...Freedom ...Liberty ...Liberty ...Freedom ... Freedom ... Freedom ... Liberty ...» Der erste Preis in der Kategorie Menschenrechte geht dann auch an ein amerikanisches Unternehmen: THE DOW CHEMICAL COMPANY. (Applaus!) Dow ist die Besitzerin von Union Carbide, die verantwortlich ist für Bhopal, eine der grössten Chemiekatastrophen der Geschichte. Aus der Preisrede der indischen Aktivistin Rachna Dingra:

Rachna: Wenn Sie nach Bhopal kommen, dann werden Sie sehen, dass diese Stadt mehr Apotheken und Spitäler besitzt als irgendeine andere gleich grosse Stadt in Indien. Wir wissen noch nicht einmal, welches Gift den Boden verseucht. Auf Fragen unserer Ärzte antwortet Dow noch immer mit: Geschäftsgeheimnis ... Das Wef tagt dieses Jahr unter dem Motto: «Taking Responsabilities for Tough Choices» (Verantwortung übernehmen für harte Entscheidungen). Dow kennt keine Verantwortung für harte Entscheidungen. Sie sollten eine Mutter aus Bhopal fragen, die sich entscheiden muss, ob sie ihr Kind mit verseuchtem Wasser oder ihrer verseuchten Muttermilch ernähren soll. Sie sollten einen Vater fragen, der sich fragt, ob er seiner Familie für fünfzig Rupien Tageslohn Lebensmittel oder Medikamente kaufen soll ...

Weitere Preise gehen an: SHELL für Umweltzerstörung in Nigeria trotz gegenteiligen Versprechen; die Riesenbilligkette WAL-MART für die Nulllöhne in den Kleiderfabriken in Afrika und Asien, sowie ...

Sorry, wir unterbrechen hier mit einer Meldung von der anderen Seite des Stacheldrahtes. Aus dem Wef erreicht uns von unserem eingebetteten Korrespondenten Marc Badertscher die Nachricht, dass der französische Präsident Chirac soeben die Schweiz angegriffen hat.

++CHIRAC ATTACKIERT SCHWEIZ++

Marc: Hallo zusammen. Soeben hat sich Chirac per Video gemeldet – ziemlich verärgert, weil sein Flugzeug im Schnee von Paris stecken geblieben ist. Aber dann hat er die Bombe gezündet: Er hat zur Finanzierung vom Kampf gegen Aids und Hunger vier Vorschläge gemacht: 1. Eine internationale Steuer auf alle Finanztransaktionen von 0,01 Prozent. Also exakt die Tobin-Steuer, die die Globalisierungskritiker von Attac immer gefordert haben. 2. Besteuerung von Flugkerosin. 3. Eine Eindollartaxe auf jedes Flugticket. Oder 4. Eine Sonderabgabe für alle Länder, die mit einem Bankgeheimnis Profite machen. Die Schweizer Politiker hier sind entsprechend begeistert. Damit zurück zur Preisverleihung ...

Danke Marc, eben hat NESTLÉ den Publikumspreis als unverantwortlichstes Unternehmen gewonnen. Gratulation! Warten wir, was der CEO Peter Brabeck später an der Schwurbelveranstaltung Open Forum dazu sagen wird.

Brabeck: Wir werden wieder einmal beschuldigt, dass wir uns in armen Ländern, vor allem in Kolumbien, nicht um die Rechte der Arbeitnehmer kümmern. Wahrnehmung und Realität liegen bei dieser Behauptung weit auseinander. Wenn dem so wäre, warum wurden wir dann vor kurzem von der kolumbianischen Regierung für unsere Investitionen ausgezeichnet?

Zuschauer: War das nicht exakt der gleiche Preis, den der Drogenchef Pablo Escobar bekam – als er einige seiner Millionen in Universitäten steckte?

Brabeck: Ich sehe den Zusammenhang nicht zwischen Nestlé und einem Drogenhändler.

Bevor wir zum heissesten Thema, den Steuern, kommen: Dani, unser Aussenreporter meldet Veränderungen in der Sicherheitslage!

++IRRE GLOBALISIERUNGSGEGNER++

Daniel: Hi! Ich stehe hier vor dem wie ein Konzentrationslager bewachten Luxushotel Belvedere. Endlich hat die Polizei einen Angreifer entdeckt ... Es ist offensichtlich ein Mann mit Down-Syndrom. Er tanzt auf der Strasse mit einer Hose in der Hand. Und die Polizisten sind sich sicher: Der Feind ist da! «Er hat ein Gewehr», schreit einer, «los!» Drei Polizisten stürmen los, reissen den Mann in den Schnee. Da, Passanten – wohl eine subversive Gutmenschen-Ansammlung – gehen dazwischen. Der Behinderte rennt schreiend davon, die Hose noch immer in der Hand. Die Polizisten postieren sich wieder vor dem Eingang. Der Feind konnte vorerst zurückgeschlagen werden. Und damit zurück zur politischen Substanz.

++STEUERN: ZUKUNFT DES PROTESTS+++

Constantin: Danke, Daniel. Wir nähern uns dem kommenden Topthema von Wef und Anti-Wef: Steuervermeidung. Es ist das Dossier, von dem Jeffrey Owens, der oberste Fachmann der OECD, gesagt hat: «Steuern sind das, was vor zwanzig Jahren die Umwelt war.» Sie haben ein hohes Protestpotenzial: Schon allein, weil aus den Entwicklungsländern jährlich fünfzig Milliarden Dollar in Richtung Steueroasen wie die Schweiz fliessen ... so viel wie die gesamte Entwicklungshilfe.

John Christensen, Sekretär Tax Justice Network: Im Prinzip ist die Sache sehr einfach: Unternehmen investieren am liebsten dort, wo gut ausgebildete Leute, gute Infrastruktur und ein kaufkräftiger Markt bestehen. Nur: Sie weigern sich, die Rechnung zu bezahlen. Dank Steueroasen zahlen multinationale Unternehmen fast keine Steuern. Die Auswirkungen sind schädlich für alle: Sie überrollen damit die lokale, steuerzahlende Konkurrenz, zwingen den Staat, KMU, Konsumenten und Arbeiter zu schröpfen, ruinieren dadurch die Kaufkraft …

Mr. Christensen, kam der Vorschlag von Chirac überraschend?

Für mich nicht: Chirac hat schon öfter darüber nachgedacht. Ausserdem hat er Redeschreiber auch bei Attac. Und auch andere Staaten – etwa Deutschland – sind sehr wütend über Steueroasen. Speziell über die Schweiz, die mit Luxemburg und Österreich zusammen alle Absprachen gegen den europäischen Steuerwettbewerb sabotiert. Überrascht hat mich aber, wie deutlich Chirac war. Und wie überrascht die Schweiz reagierte.

++UNROUTINIERTE SCHREIE++

Bundesrat Hans-Rudolf Merz: Chiracs Vorschlag ist absurd!

Schweizer Bankiersvereinigung: Chiracs Vorschlag ist seltsam. Kapitalflucht hat doch nichts mit Bankgeheimnis zu tun. Der Grund dafür liegt in den Drittländern.

Bundesrat Joseph Deiss: Ich bin generell gegen Steuern auf Finanztransaktionen.

Bundesrat Pascal Couchepin: Die Schweiz ist vorbildlich in der Bekämpfung der Armut. Wir haben zum Beispiel unsere Textilindustrie zugunsten der armen Länder geopfert.

Hubert Achermann, Chef von KPMG Schweiz, nach Erhalt des Public-Eye-Preises für Steuervermeidung: Ich gebe zu, dass wir in Amerika zuweilen hart an die Grenzen gegangen sind. Aber wir haben den Preis trotzdem nicht verdient ... andere Revisionsfirmen haben das Gleiche gemacht. Es ist heute ein ethisches Problem, wie viel Steuern eine Firma bezahlen will.

Ein Sprecher von Ernst & Young, im SF DRS: Wir minimieren doch keine Steuern! Wir ... äh ... optimieren sie!

Hervé Gaymard, französischer Finanzminister: Jedermann weiss, dass Eliten in den Entwicklungsländern Entwicklungshilfegelder veruntreuen und in geschätzten Ländern platzieren. Die Vorstellung, dass ein Teil der Gewinne dorthin wieder zurückfliesst, ist nahe liegend.

Der Schweizer Ständerat (am Montag darauf): Schlägt vor, die Entwicklungshilfe um weitere 234 Millionen Franken zu kürzen.

++ABENDVERGNÜGEN DER DAVOSER JUGEND++

Ryser (im Anzug) auf dem Weg in das Snowboarder-Pub Bolgenschanze: Wo ist denn die Bolgenschanze?

Mädchen: Das willst DU sicher nicht wissen!

Dort angekommen, beklagt sich Seibt (auch im Anzug), dass man ohne Badge nicht einmal mehr in die verdammten Luxushotels hineinkomme.

Unbekannter Punk (ohne Anzug): Doch.

Seibt: Red kein Blech. Das «Belvedere» ist eine verfluchte Hochsicherheitszone. Da bin ich vor zwei Jahren kaum mit dem Journalistenbadge hineingekommen.

Punk: Wir kommen da rein. Wollt ihr für morgen auch ein Badge? Ein gültiges ... ohne Foto? Für temporäre Hotelangestellte?

Ryser: He, wir würden sterben dafür!

++INTERVIEW MIT MARY ROBINSON AUF EINEM PANEL ZUR VORSTELLUNG EINER UNTERNEHMENSKRITISCHEN WEBSITE++

Mary Robinson, Sie kennen Politik aus vielen Positionen. Sie waren Präsidentin von Irland, Uno-Hochkommissarin für Flüchtlinge, nun unterstützen sie NGOs. Was sind die Unterschiede in dem, was man bewirken kann und was nicht?

Ich war als Uno-Kommissarin immer dort, wo es brannte. Ich weiss, dass in Afrika drei von vier Aids-Neuinfizierten junge Mädchen sind. Und ich habe eine Enkeltochter, die in Irland aufwächst, in Sicherheit, geliebt, ohne Nahrungssorgen ...Das macht mich noch wütender!

Eigentlich interessierte mich, ob ...

Unsere Arbeit ist sehr wichtig! Wissen Sie, dass jeden Tag 45 000 Kinder an Hunger sterben ... Aber da winkt mein Mann! Ich muss weiter zu einem anderen Meeting.

Bei den ganzen Terminen – kann man noch klar denken? Redet man da nicht automatisch?

Ich rede nie automatisch! Ich habe eine Enkeltochter, und seitdem bin ich noch wütender!

PS: Die vorgestellte Website www.business-humanrights.org ist nebenbei wirklich brauchbar: Sie listet NGO-Meldungen, Artikel und PR-Statements zu über 2000 Firmen auf.

++YES MEN VERHAFTET++

Mitternacht. Interview nach der Davoser Filmpremiere des Dokumentarfilms «Yes Men» mit dem Hauptdarsteller
Mike Bonanno. Dieser war mit seinem Mitaktivisten Andy Bichlbaum als falscher WTO-Vertreter in offizielle Kongresse eingedrungen – und hatte unter anderem einmal die WTO offiziell für tot erklärt:

WOZ: Wie war der Davoser Knast?

Bonanno: Oh, Scheisse, hat Ihnen das Andy erzählt? Wir versuchten ja nur reinzukommen.

In den Knast?

Nein, ins Wef. Aber das Ergebnis war dasselbe. Wir dachten, das muss doch möglich sein. Also kletterten wir unter der Absperrung durch. Soldaten stürzten heran, Polizisten kamen und legten uns Handschellen an. Sie verhörten uns getrennt. Dann liessen sie uns wieder laufen. Aber zuerst mussten wir eine Busse von 300 Franken bezahlen.

War das Ihre erste Verhaftung?

Ja. Es ist unglaublich, zum ersten Mal in Davos, zum ersten Mal verhaftet.

Die Opfer ihrer Aktionen sind nie gegen Sie vorgegangen – die WTO zum Beispiel?

Nein, die haben nie wirklich viel unternommen. Zu Beginn hatten wir Androhungen eines Anwalts. Sie liessen es dann bleiben.

Macht es Spass, die Krawatte umzubinden und als Manager aufzutreten?

Mir nicht. Mir wird nur schlecht vor Nervosität. Andy liebt es. Ich fühlte mich dabei nur kalt. Andy war hingegen so tief drin, dass es schwierig war, ihn herauszuholen.

Kein Spass an der Macht?

Ich? Nein.

Und Andy?

Wäre es möglich, dass absolute Macht Andy korrumpieren würde? Ja, ich würde nicht auf ihn wetten.

++BILANZ DER GEGENVERANSTALTUNG PUBLIC EYE++

Andreas Missbach, Erklärung von Bern: So schlecht ist das dieses Jahr nicht gelaufen. Wir sind weg von den ermüdenden Panels. Die Unverantwortlichkeits-Awards waren etwas Erfrischendes – besonders, weil sie mit Recherche abgedeckt waren. Und von Leuten aus dem Süden vertreten. Was mir Sorgen macht, ist, dass die ganzen Medien seit ihrer Einbettung ins Wef 2003 nicht mehr klar denken können: Sie akzeptieren jede Nullaussage, wenn sie nur von bedeutenden Leuten kommt. Was dafür gut funktioniert hat, ist die Vernetzung: Wir haben einige interessante Projekte mit den Yes Men, mit Rachna in Bezug auf Bhopal et cetera.

++Ratschläge des unbekannten Punk++

Das ist alles ganz einfach: Mit dem Badge kommt ihr locker und ohne Fragen durch die Schleusen. Drin tut ihr so, als wärt ihr beschäftigt. Ihr müsst euch nur schnell und wichtig bewegen. Dann trinkt ihr einfach das Wef leer. Har, har. Und grüsst den Trottel von Professor. Neben der Küche hängt ein Foto mit der Schrift: JEDER MITARBEITER KENNT IHN UND GRÜSST IHN MIT NAMEN: KLAUS SCHWAB!

++DRINK THE WEF++

Eine Stunde später haben wir die Hochsicherheitskontrollen locker passiert, stehen in der Bar des Nobelhotels Belvedere, in dem Bill Clinton, Bill Gates, Angelina Jolie und andere VIPs absteigen. Wir überlegen, was passiert, wenn einer der zahlreichen Sicherheitstypen auf uns stürzt. Als das nicht passiert, laufen wir mit der perfektesten Tarnung, einem Glas Gratis-Champagner, durch das Hotel. In einem gedeckten Saal stürzt der Tischchef auf uns zu: «Warten Sie! Wir machen einen Tisch für Sie frei!», und weist uns einen Tisch zu. Es ist ein Benefiz-Diner zugunsten minderjähriger Filmemacher aus Drittweltstaaten. Wir sitzen an der Seite einiger Millionäre und ihrer Gattinnen und denken: «Scheisse, an der Bar hätten sie uns nur rausgeworfen. Entdecken sie uns hier, werden sie uns pfählen.»

Es werden fünf Gänge serviert. Das Schlimme ist, dass wir schon gegessen haben, aber zur Tarnung mitessen müssen. Zur Ablenkung laufen zwischen den Gängen Kurzfilme, die Kinder aus aller Welt gedreht haben: über Palästina, Afrika und Aids. Die meisten der Filme fangen mit einer eingeblendeten Statistik an: 95 Prozent aller Schüler haben keine Schuhe, 40 Prozent aller Mädchen müssen sich prostituieren, dann sehen irgendwelche Kinder in die Kamera und sagen Sätze wie: «Ich möchte leben!»

Ende. Applaus! Gemeinsam mit den Millionären um uns herum klatschen wir und sagen «Ganz toll, wie diese Kinder das machen» und bestellen beim Kellner Zigaretten und Whisky.

Vor dem Dessert präsentieren die Veranstalter zwei der jugendlichen Filmer, einen Palästinenser und einen Israeli, beide um die fünfzehn. Ein Typ, der aussieht wie der Sohn von Pelé und Roberto Blanco, moderiert. Fragen aus dem Publikum: «Mögt ihr einander?» – «Seid ihr optimistisch?» – «Ich habe zwei Fragen. Die erste an den israelischen Jungen: Warum bist du nicht optimistisch? Die zweite an den Jungen aus dem Gasastreifen: Was wäre dein Rat an die Global Leaders?»

Während die Kinder sich einen abstottern, werden zwei Schwäne aus Baisers serviert, und wir überzeugen die Millionäre um uns herum, dass wir die Chefberater Schweizer Medienunternehmen sind, und erzählen, wie wir in Zeitungen dreissig Prozent Kosten einsparen ohne Qualitätsverlust. Dabei essen wir die Baisers, obwohl wir eigentlich bereits seit zwei Stunden nichts anderes tun – dinieren gegen die Armut – umgeben von Global Leaders, bewacht von den besten Polizisten des Landes; zwei Hochstapler mit falschen Pässen inmitten von Multimillionären, die ihr Gewissen beunruhigen indem sie während eines Fünf-Gang-Menüs Filme gucken, die verhungernde Kinder zeigen.

Später in der Nacht trinken wir uns von Empfang zu Empfang, irgendwann gegen drei fliegt unsere Tarnung auf, als eine Mitarbeiterin der Irischen Börse sagt: «Und wer sind Sie?». Auf die Antwort: «Nett, Sie kennen zu lernen ...» dreht sie das Badge um, liest und sagt mit Verachtung: «Oh, Ihr Name ist nur ‹Hotel›!»

Beim Kaffee am nächsten Morgen erzählt uns der Punk, wie im «Belvedere» ein gigantisches Attentat möglich wäre. Es wäre ganz einfach. Man muss nur ... Aber mehr dazu nächstes Jahr.

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