Nr. 05/2005 vom 03.02.2005

Uni wozu, Uni wohin?

Wem gegenüber ist die Universität verantwortlich? Wie sollen ProfessorInnen unterrichten? Kann Forschung zweckfrei sein? Jacques Derrida stellt Fragen.

Von Urs Hafner

Es muss ein Vergnügen gewesen sein, dem kürzlich verstorbenen Jacques Derrida zuzuhören. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls beim Lesen seiner Vorträge - wobei die Bezeichnung «Vortrag» für die raffiniert durchkomponierten rhetorischen Gebilde, die verblüffend leicht wirken, fast zu profan ist. Derridas Denken reflektiert sich ohne Unterlass selbst und spielt mit den Erwartungen seiner ZuhörerInnen, mit der Örtlichkeit und dem Gegenstand des Vortrags, vor allem aber mit den Kräften der Sprache, dem Sinn und Klang der Worte.

Verbetrieblichung

Thema der Vorträge, die der Philosoph in den achtziger Jahren gehalten hat und die nun unter dem Titel «Mochlos oder Das Auge der Universität» erschienen sind, ist die «abendländische» Universität. In einem Punkt lässt Derrida für einmal keinen Zweifel: Ihre Idee sei am Ende. Der Humboldt’sche Entwurf, der fast allen der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder gegründeten grossen Universitäten zugrunde liegt, habe mit der universitären Realität nicht mehr viel zu tun.

Die Universität, sagt Derrida, ist nicht das alleinige und autonome «Zentrum des Wissens», als das sie sich sah. Eine zweckfreie Grundlagenforschung, die sich von einer angewandten Forschung unterscheiden liesse, gebe es keine mehr; auch die Universität sei den «neuen Informationstechnologien» unterworfen, die das Denken und die Sprache zu standardisieren drohen. Mit der laufenden Bologna-Reform, bliebe anzufügen, wird zudem eine Verbetrieblichung der Universität Tatsache, die den Humboldt’schen Geist endgültig zu Grabe trägt.

Zu seiner Diagnose kommt Derrida, indem er Texte höchst sorgfältig und gegen ihren Strich liest. Im vorliegenden Bändchen sind es solche von Kant und Hegel; von Ersterem den berühmten «Streit der Fakultäten» (1798), in dem Kant sich eine ideale Universität ausdenkt, von Letzterem eine marginale Stelle aus einem brieflichen Gutachten zur Lehre der Philosophie an Gymnasien und Universitäten. Ausgehend von diesem Brief kommt Derrida nicht nur auf die - inzwischen verschärfte - «übereilte Spezialisierung und die Anforderungen des kapitalistischen Marktes» an das Bildungssystem zu sprechen, sondern er stellt die Klassifikationssysteme der universitären Philosophie insgesamt infrage.

Verantwortung

Dass die Humboldt’sche Universität am Ende sei, soll nun aber für deren Angehörige kein Freipass dafür sein, in eine Apologetik des Bestehenden oder in realitätsfremde Irrationalismen zu verfallen. Nein, fordert der Dekonstruktivist mit Kant, die Universität soll Verantwortung tragen. Aber wie? Nicht indem sich ihre Angehörigen Parolen bei Politikern oder Ethikerinnen holen, sondern indem sie Wissenschaft, Lehre und Forschung ernst nehmen - und hinterfragen: «Mit den Studenten und der Forschergemeinschaft festlegen oder erkennen, dass in jeder der Operationen, die wir gemeinsam durchführen (einer Lektüre, einer Interpretation, der Entwicklung eines Theoriemodells, der Rhetorik einer Argumentation, der Behandlung eines historischen Materials und selbst einer mathematischen Formalisierung), ein Institutionsbegriff im Spiel ist, eine Art unterzeichneter Vertrag, ein konstruiertes Bild des idealen Seminars (...).»

Der Gedanke, dass sich die Universität nicht vom Aussen abkoppeln kann, mag heute trivial erscheinen: Die Forderung nach «Nutzen» und «Relevanz» der Geisteswissenschaften steht ja gerade für den Rechtfertigungsdruck, den die Öffentlichkeit ausübt. Doch gerade deshalb ist es umso wichtiger, sich die Frage zu stellen, wer welche Universität will und warum.

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