Nr. 07/2005 vom 17.02.2005

Mit wehendem Zopf

Von Wolfgang Bortlik

Ein Buch zum Frauenfussball in der Schweiz? Interessiert sich denn die Öffentlichkeit, die gerade über Gebühr gebeutelt ist von den gar schrecklichen Männerfussballschicksalen wie Servette Genf oder Hakan Yakin, überhaupt noch für den Frauenfussball? Wo jetzt im Fussball plötzlich eine Verelendungstheorie verbreitet, eine massive Verarmungstendenz feststellbar ist? Dieses ebenso lächerliche wie laute Jammern des Millionärsklubs Grasshoppers etwa werden die leisen Stimmchen aus dem Schweizer Damenfussball wohl kaum übertönen können mit ihrem Angebot: Bei uns ist Potenzial, bei uns wäre Wachstum möglich! Wo bleibt nun die Werbewirtschaft? Wo ist die Medienpräsenz des Frauenfussballs? Wo sind die Meldungen im Sportteil? War vielleicht irgendwo zu lesen von der erst kürzlich erfolgten Viertelsfinalauslosung im Schweizer Cup der Fussballfrauen? Von den Knallern Bern gegen Seebach oder LuWin gegen Malters? Stand etwas zu lesen von den Saisonvorbereitungen zumindestens der Nati-A-Clubs? Nein!

Zarter Fuss, hartes Leder

«Mit wogendem Busen und wehendem Zopf: Verbissen geführter Zweikampf auf der 'Gurzelen' anlässlich des Damenfussballspiels zwischen Bernerinnen und Aargauerinnen.» Derart Blumiges, ja geradezu Allegorisches floss den Sportjournalisten einst beim Frauenfussball aus den Federn, in diesem Falle als Bildlegende 1975 im «Bieler Tagblatt».

Zu lesen gibt es dies in einem Buch mit dem nicht weniger blumigen Titel: «'Zarte Füsschen am harten Leder ...' Frauenfussball in der Schweiz 1970 bis 1999», verfasst von Marianne Meier, basierend auf ihrer Lizenziatsarbeit in Zeitgeschichte an der Universität Fribourg. Dieses Buch beinhaltet meines Wissens die erste umfassende Darstellung des Frauenfussballs in der Schweiz, denn erzählt wird die ganze Geschichte, eben auch die vor 1970.

Aber zu jenem Zeitpunkt wird es eben interessant. Die Pionierinnen und Heroinnen des Schweizer Frauenfussballs treten auf: Die Geschwister Monika und Silvia Stahel, die im aargauischen Kaff Murgenthal einen Frauengrümpelturnierklub gründen, den «FC Goitschel» - benannt nach den beiden damaligen französischen Skistars Christine und Marielle Goitschel. Vom Skifahren her kommt auch eine andere Ikone des Schweizer Frauenfussballs, Marie-Therese «Maite» Nadig, die Ende der siebziger Jahre beim DFC Ragaz spielte. Die Walliserin Madeleine Boll, der «weibliche Köbi Kuhn», die als Mädchen versehentlich in eine Knabenmannschaft aufgenommen wurde, oder die Bernerin Helga Moser sind weitere Namen.

Genderforschung

Neben der historischen Entwicklung, den Problemen mit dem männerdominierten Verband, den Anekdoten und den Skandalen - wie etwa jenem vom zu lesbischen Team des FC Wettswil-Bonstetten - ist in diesem Falle ja vor allem Gender, also Fussball und Geschlechtsspezifik, interessant. Es eröffnet sich ein spannendes Untersuchungsfeld für die Genderforschung, indem sich im Fussball männerbündische Strukturen, Sexismus, Homophobie, aber auch medizinische Diskurse und kommerzielle Interessen analysieren lassen. Gleichen sich im Sport die Geschlechterrollen etwa an, verschwimmen die Identitäten? Ist Frauenfussball ein Vehikel zur Emanzipation? Die Autorin geht auch diesen Fragen materialreich und argumentgewappnet nach. Selbstverständlich macht der wissenschaftliche Charakter die Arbeit nicht ganz so lesefreundlich, aber dafür sind auch die Fussnoten noch sehr interessant. Nicht zuletzt befriedigen auch reichlich Bilder und Statistiken unseren Wissensdurst.

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