Nr. 07/2005 vom 17.02.2005

Mann in Not

Rezensiert von Anna Wegelin

Klaus Merz stellt seinem Buch ein Motto von Walter Benjamin voraus: «Die Erzählung legt es nicht darauf an, das pure 'an sich' der Sache zu überliefern wie eine Information oder einen Rapport. Sie senkt die Sache in das Leben des Berichtenden ein, um sie wieder aus ihm hervorzuholen. So haftet an der Erzählung die Spur des Erzählenden wie die Spur der Töpferhand an der Tonschale.» Seine Erzählung handelt vom 43-jährigen Lehrer Peter Thaler, der nach einer Passwanderung verschollen bleibt. «Mein Thaler hat sich verwandert», sagt seine hinterlassene Frau Lena in dem ereignislosen Ort irgendwo im schweizerischen Mittelland. Ist Thaler freiwillig aus dem Leben geschieden? Wer ist dieser Mann, «nicht besonders unternehmenslustig und leutselig», der den Erzähler in seinen Träumen heimsucht? Merz’ Alter Ego, ein dem Verschwundenen nahestehender Bekannter, begibt sich auf Spurensuche: «Unter der herbstlichen Hochnebeldecke rücken die Häuser des Quartiers zu einem Rudel zusammen.» «Los» ist der einfühlsame Versuch, das Gemüt eines Seelenverwandten zu ergründen. Skizziert wird ein Mann in Not, der Frauen geliebt und eine Familie gegründet hat, den jedoch nicht einmal die Philosophie und die Literatur im Leben heimisch werden liessen. Klaus Merz hat einen undramatischen, anschaulichen Text geschrieben, der in die Kindheit Thalers zurückblendet und über das Hinterlassenwerden nach dem Tod in der eigenen Familie nachdenkt. Ein Buch, in dem das Leichte sich mit dem Schweren trifft, das Leben mit dem Schicksal einhergeht.

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