Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

Lily sieht

Von Edith Krebs

Als fleissig und strebsam ist die Kunsthistorikerin Sibylle Omlin, 1965 in Zug geboren, bisher aufgefallen. Nun hat die Leiterin der Abteilung für Bildende Kunst und Medienkunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel einen Band mit Erzählungen publiziert. Kunst spielt dabei nur eine marginale Rolle. Vielmehr sind es kleine, alltägliche Beobachtungen und Begegnungen, oft von erotischen Fantasien genährt, die den in einer unprätentiösen, klaren Sprache geschilderten Kurzgeschichten zugrunde liegen.

In «Der Optiker» beispielsweise, einem der stärksten Texte in «Landstrich mit Figuren», schildert Lily, die Protagonistin aller Erzählungen, ihre Begegnung mit dem Optiker aus dem Geschäft unweit ihrer Wohnung, den sie seit längerem im Auge hat. Eines Tages beschliesst sie unvermittelt, in den Laden einzutreten. «Ich brauche eine Brille», erklärt sie dort dezidiert und lässt sich vom gross gewachsenen Mann mit den grau melierten Schläfen die Sehschärfe messen - bis dieser merkt, dass sie eigentlich gar keine Brille braucht. Verlegen will sie schliesslich eine Sonnenbrille kaufen, doch der Optiker besteht darauf, ihr diese zu schenken. Die Begegnung endet offen, mit der leisen Möglichkeit, dass sich die beiden doch noch einmal treffen.

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