Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

Alles über Polo

Von Marcel Elsener

LiebhaberInnen des gepflegten Popbuchs aufgepasst: Es gilt Platz zu schaffen im Gestell, vielleicht muss die eine oder andere schmalbrüstige Biografie eines Dorfpunks dran glauben. Denn hier kommt «Polo», der helvetische Wälzer, der schon auf dem Cover «Urgestein» und «Schwergewicht» ruft. Ein bisschen sehr ernst schaut er drein, der Urs Hofer, Pfadfindername Polo, doch das ist Absicht - Polo soll, zu seinem Sechzigsten am 16. März 2005, unter den grössten einheimischen Entertainment-Ikonen wie Dimitri und Emil platziert werden. Der Berner Journalist und Schlagzeuger Samuel Mumenthaler, bereits Autor von «BeatPopProtest - der Sound der Schweizer Sixties», hat Ausschnitte aus 150 Interviewstunden mit «Polo national» sowie Aussagen von über 50 WeggefährtInnen zu einer umfassenden Oral History montiert. Das funktioniert zunächst als Bilderbogen: Staunend und oft schmunzelnd blättert man sich durch das Leben des gebürtigen Interlakers und gelernten Handlithografen, der, von der Armee als «neurotischer Sonderling» ausgemustert, ab 1962 als Trommler und Sänger mit seinen Bands The Jetmen, Polo’s Pop Tales, Rumpelstilz, Polo’s Schmetterding oder The Alpinistos schweizerische Musikgeschichte schreibt. «Ein Rockstar bin ich nicht», sagt er im Buch, «dazu fehlt mir die internationale Ausstrahlung. Ich bin ein Lokalmatador, den man gut gebrauchen kann, der vielseitig ist und sich auch politisch äussert.» Dass der bekennende Kiffer und Armeegegner, «Schnuri» und «Lifestyle Consultant» stets die Bodenhaftung behalten hat, macht ihn über Generationen hinweg zum Sympathieträger und verschafft ihm selbst bei Hippiefeinden Respekt. Boni Koller (Baby Jail) schätzt ihn als Mundarttexter mit Substanz, und Albert Kuhn (Frostschutz) bekennt, dass er, sollte es ihn ins selbe Altersheim verschlagen, «sicher mal die Handorgel auspacken und bei ihm anklopfen» würde. Ob das Buch ein Publikum über die Fangemeinde hinaus findet, bleibt fraglich: Auf die Dauer wird der Vorteil der vielen O-Töne eher zum Nachteil, so viele geschwätzige GratulantInnen hätts dann doch nicht gebraucht.

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