Nr. 13/2005 vom 31.03.2005

RAF und Roxy Music

Thomas Meinecke, Klaus Walter und Frank Witzel, alle Jahrgang 1955, reden in Buchform über Pop, Politik, Alltag und Luxus.

Von Wolfgang Bortlik

Wie sieht deine Beziehung mit Pop aus? Bewegst du deinen Körper zu Pop? Oder deinen Kopf? Willst du dabei sein? High sein? Frei sein? Bist du ein Fan? Schreibst du Listen, Namen, Hitparaden, ganz Hornby-mässig? Welcher Teil von dir ist Pop? Dein Ohr? Oder dein Geschlecht? Hast du deine sexuelle Orientierung an Pop überprüft? Gibt dir Pop eine diesbezügliche Orientierung? Ist Pop Politik? Oder die Pose der Pose, Glam und Camp? Kritik der Kritik? Ist der Popstar die Blaupause, die Weichzeichnung zur Entwicklung einer eigenen Identität? Verdammt, wenn ich schon nicht so singen oder Gitarre spielen kann, dann will ich wenigstens so eine Frisur haben! Oder so eine Sonnenbrille!

Im Club der Coolen

Drei im Jahre 1955 geborene weisse Mitteleuropäer mit einer musikalischen und literarischen Karriere treffen sich an fünf Tagen im Jahre 2004 und reden über Musik und die Welt. Dabei geht es ihnen nicht so sehr um die Dringlichkeit irgendwelcher Probleme oder um die unmittelbare Praxis, es geht den dreien auch weniger um die Stringenz der Argumentation oder die Präzision der Kritik. Einnehmend ist jedoch die Art, wie sie miteinander reden. Auf ausschweifende, unglaublich kopflastige, zugleich aber komplett ironische Art und Weise wird hier verhandelt. Und das ist dann ganz prima und unterhaltend zu lesen.

Thomas Meinecke ist - wie er selbst zugibt - ein Nerd und ein Kontrollfreak. Auch für ihn sind die Beatles die Ankunft im Pop: «Penny Lane», die erste Single der Fab Four, die nicht Nummer eins in der englischen Hitparade wurde. Der Song mit dem Trompetensolo, gespielt vom berühmten Virtuosen auf der Bach-Trompete, Adolf Scheerbaum. Der ist sozusagen schon der fünfte Beatle (nicht erst Billy Preston!), und das ist auch der Bruch der Bandidentität, der Familie, in der Lennon der Mann und McCartney die Frau oder zumindest die Queerfigur war. Klaus Walter ist da mehr der Fussballrocker und vertritt vielleicht ein bisschen die Proll-Attitüde. Er stammt aus Frankfurt und ist im selben Dunstkreis wie etwa Joschka Fischer sozialisiert. Dort war der Soundtrack eher «Satisfaction» von den Rolling Stones: «Es waren die blödesten Hippies, die über Nacht zu Punks wurden.» Frank Witzel erscheint als der am ernsthaftesten Suchende und wünscht sich «Pop als eine Arbeit mit und an Identitäten und Verweisen zu begreifen». Dem wird reichlich Rechnung getragen in diesem Buch: Der Diskurs läuft über RAF und Roxy Music, über Fansein als kulturelle Praxis und Frauen auf Plattencovern. Man unterhält sich über die extreme Verwahrlosung der Musik im Sinne des Ungenauen in den siebziger Jahren, über selbstgefällige politische Inszenierungen wie Michael Moore und über die Frage, ob eigentlich irgendwann die Eintrittskarte in den Club of Cool verfällt.

Der Sound muss stimmen

Schliesslich sind die drei Autoren dann grosse Jungs geworden, die sich die Haare frühzeitig genug abgeschnitten und auch den Schock des Erwachsenwerdens beim Hören von Popmusik gut weggesteckt haben. «Ich war mir überhaupt nicht bewusst, dass Pop eine politische Komponente hatte», meint Meinecke und lehnt sich ein bisschen weit aus dem Fenster: «Ich habe nie auf Texte geachtet. Ich bin bereit, politischen Mist zu kaufen, wenn der Sound stimmt.» Vielleicht hätten da Walter und Witzel ein bisschen nachhaken müssen, auch wenn die Wörter in Techno und House ja keine Rolle mehr spielen. «Nichts gegen Luxus» ist die Diskussion des letzten Tags betitelt. «Mir geht es nur darum, dass Philosophieren oder Nachdenken mehr als Luxus ist, es ist eine Notwendigkeit», beschliesst Frank Witzel den letzten Diskurs. Da sind die drei von der Punkstelle! Nein, hier sind drei Männer im Schnee ihrer Altersweisheit, die sich kenntnisreich, komisch und mit Haltung über Popmusik und ihre Bedeutung unterhalten. Sehr beziehungsreich, wenn wir schon dabei sind, ist schliesslich auch das Foto auf der Rückseite des Buches: Während Walter und Witzel etwas verkniffen in die Kamera linsen, sieht Meinecke akkurat so aus wie Bruder Tuck, der rebellische Mönch aus der Bande von Robin Hood. Und wer war wohl die Queerfigur bei den Gesetzlosen im Sherwood Forest? Richtig, Allin vom Tal, der Barde, der Musiker.

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