Nr. 15/2005 vom 14.04.2005

Zwischen Gott und Gen

Sie wird missbraucht, geleugnet, abgelehnt: von Evolutionspsychologen, Soziobiologinnen, und Kreationisten. John Dupré legt eine brillante Rehabilitation von Darwins Erbe vor.

Von Urs Hafner

Weil Männer innerhalb weniger Sekunden zum reproduktiven Erfolg kommen und dann nach weiteren Fortpflanzungsmöglichkeiten Ausschau halten können, sind sie bei jeder Gelegenheit promiskuitiv. Frauen hingegen, die den Nachwuchs neun Monate austragen müssen, sind nur dann untreu, wenn es sich wirklich lohnt, also wenn herausragende Gene im Angebot sind, beispielsweise diejenigen vermögender Männer. Am untreusten sind sie natürlich während des Eisprungs.

So simpel sie auch sind: Sätze wie die obigen haben mehr denn je Konjunktur. Bevor sie in unseren medial-pseudowissenschaftlichen Alltagsvorrat sickerten, sind sie von WissenschaftlerInnen, die sich dazu auf Charles Darwins Evolutionstheorie berufen, ausgeheckt worden. Ihnen den Kampf zu erklären und Darwins «Vermächtnis» zu retten, tritt nun der britische Philosoph John Dupré an - ein Darwinist, der um die Grenzen des Darwinismus weiss. Der «skeptische Empiriker», der sowohl wissenschaftstheoretisch als auch biologisch beschlagen ist (er leitet das Center for Genomics in Society an der Universität Exeter), verteidigt die Evolutionstheorie mit intellektueller Schärfe und stilistischer Brillanz gegen ihre glühendsten Verehrer und ihre abschätzigsten Verächterinnen: Evolutionspsychologinnen und Soziobiologen einerseits, Theologen und Kreationistinnen andererseits.

Die Evolutionstheorie besagt nach Dupré, «dass sich heute existierende Lebensformen aus früheren entwickelt haben und alle Lebensformen qua Abstammung miteinander verwandt sind». Dies sei «so sicher, wie nur irgendeine wissenschaftliche Tatsache sicher sein kann»: physiologische Belege und Fossilienfunde sprächen deutlich dafür. Aus der wenn auch nicht vollständigen, aber einleuchtenden Erklärung für die Entwicklung des Lebens im Universum zieht Dupré den Schluss, dass kein Platz mehr für Gott sei. Dies sei die eigentliche Errungenschaft Darwins. Wer dennoch an Gott festhalte, leugne die Evolutionstheorie.

Überschätzter Darwin

Relevanter als sein Zurückweisen der religiösen Ansprüche sind Duprés Ausführungen zur Überschätzung Darwins. Immer häufiger leiten nämlich Soziobiologen und Evolutionspsychologinnen aus der Evolution Gesetzmässigkeiten ab, die das Wesen des Menschen betreffen sollen. Doch aus der Evolutionstheorie Schlüsse für das Verständnis des Handelns und Fühlens heutiger Menschen zu ziehen, ist schlicht unzulässig, wie Dupré nachweist.

Mindestens zwei Denkfehler begehen diese ReduktionistInnen: Erstens verneinen sie die Differenz zwischen Menschen und Tieren. Zwar sind Erstere mit Letztern evolutionär verwandt (was Kreationisten und Theologinnen in der Regel leugnen), aber sie haben im Verlauf der Evolution mit der Sprache, die unendlich differenzierter ist als jede bekannte tierische Kommunikationsform, ein einzigartiges Merkmal ausgebildet, das den Aufbau komplexer Gesellschaften ermöglicht hat. Für deren Erklärung und Verständnis greifen die an tierischen Verbänden gewonnenen Erklärungen zu kurz.

In der Steinzeit

Zweitens huldigen die ReduktionistInnen, wie Dupré zeigt, einer eigentlichen «Genmythologie»: Sie halten noch immer am «zentralen Dogma» fest, «wonach das Genom die einzige Quelle ist, der der Informationsfluss über biologische Strukturen entspringt, und wonach dieser Fluss niemals seine Richtung wechselt», und negieren die neusten Erkenntnisse der Genetik (dass die für den Aufbau eines Organismus notwendigen Informationen mindestens in einer ganzen Zelle gespeichert sind). Dieses Dogma ist umso verheerender, als seine VertreterInnen glauben, dass der Mensch von den Genen des Gehirns gesteuert werde, die in der Steinzeit entstanden und sich seither kaum verändert haben. Nur wenn man die Bedingungen berücksichtige, an die sich der Mensch in der Steinzeit anpassen musste, könne man sein Verhalten erklären.

Diese Sichtweise blendet die menschliche Zivilisation als eine eigene Sphäre, in der gesellschaftliche Formationen und kulturelle Ausprägungen frei von biologischer Determination entstehen und sich verändern, zwangsläufig aus - und führt zu stereotypen Zuschreibungen: Männer vergewaltigten, weil männliche Tiere dies auch tun, Frauen bevorzugten Männer mit Haus und Herd, Intelligenz ist zu sechzig Prozent genetisch festgelegt, die weisse Rasse intelligenter als die schwarze, die schwarze Rasse athletischer als die gelbe und so weiter.

Auf der Strecke bleibt jegliche Differenzierung: Die Varianzen sowohl innerhalb einer «Rasse» als auch eines Geschlechts sind grösser als die zwischen den Rassen und Geschlechtern. Selbst rein biologisch betrachtet, besteht jede «Rasse» aus zahlreichen «Ökotypen», also Unterkategorien, die wiederum andere Merkmale aufweisen. «Gender» wird umstandslos auf «Sex», das biologische Geschlecht, reduziert, dieses wiederum verabsolutiert. Wie Intelligenz oder Sprungkraft vererbt werden sollen, ist unmöglich zu bestimmen: «Ein hohes Niveau genetischer Vererbbarkeit sagt rein gar nichts darüber, in welchem Ausmass die Weiterverbreitung einer Eigenschaft etwas Biologisches ist.»

Duprés leichthändige Streitschrift stimmt nur in einem Punkt trüb: So froh man darüber sein kann, dass sich der Philosoph die Mühe gemacht hat, die Mythologien der religiösen und vulgärwissenschaftlichen ReduktionistInnen zu entlarven, so bedenklich ist es, dass ein solches Buch wieder nötig ist, nötiger denn je. Seine zentralen Einsichten haben die Sozialwissenschaften bereits um 1900 gewonnen. Der Rollback rollt weiter.

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