Nr. 16/2005 vom 21.04.2005

Der Kaninchenzüchter

Zwischen Pelztierveredelung und Eugenik beim Menschen - eine Wissenschaflerkarriere in Deutschland 1920 bis 1945.

Von Oliver Hochadel

Fritz war ein Prachtkerl. Das Widderkaninchen hatte mehrere Preise eingeheimst und galt als vielversprechendes Zuchttier. Doch dann zeigte Fritz Anzeichen einer Schüttellähmung. Der Phänotyp, also das Aussehen, erwies sich als trügerisch. Im Genotyp, unter dem Fell, lauerten krankhafte Erbanlagen, die es «auszumerzen» galt. Ein Plakat mit dem Stammbaum von Fritz und der Film «Erbkranke Kaninchen» visualisierten die Gefahr auch für die Öffentlichkeit.

Fritz gehörte dem Genetiker Hans Nachtsheim (1890-1979), der im Zentrum von Alexander von Schwerins Studie zur vergleichenden Erbpathologie zwischen 1920 und 1945 steht. In den zwanziger Jahren hatte sich Nachtsheim mit Pelztierzüchtung beschäftigt und den deutschen Kaninchenzüchtervereinen die Vorzüge der Vererbungslehre Johann Gregor Mendels bei der Veredelung ihrer Langohren gepredigt. Aber bei seinen Bemühungen, «reine Versuchstiere» herzustellen, verlagerte sich sein Fokus mehr und mehr von den positiven zu den pathologischen Erbanlagen.

Anders als heute verband man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Mutationen vor allem eine Degeneration des Erbguts. Apokalyptische Szenarien, die vor dem Verfall einer Population warnten, brachten die Eugenik auf den Plan. Der Körper eines Individuums wurde zum blossen Träger der Erbanlage, der ein Eigenleben zugesprochen wurde.

Die Relevanz der Arbeiten Nachtsheims ging weit über Fragen der Kaninchenzucht hinaus. Die aufkommende Genetik reklamierte die Zuständigkeit für erbpathologische Fragen, und 1933 erliessen die Nazis das «Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses». Mit seinen Kreuzungsversuchen an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin versprach Nachtsheim jene Tiere aufzuspüren, die «erbkrank, aber äusserlich gesund» waren. Denn mit dem Menschen liessen sich keine Kreuzungsversuche durchführen - ausser im «natürlichen Experiment» der Zwillinge. Die Analogisierung wurde mit der Gleichartigkeit der Säugetiere begründet.

«Höhere Werte»

Von Schwerins vielschichtige Studie erzählt zum einen die Geschichte der Etablierung des Tierversuchs im Grenzbereich zwischen Biologie und Medizin. Zum andern zeigt sie die allmähliche Verschiebung von disziplinären und ethischen Grenzen auf: Das medizinische Gebot des «Nichtschaden» wurde durch einen Verweis auf vermeintlich höhere Werte allmählich ausgehöhlt. Der Titel «Experimentalisierung des Lebens» verweist darauf, wie zunächst Tiere in ein experimentelles Regime eingespannt wurden, das letztlich zu Menschenversuchen führte.

Nachtsheims lange akademische Karriere reichte vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik und führte ihn von der Biologie über die Tierzucht zur Eugenik und zur Medizin. 1941 wurde er Leiter der Abteilung für experimentelle Erbpathologie am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie. 1943 führte er mit Kindern aus der Anstalt Görden Versuche in einer Unterdruckkammer durch. Den Genetiker Nachtsheim interessierte die Frage, ob Epilepsie erblich sei und man diese experimentell nachweisen könne; die deutsche Luftwaffe wollte wissen, welche Auswirkungen die Sauerstoffarmut in Höhen von über 5000 Meter auf ihre Piloten hatte. Genetik und Höhenphysiologie gingen hier Hand in Hand.

Zwang zum Selbstzwang

Die Wissenschaft im «Dritten Reich» wird von der Wissenschaftsgeschichte mittlerweile differenziert beurteilt. Denn mit Verdammungsurteilen allein ist letztlich wenig erklärt. Von Schwerin sucht die Dynamik aufzuschlüsseln, in der inner- und ausserwissenschaftliche Faktoren verknüpft waren und ineinander griffen: der Opportunismus der Forscher gegenüber dem NS-Regime, die Militarisierung der Wissenschaften seit Kriegsbeginn, der Zugriff auf «Menschenmaterial», die Konzentration von Kaiser-Wilhelm-Instituten in Berlin-Dahlem und die dadurch entstehenden Netzwerke, das Entstehen von neuen disziplinären Allianzen und Forschungsrichtungen sowie die Erzeugung von Modellorganismen und der rege Austausch von Versuchstieren.

Nachtsheims Erbpathologie ist für von Schwerin Teil einer langen Entwicklung, in der Tiermodelle und Präparatesammlungen, die heutigen Biobanken, den menschlichen Körper einem biopolitischen Regime unterwerfen. Wichtig sind aber auch die Diskontinuitäten. Zum einen ist das ethische Bewusstsein heute durch die eugenischen Irrwege des 20. Jahrhunderts in ganz anderer Weise geschärft. Zum anderen ist der Einzelne heute - man denke nur an Vorsorgeuntersuchungen, Gentests und Präimplantationsdiagnostik - zunehmend selbst verantwortlich für seine «Gesundheit» und die seiner Nachkommen. In dieser neuen Biopolitik zieht sich der Staat zurück. Von Schwerin nennt das den «subtilen Zwang zum Selbstzwang».

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