Nr. 18/2005 vom 05.05.2005

Fuselspannung?

Paul Ott hat eine Literaturgeschichte des Schweizer Kriminalromans vorgelegt, Petra Ivanov, Perikles Monioudis und Michel Theurillat haben neue Krimis geschrieben.

Von Veronika Rall

«Ein Kriminalroman», schreibt Stefan Brockhoff 1937 in der «Zürcher Illustrierten», «ist ein Spiel. Ein Spiel zwischen den einzelnen Figuren des Romans und ein Spiel zwischen Autor und Leser. Er teilt die Karten aus und wacht eifersüchtig darüber, dass sein Partner nur eine ganz bestimmte Auswahl in die Hand bekommt.» Gezinkte Karten also? Nein, sagt Brockhoff - ein Pseudonym übrigens für das Autorenkollektiv Dieter Cunz, Oskar Seidlin und Richard Plant, drei Deutsche, die 1933/34 Zuflucht in der Schweiz suchten - es geht um Spielregeln, die er nun in den «Zehn Geboten für den Kriminalroman» erläutert und die sich grösstenteils lesen wie eine Bastelanleitung. Das sorgt für prominenten Einspruch, Friedrich Glauser publiziert am selben Ort eine Replik: «Erlauben Sie mir die Bemerkung, dass ein Roman, als Menschenprodukt, als lebloses Ding, mit Geboten nicht viel anfangen kann.»

Aber auch das ist eine Frage der Perspektive: Brockhoff schreibt anspruchslose Unterhaltungsliteratur «für den Gelderwerb». Seine erfolgreichen Romane brillieren zwar durch Milieuschilderungen, ihre Sprache verrät einen Hang zum Skurrilen, sie bleiben aber Handwerk. Glauser dagegen will mehr: Menschen darstellen und «ihren Kampf mit dem Schicksal», dafür kann es kein Schema, keine Trennung zwischen Gut und Böse und schon gar keinen endgültigen Sieg der Vernunft geben: «Fuselspannung nenne ich jede Spannung, die nur ein Ziel kennt: die Auflösung, das Ende des Buches. Diese Ersatzspannung gestattet nicht, jede Seite des Buches als Gegenwart zu betrachten, in welcher der Leser minuten- oder sekundenlang lebt.»

Knapp siebzig Jahre ist diese Auseinandersetzung alt, dokumentiert in der kürzlich erschienenen Literaturgeschichte des Schweizer Krimis «Mord im Alpenglühen», aber deshalb noch lange nicht konservativ oder gar passé. Es geht Glauser nämlich keineswegs um den Unterschied zwischen Hochkultur hier und Unterhaltungsliteratur dort, sondern vielmehr darum, wie man das Niveau des - zwischenzeitig als «Schund» diffamierten - Kriminalromans heben könnte. Und seine Einteilung in «Fuselspannung» hier und «Vermenschlichen» dort stimmt noch immer, das zeigen drei aktuelle Beispiele: In Michel Theurillats «Im Sommer sterben» löst Kommissar Eschenbach schwitzend und Brissago-rauchend seinen Fall: Der jüngere Bruder eines Bankiers ist auf dem Golfplatz per Fernschuss hingerichtet worden. Das Personal des Romans ist gekonnt bestückt - ein junger Praktikant ist dem Kommissar zur Seite gestellt, eine aufstrebende Zeitungsreporterin schreibt zur rechten Zeit ihre Artikel, ein Bankhaus gibt sich bedeckt, eine Tochter, Siegerin beim Knabenschiessen, macht sich verdächtig - und das Zürcher Klima zwischen Rennweg und Bürkliplatz treffend geschildert. Die Auflösung entflicht einen Zusammenhang zwischen Inzest und Militärseilschaften, die Dialoge sind perfekt gesetzt. Doch bei allen handwerklichen Fähigkeiten, die Theurillat auf jeder Buchseite aufs Neue ausstellt, fehlt dem Roman jede Tiefe. Weder der Kommissar noch die anderen ProtagonistInnen erscheinen als Menschen mit Ängsten, Gedanken oder Macken.

Weit stereotyper noch sind die Personen in Petra Ivanovs Erstling «Fremde Hände» gezeichnet. Sie schickt mit Regina Flint, Bezirksanwältin, und Bruno Cavalli, Kommissar, gleich zwei RechercheurInnen ins Zürcher Rotlichtmilieu, es geht um Mord und Frauenhandel, und dazwischen spielt sich auch noch die komplizierte Affäre der beiden ab. Es klingeln also ständig Handys, alle paar Seiten gibt es eine neue Perspektive aufs Geschehen, trotzdem bereitet es bald Mühe, Ivanov durch ihre 443 Seiten zu folgen, in denen selbst in der Badewanne noch über die komplexen Fälle nachgedacht wird.

Ganz anders Perikles Monioudis in «Freulers Rückkehr», dem der «whodunnit» nur Anlass und Auslöser dafür ist, sich mit seiner Existenz als Auslandschweizer auseinander zu setzen. Nach Aufenthalten in Den Haag und Washington und nach dem Tod seiner Frau kehrt Hanspeter Freuler an den Ort seiner Jugend, Glarus, zurück, er soll hier als Verhörrichter arbeiten. Als ein pensionierter Industrieller tot aufgefunden wird, beginnt Freuler eine Recherche, die ihn tief in die Strukturen der Schweizer Gesellschaft führt, in der die Milizarmee genauso ihre ordnende Funktion verloren hat wie eine «rechtskonservative Partei»: «Jeder für sich», muss Freuler feststellen. Aber auch er selbst ist einsam und in dieser Einsamkeit beginnt Freuler, sich mit einem anderen Zugereisten zu identifizieren, mit Moser, dem Toten. Spätestens wenn in der Mitte des Buches der Satz «Ich bin nicht Moser» fällt, ist der Bezug zu «Stiller» offen gelegt. Doch anders als in dem Roman von Max Frisch wird die Schweizer Identität bei Monioudis seiner Figur nicht von aussen zugetragen, die Differenz geht vielmehr mitten durch Freulers Person: «Dass er hier Gesichter, Gerüche und die schroffe Landschaft wiedererkannte, verdeckte hingegen bloss sein tagtägliches Alleinsein. Er fühlte, dass er diesen Widerspruch auflösen musste: dort anzukommen, wo er herkam.» Wie schwer dieser Widerspruch wiegt, kann man auch an Monioudis’ Sprache ablesen: Die Sätze sind kurz, und als müsse man, nachdem sie gefallen sind, noch über sie nachgrübeln, bilden sie manchmal gleich einen ganzen Absatz. Hier wird nichts ausgelassen, nichts glattgebügelt, aber alles in eine menschliche Dimension gestellt.

«Ich habe vom Schicksal gesprochen, von seiner Unvernunft», schrieb Glauser 1937. «Dürfen wir verschweigen, dass es Formen annimmt, die tragisch und lächerlich zugleich sind?» Seine Fragen haben, das macht der Blick auf die Gegenwartsliteratur deutlich, kaum eine Aktualität eingebüsst.

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