Nr. 23/2005 vom 09.06.2005

Die Wahrheit über Arkadien

In seinem ersten Roman ist Jochen Kelter dem Preis auf der Spur für den Willen, die eigene Leidenschaft konsequent zu leben.

Von Fredi Lerch

An einem frühen Wintermorgen setzt sich Hall ins Auto und fährt aus dem lang gestreckten Strassendorf in der Nähe von Korinth, wo er an einem Manuskript arbeitet, bergauf in eine Nebelwand: «Als die Nebel aufrissen, befand er sich im Gebirge, in einem stillen, verlassenen Hochtal.» Das ist der geografische Ort, der Arkadien heisst und in der Literatur eine Karriere als Metapher gemacht hat - von Vergils bukolischen Hirtenidyllen über Goethes Italienischwärmerei («Auch ich in Arkadien!») bis zu Kurt Aeblis utopischem Ort, an dem es möglich wäre, «ungestört unglücklich zu sein». An einen solchen Ort fährt der Autofahrer namens Hall, dem am Tag seiner Abreise aus der Schweiz als Erstes der Sprayspruch «My heart is in pain» ins Auge sticht, um über zwei ganz verschiedene Biografien nachzudenken: über jene einer Musikerin aus dem 17. Jahrhundert und über seine eigene.

Hall - so heisst der Protagonist im ersten Roman des Lyrikers, Essayisten und Erzählers Jochen Kelter, Georg Friedrich Hall. Er ist Spezialist für italienische Politik des 19. und 20. Jahrhunderts und glaubt, mit Vorstellungskraft und Recherche lasse sich jeder historische Stoff erzählen, bis ihm eine Bekannte sagt: «Man kann keine vergangenen Geschichten erzählen (...), weil du nicht wissen kannst, wie es wirklich gewesen ist.»

Dieser Bekannten - die nie anders als mit Du angesprochen wird - verfällt Hall alsbald bis zur sexuellen Hörigkeit. So gerät er selbst in eine Geschichte, in der er nie weiss, «wie es wirklich ist»: Deshalb kommt er von dieser Frau nicht los, als er begreift, dass sie mit einem zwielichtigen italienischen Architekten verbunden ist, der im Kriegsgebiet auf dem Balkan einen als humanitäre Hilfe getarnten Waffenhandel betreibt. Deshalb kommt er von ihr auch dann nicht los, als er erfährt, dass in Sarajevo eine Offerte für Waffenverkäufe zirkuliert, auf der sich als Referenz auch sein Name findet. Und als ihn diese Frau schliesslich ins kroatische Trogir bestellt, weil sie dort verlassen und völlig abgebrannt in einem Hotel sitze, reist er gegen jede Vernunft sofort hin.

In Griechenland nun rechnet Hall mit dieser persönlichen - und mit seiner politischen - Geschichte ab. Zum Beispiel mit jenen 68er-Funktionären, die unterdessen mit «dem, was sie Kaderpolitik nannten» - nämlich Drohungen und Lockungen - «im Arsch der Macht angekommen» seien. Aber vor allem formt Hall in Griechenland - geschlagen mit Vornamen und Initialen eines der bedeutendsten Barockkomponisten - aus den biografischen Daten einer Barockkomponistin einen historischen Roman. Seine Heldin nennt er Mariana Caldi. Hinter ihr verbirgt sich die venezianische Komponistin und Sängerin Barbara Strozzi (1619 bis nach 1674). Sie war uneheliche Tochter des Literaten Giulio Strozzi, der als Opernlibrettist unter anderem für die Komponisten Claudio Monteverdi und Francesco Cavalli geschrieben hat.

Barbara Strozzi wird Komponistin um den Preis, dass sie Venedig nicht nur als Musikerin, sondern auch als Muse und Hetäre dient und die Kinder ihrer Liebhaber allein grosszieht. Als ihr einziger wirklicher Geliebter, ein Geschäftsmann, nicht mehr aus Griechenland zurückkehrt, geht sie ins Kloster.

Jochen Kelter montiert die Geschichten von Hall und Caldi in einzelnen Kapiteln gegeneinander und erzählt aus verschiedenen Blickwinkeln: Mariana Caldi spricht als Icherzählerin, daneben erzählen auch Vater Caldi (in einem Brief an Cavalli) und Cavalli (in einem Brief an Caldi). Über Halls Griechenlandaufenthalt wird in der Aussenperspektive berichtet, dieser wiederum erzählt aus der Ichperspektive die Liebesgeschichte zu seinem falschen Du. In dieser Konstruktion wird eine kaum gebändigte Stofffülle durch eine kleinräumige Textstruktur aus dichter Sprache und häufigen Perspektivenwechseln zusammengezwungen.

Als Hall zum zweiten Mal nach Arkadien hinauffährt, konstatiert er: «Nur wer hier nie gewesen war, konnte diese spröde, einsame Bergwelt (...) als idyllisch beschreiben.» Er aber weiss nun mindestens in Bezug auf diese karge Karstlandschaft, «wie es wirklich ist». Desillusionierung als Lohn für den Mut hinzusehen - das ist am ehesten die Klammer, die Kelters zwei inhaltlich unverbundene Geschichten zusammenhält: Caldi musste Hure werden, um Musikerin sein zu können. Und der politisch korrekte Intellektuelle Hall muss sich von einem Waffenhändler und dessen Geliebter ausnützen lassen, um sich seiner selbst als Mann zu versichern. Nur wer sich missbrauchen lässt, heisst das, kann seine Leidenschaft leben. Und für die anschliessende Zeit der Entsagung gibt es Klöster. Oder Korinth.

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