Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Abgetriebene Träume

In seinem bereits 1981 erschienenen, kürzlich neu auf Deutsch verlegten Roman «Sonnenschwarz» taucht der 1947 auf der französischen Antilleninsel Guadeloupe geborene Autor tief in die karibische Kolonialgeschichte ein.

Von Valentin Schönherr

In diesem Roman steckt Geschichte. Schon im Schicksal der deutschen Übersetzung spiegelt sich das Zeitgeschehen: Die erste Ausgabe von Daniel Maximins «Sonnenschwarz» erschien im Juni 1990, vierzehn Tage vor der deutsch-deutschen Währungsunion, im Ostberliner Verlag Rütten & Loening. Wie viele andere DDR-Titel verschwanden auch einige tausend schön gemachter, preiswerter Exemplare dieses Romans - damals unter dem Titel «Sonne mutterseelenallein» - über Nacht aus den Lagern und Buchhandlungen und damit vom Buchmarkt. Erst 2004, im Sklavereigedenkjahr der Vereinten Nationen, ist er in überarbeiteter Fassung unter seinem neuen Titel wieder erschienen. Damit könnte die Geschichte neuen Schwung gewinnen, zumindest die Publikationsgeschichte Daniel Maximins: «L’Isolé soleil», so der klangvolle Originaltitel des bereits 1981 erschienenen Romans, ist nur der erste, höchst raffiniert und vielschichtig gebaute Band einer 1987 durch «Soufrières» und 1996 durch «L’Ile et une Nuit» komplettierten Romantrilogie.

Geschichte des Widerstands

Der 1947 auf der französischen Antilleninsel Guadeloupe geborene Daniel Maximin ist einer der grossen karibischen Romanciers. Als Literaturwissenschaftler und Herausgeber, der unter anderem in den achtziger Jahren das literarische Programm des Pariser Verlags Présence Africaine leitete, war und ist er Vermittler zwischen Insel und Metropole.

Historisch ist zuallererst das Thema des Romans selbst: Zweihundert Jahre Kolonialgeschichte werden ausgeleuchtet, vermittelt durch eine weitverzweigte Familie, die zwischen dem Mutterland und der Karibikinsel changiert. Ausgangs- und Endpunkt des Romans ist ein Briefwechsel zwischen der jüngsten Tochter dieser Familie, Marie-Gabriel, und ihrem in Paris lebenden Freund Adrien. In den Briefen tauchen sie andeutungsweise, wie zur Probe, in die Familiengeschichte hinab. Sie stossen auf Marie-Gabriels Vater, einen widerständigen Jazzmusiker, der 1943 von Guadeloupe flieht - die Insel ist von den Anhängern des nazifreundlichen Pétain-Regimes besetzt - und in die USA entkommt. Der Tod ereilt den Vater 1962, als er mit einem Passagierflugzeug am Vulkan der Inselgruppe zerschellt. Mit an Bord: zwei Kämpfer für die guadeloupische Autonomie. Wir befinden uns mitten in der Welle des antikolonialen Befreiungskampfes, der auch Guadeloupe streift.

Nachdem also ein paar Pfosten angebracht sind, die die Bühne begrenzen werden - der Jazz wird eine Rolle spielen, die enge Verknüpfung von individuellem und kollektivem Schicksal, der Widerstand und das schmerzhafte Fehlen von Widerstand (die Insel gehört bis heute zu Frankreich) -, taucht der Roman weit hinab in die Zeit um 1800. Die Französische Revolution ist der Auslöser dafür, dass sich die französischen Antillen von der Sklaverei und der kolonialen Herrschaft befreien. Was in Haiti gelingt, scheitert hingegen auf Guadeloupe. Denn anders als in Haiti, wo die napoleonischen Truppen, die die Macht wiedererlangen und die Sklaverei wieder einführen sollen, in die Flucht geschlagen werden, übergibt der aufständische General auf Guadeloupe die Insel den Franzosen kampflos. Nur eine kleine Truppe widersetzt sich und sprengt sich schliesslich mit den Angreifern zusammen in die Luft.

Doppelt gewebt

Bei diesen Kämpfen, die als demütigende Katastrophe in Erinnerung bleiben werden, sind Marie-Gabriels Vorfahren dabei. Passage um Passage bewegt sich der Text nun mit der Familie in Richtung Gegenwart: über eine Rebellion 1843, die durch ein Erdbeben noch verstärkt wird, über die Abschaffung der Sklaverei durch das französische Parlament 1848 - die bewusst um zwei Monate verzögert wird, damit die SklavInnen noch die Zuckerernte einbringen - bis hinein ins 20. Jahrhundert. Die an einschneidenden Ereignissen nicht gerade reiche Geschichte der Insel gewinnt ihre Bedeutung im reflektierten Erleben des Einzelnen, in der wohl ewig relevanten Frage danach, wie den Einzelnen die Geschichte prägt und welchen Stempel der Einzelne selbst der Geschichte aufdrücken kann. Dass die Geschichte einer Familie genügt, um die Welt zu zeigen, dies beweist Maximin überzeugend.

Der Roman ist jedoch doppelt gewebt. Maximin unterstreicht die Vielstimmigkeit der familiären Erinnerung, indem er von Kapitel zu Kapitel eine andere Textsorte, eine andere Sprechweise und Perspektive wählt: mal einen Briefwechsel, mal die auktoriale Erzählung, mal ein Tagebuch, immer wieder eingestreute Originalzitate wie Reden, Verse, offizielle Berichte oder Verlautbarungen. Das Scheitern vor den napoleonischen Truppen wird beispielsweise in elf kurzen Abschnitten erzählt, die jeweils durch ein Sprichwort zusammengefasst werden: «Hänge deinen Säbel stets dorthin, wo deine Hand ihn greifen kann!»

Als Höhepunkt des Romans in formaler wie inhaltlicher Hinsicht kann das Kapitel «Siméas Tagebuch» gelten. Siméa, die Mutter der eingangs erwähnten Marie-Gabriel, lebt 1939 in Paris, wo sie in den Kreisen der afrikanischen und karibischen Intellektuellen verkehrt. Hier wird von Dichtern wie Aimé Césaire aus Martinique, Léon-Gontrand Damas aus Guayana und anderen das Konzept der Négritude entwickelt, wird ein neues, antikoloniales schwarzes Selbstbewusstsein gefordert und formuliert. Just 1939 erscheint Césaires epochales Langgedicht «Notizen von einer Rückkehr ins Land der Geburt», das Siméa mit ihren Freunden begeistert aufnimmt.

Sie selbst befindet sich zu dieser Zeit in einer tiefen persönlichen Krise: Eine Schwangerschaft wurde aus Gründen der «Familienehre» durch eine zwangsweise Abtreibung beendet. Sie leidet grauenhaft unter dem Verlust des Kindes: «Dein Leichnam aus meinen Trümmern gezerrt», schreibt sie. Bei Césaire nun findet sich, bezogen auf die schwarze Misere der Gegenwart, folgender Satz: «Niemand weiss, wohin mit seinen abgetriebenen Träumen.» Für Siméa gewinnen solche Formulierungen ganz wörtliche Bedeutung. Sie spricht mit ihrem «abgetriebenen Traum» wie mit einem lebendigen Kind, und sie kehrt schliesslich in ihr «Land der Geburt» zurück. Was Césaire als Konzept formuliert hat, lebt sie. Daniel Maximin liefert hier eine Begründung und Würdigung der Négritude, die nicht nur als Erzählung ergreifend, sondern auch literaturgeschichtlich höchst intelligent ist und ganz nebenbei die Frage aufwirft, warum jemand wie Césaire heute, wenn überhaupt, nur noch in Universitätsseminaren gelesen wird.

Ein Buch zum Wirkenlassen

In der Gegenwart der sechziger Jahre und wieder bei Marie-Gabriel angelangt, bleiben eine Menge Fragen offen. «Sonnenschwarz» ist ein Buch, das Zeit braucht, Zeit zum Lesen und zum Blättern, zum Wirkenlassen, Zeit für den Gang in die Bibliothek, wenn man Césaire und Co. nicht zuhause hat. Je länger man es bei sich trägt, umso stärker wirken die einzelnen Szenen, die sich nicht unbedingt beim ersten Lesen erschliessen.

Dennoch ist das Buch ein halbes Jahr nach seinem Erscheinen nicht genügend wahrgenommen worden. Warum? Es fängt zu schwierig an. Maximin, der assoziative, lautmalerische, beim Expressionismus anknüpfende Formulierungen liebt, überfrachtet die ersten Seiten, und wer das Buch mal schnell anliest, wird es kopfschüttelnd wieder weglegen. Warum noch? Es passt nicht zum Zeitgeist und spielt daher weder im «grossen» Rezensionsfeuilleton noch in den verkaufsfördernden Literatursendungen des Fernsehens eine Rolle. Dort werden derzeit skeptische StädterInnen, Reisende und Krimistoffe bevorzugt. Wer mit eigenem Herzblut eine Geschichte des Widerstands erzählt, fällt leicht unter den Tisch, und wer sich dabei nicht marktgängig ausdrückt, erst recht. So wird es weder eine zweite Auflage geben noch eine Taschenbuchausgabe. Man lese «Sonnenschwarz» also am besten jetzt, bevor es aus den Lagern wieder verschwindet.

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