Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Memokratie für die Migros!

Wie Unternehmen liebenswert werden könnten.

Von Constantin Seibt

Demokratie in der Politik ist in weiten Teilen der Welt selbstverständlich; in den Unternehmen herrscht ebenso selbstverständlich Diktatur. Zwar hat die Aktionärsdemokratie kürzlich einige spektakuläre Teilerfolge erzielt, vor allem in Britannien und den USA: Erste Verwaltungsräte wurden abgewählt, ersten CEOs die Löhne gekürzt. In der Schweiz schaffte Peter Brabeck von Nestlé seine Wahl als CEO und Verwaltungsratspräsident nur peinlich knapp. Aber spektakulär sind die Fälle vor allem wegen ihrer Seltenheit: Bis anhin waren in den Generalversammlungen nordkoreanische Mehrheiten an der Tagesordnung: CEO Kim Jong Il.

In der Schweiz wäre ein noch weit radikaleres Pilotprojekt möglich: Demokratie nicht nur durch die Aktionäre, sondern gleich durch die Konsumenten - und das in dem schweizerischsten aller Grosskonzerne, der Migros. Diese wurde durch ihren Gründer Gottlieb Duttweiler den Kunden überschrieben: Theoretisch funktioniert die Migros wie der Schweizer Staat: mit Zweikammerparlament und daraus gewählter Exekutive.

Die Praxis ist natürlich eine ganz andere. In der Migros-Spitze herrschen unter den Regionalfürsten und in der Verwaltung kremlartige Machtkämpfe - und die Demokratie wird à la Ostblock ausgeführt: Die Exekutive bestimmt Einheitslisten, die dann still gewählt werden. Die Hürden für andere Listen sind bürokratisch und zahlreich.

An diesen Hürden scheiterte bei den Wahlen 2004 der Verein Sorgim (Anagramm für Migros). Dessen Präsident, der Informatiker Pierre Rappazzo, hat nun ein schmales Buch herausgegeben, in dem die Sorgim-Ideen für demokratische Unternehmensführung skizziert werden: laut Sorgim «ein Megatrend», der Unternehmen wesentlich transparenter, weniger anfällig für hartnäckig vertuschte Fehler und somit sozialer, kundenfreundlicher und erfolgreicher machen würde.

Der theoretische Teil des Buches ist eher knapp und allgemein gehalten. (Er beschränkt sich mangels Beispielen demokratischer Unternehmen vor allem auf das Versagen nicht-demokratischer Hierarchien.) Dafür macht die praktische Vision einer digital-demokratischen
Migros durchaus Spass: mit einem nach Punktsystem funktionierenden Vorschlags- und Reklamationsforum, der Vorstellung von UnternehmensparlamentarierInnen, CEO-Kampfwahlen und offenen Abstimmungen über Unternehmensstrategien: Tatsächlich könnte Migros so ein wirklich einzigartiges, weltweit diskutiertes Unternehmen werden.

Erfreulich an der Sache ist auch, dass sie bei den Wahlen 2008 umsetzbar ist: Alle, die bis 2007 Migros-GenossenschafterIn werden, können sich auf der Sorgim-Wahlliste registrieren lassen. Noch ist Sorgim eher klein. Aber immerhin hat hier jemand eine wirkliche Idee. Und offeriert die Möglichkeit für ein echtes Projekt - konkret, konstruktiv, subversiv: The future is bright, the future is orange.

www.sorgim.ch

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