Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Sprengt die Fesseln

Aus der Klangphonothek des Komponisten Knut Remond erklingen im Binntal die Worte des Dichters William Blake.

Interview: Johanna Lier

«Dieser Mann war verrückt, ohne Zweifel. Aber es gibt etwas in diesem Wahnsinn, das mich mehr interessiert, als die geistige Gesundheit eines Lord Byron oder Walter Scott.» Diese Worte schrieb der englische Dichter William Wordsworth nach dem Tode William Blakes, der, 1757 in London geboren, zeitlebens ein Aussenseiter war. Sowohl dem Bild wie auch dem Wort verpflichtet, schuf dieser ein eigenwilliges Werk, das von den ZeitgenossInnen misstrauisch und eifersüchtig ignoriert wurde. Einem mystischen Weltbild verpflichtet, trat Blake sowohl für die freie Liebe wie auch für die Ideale der französischen Revolution ein. Grenzen rationalen Denkens galt es durch Visionen zu überschreiten, der Natur musste etwas entgegengehalten werden - um sie begreifen zu können. Als Blake 1827 starb, wurde er in einem unbenannten Grab in den Bunhill Fields bestattet, seine Dichtung ging vorerst mal vergessen. Dann entdeckten die Hippies der Love-and-Peace-Bewegung des letzten Jahrhunderts den ge-nialen Visionär für sich, und William Blake war wiedergeboren.

So geschieht es auch dieser Tage im Wallis, zuhinterst im Binntal, in einer Mineraliengrube. Der Basler Musiker Knut Remond komponiert und inszeniert aufgrund von William Blakes Hauptwerk «The Marriage of Heaven and Hell - Hochzit va Himmel und Hell» ein multimediales Freiluftspektakel, bestehend aus elektronischen Klängen, aus Stimmen, die in englischer Sprache und in Walliserdeutsch singen und sprechen; aus Stelzentänzern, Licht und Landschaft. Ein weiterer umwerfender Engländer ist mit von der Partie: der Stimmzauberer Phil Minton.

WOZ: William Blake im Wallis - wie kommt das?

Knut Remond: Der Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli, der in London lebte, schrieb William Blake einen enthusiastischen Brief aus dem Binntal, mit erotischen und mystischen Anspielungen, die den Freund ins Wallis locken sollten. Er nannte die Gegend «The Lost Paradise». Und die Mineraliengrube Lengenbach wurde 1732 von zwei englischen Ingenieuren angelegt. Man nannte sie daraufhin den Engländerstollen - obwohl die zwei Ingenieure wieder verjagt wurden, weil sie Protestanten waren. Das Binntal wurde aber als das Mineraliental berühmt, und im 19. Jahrhundert überflutete ein wahrer Touristenstrom die Gegend; die Engländer entdeckten das Strahlen, Wandern und Bergsteigen. Und die Erzählungen ihrer Bergerlebnisse beeinflussten die Malerei und Literatur der englischen Romantik.

Was hat uns diese Romantik heute noch zu sagen?

Die Konsequenzen dieser Bewegung kriegen wir in der heutigen Zeit zu spüren. Sie bestimmt aktuelle Werte wie Individualität, Einzigartigkeit, eine eigene Botschaft verkünden zu wollen, Überschreiten alltäglicher Grenzen. Im 19. Jahrhundert war diese Romantik Ausdruck einer langweiligen Biedermeieridylle, zu Blakes Zeiten repräsentierte sie die Revolution.

Wer wäre William Blake heute?

Der, der er damals war. Er war einer der Ersten, der mit der Kombination von Bild und Text arbeitete, und er hatte seine eigene Druckerei, in der er seine Bücher und Bilder produzierte. Er wollte unabhängig bleiben, sich nicht dem Druck durch Industrie und Kommerz beugen. Interessanterweise war das Herstellen von Massenprodukten, was Blake in seiner Druckerei ja schliesslich auch tat, damals völlig avantgardistisch. Heute wäre es das, wogegen er sich wehren täte.

Warum wählten Sie «The Marriage of Heaven and Hell»?

Das ist ein für seine Zeit ungewöhnlicher Text. Er beginnt und endet mit Gedichten. Dazwischen gibt es Sprichwörter, Berichte, Beobachtungen, Streitgespräche und Parodien. Man findet auch beinahe dokumentarische, zeitgeschichtliche Anmerkungen. Das Werk ist dualistisch aufgebaut, es geht immer um Gegensätze: Gut und Böse, Technik und Natur, Rational und Unerklärlich, Materie und Geist. Interessant ist aber, dass Blake das alles umgedeutet hat. So steht bei ihm die Hölle für das Gute und das Immaterielle für das Nützliche. Aber Blake war ja nicht nur ein Mystiker, er war auch ein Anhänger der französischen Revolution und galt zwischendurch in England sogar als Terrorist, da er das rote Chäppi trug; «Sprengt die Fesseln» ist das Schlusswort in «Marriage of Heaven and Hell». Im Wallis hingegen kämpfte man gegen Napoleon und versuchte die alten Werte zu bewahren.

Kann der widerständige Dichter auch heute noch das katholische Wallis aufscheuchen?

(Lacht.) Nun, ich bin nicht wirklich an der Religion interessiert, ich weiss es nicht. Aber das Wallis erinnert mich in einer Weise an Afrika oder Südamerika. Denn die berühmten Walliser Sagen, die ja aus vorchristlicher Zeit stammen, sind voller heidnischer Rituale, Maskentänzen, Geisterbeschwörungen. Sie sind Ausdruck einer Naturreligion. Offiziell ist man aber römisch-katholisch. Das damalige England hingegen war auf der Höhe seiner politischen Macht und eroberte alle seine Kolonien. So war auch William Blakes Welt nicht nur durch den Protestantismus und das jüdische Alte Testament geprägt, sondern auch durch all die Einflüsse, die aus Indien zurückflossen. Diese Mischungen interessieren mich.

Darum William Blake in Walliserdeutsch?

Das ist auch so ein Gegensatz. Blake war ja ein Stadtmensch. Trotzdem war er teilweise gegen den technischen Fortschritt oder gegen ein von den Naturwissenschaften gemachtes Weltbild, wie es damals von Jean-Jacques Rousseau und Isaac Newton propagiert wurde. Auf der sprachlichen Ebene interessiert mich, was mit einem Text passiert, der den weiten Weg aus dem globalen Englischen ins urchige Walliserdeutsch geht.

Wie haben Sie Ihre Musik entwickelt?

Mein Schwerpunkt ist ja die elektronische Musik. Für dieses Projekt sammle ich schon seit längerer Zeit Klänge und Töne und mische sie mit Sprachfetzen aus dem Walliserdeutsch. Ich besuchte die Menschen im Binntal und bat sie, mir zehn Wörter aus ihrer Sprache, bestehend aus bestimmten Vokalen, zu schenken. So entstand mit der Zeit eine Klangphonothek oder eine Art Malkasten.

Und wie bezieht sich die Musik auf diese Landschaft?

Schon wieder ein Kontrast! Die urbane, technische Lautsprechermusik trifft auf eine Naturlandschaft. Phil Minton und Franziska Näf Vosnjak, die den englischen William Blake singen, und Rachel Matter, die den walliserdeutschen William Blake sprechen wird, verstärke ich mit Megafonen - solchen, wie sie die Bauern für den abendlichen Alpsegen gebrauchen. Und die StelzentänzerInnen staksen einerseits wie Skulpturen durch die Landschaft, anderseits tanzen sie sich in Stellungen hinein, die wir auf Blakes Bildern finden. Auf ihren Stelzen wirken sie unantastbar und ragen in die Höhe, wie die Berggipfel oder die Spitzen der Lärchen.

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