Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Das waren die Bomben von Tony Blair

Fast schien es, als sei alles in Ordnung. Doch die Geister des Irakkriegs erschütterten Britannien.

Von John Pilger

In den Berichten über die Anschläge in London letzte Woche ging eine grundlegende Wahrheit beinahe unter: Solche Anschläge zeichneten sich ab, seit der britische Premier Tony Blair an der Seite von George Bush die Invasion des Iraks begonnen hat. Die einzige zuverlässige Warnung der britischen Geheimdienste vor der Invasion betraf nämlich die starke Zunahme von terroristischen Angriffen gegen Britannien und die BritInnen.

Hätte Blair die Warnung ernst genommen, statt uns weiszumachen, dass der Irak eine Bedrohung sei, wären die LondonerInnen, die am Donnerstag gestorben sind, womöglich noch am Leben - genauso wie zehntausende unschuldige IrakerInnen.

Vor drei Wochen wurde ein CIA-Bericht enthüllt, der darlegt, dass die angloamerikanische Invasion den Irak in einen Brennpunkt des Terrorismus verwandelt hat. Blairs Unverantwortlichkeit brachte den täglichen Horror aus dem Irak heim nach Britannien. Seit mehr als einem Jahr drängt Blair die BritInnen nun schon, den Irak «hinter sich zu lassen». Letzte Woche schien es, als hätte das Schicksal seinen PR-BeraterInnen die Hand gereicht. Die Vergabe der Olympischen Spiele 2012 an London schuf die flüchtige Illusion, dass alles in Ordnung sei, ungeachtet der chaotischen Ereignisse in einem fernen Land. Dazu kam das G8-Treffen in Schottland mitsamt der dazugehörenden «Macht Armut zur Geschichte»-Kampagne und dem Zirkus der Prominenten.

In den letzten zwei Wochen war der Kontrast zwischen der Berichterstattung zum G8-Treffen, den Demonstrationen und Popkonzerten und einem anderen «globalen» Ereignis frappant. Über das Welttribunal zum Irak wurde praktisch nichts berichtet. Das international besetzte Tribunal in Istanbul untersucht öffentlich Invasion und Besetzung. Die Berichte von AugenzeugInnen, sagte Arundhati Roy, die dem Tribunal angehört, «zeigen, dass sogar jene unter uns, die den Krieg genau verfolgten, sich nicht aller im Irak entfesselten Schrecken bewusst waren». Dahr Jamail, einer der besten nicht-«eingebetteten» Journalisten im Irak, beschrieb, wie die Spitäler im belagerten Falludscha zum Objekt der kollektiven Bestrafung wurden. US-Marines griffen das Personal an und hinderten Verletzte daran hineinzugelangen. Scharfschützen schossen auf Türen und Fenster. Medizin und Blutkonserven konnten nicht mehr hineingebracht werden.

Stellen Sie sich einmal vor, die gleichen Zustände hätten in London geherrscht, als die Opfer der Anschläge vom Donnerstag in die Spitäler gebracht wurden. Unvorstellbar? Nun, im Irak geschieht es - und zwar in unserem Namen. Wann endlich hakt jemand an den inszenierten «Pressekonferenzen» nach, wenn Blair in die Kameras sagen darf: «Unsere Werte werden die ihren überdauern»? In Falludscha kennen sie «unsere Werte» nur zu genau.

Die beiden für das Gemetzel im Irak verantwortlichen Männer, Bush und Blair, sassen in Gleneagles Seite an Seite - warum stellte niemand dort den Zusammenhang zwischen ihrem «Krieg gegen den Terrorismus» und den Bomben in London her? Und wann wird jemand aus der politischen Elite sagen, dass Blairs Schall-und-Rauch-«Schuldenerlass» im besten Fall nicht einmal so viel kostet, wie die britische Regierung für eine Woche Krieg im Irak ausgibt, wo - laut dem Uno-Kinderhilfswerk Unicef - britische und amerikanische Gewalt schuld an der Verdoppelung von Kinderarmut und Mangelernährung seit dem Sturz von Saddam Hussein ist?

In Wahrheit ist der von den G7 angebotene Schuldenerlass tödlich. Denn er stellt unerbittliche Bedingungen, die jeden möglichen Nutzen in den Schatten stellen. Das war das Tabu während der G8-Woche. Zentral war nicht, die Armut zur Geschichte zu machen, sondern Dissens zum Schweigen zu bringen, zu befrieden und zu kooptieren. Die rührseligen Bilder auf den Grossleinwänden hinter den Popstars im Hyde Park zeigten nicht die irakischen Ärzte, die von Bushs Scharfschützen ermordet wurden.

Das wirkliche Leben wurde satirischer, als Satire je sein kann. Da war ein Bob Geldof, der seinen Kopf lächelnd auf Blairs Schulter legt. Da war ein Bono in heroischer Pose, der Männer wie den Ökonomen Jeffrey Sachs als Retter der Ärmsten der Welt feiert und Bushs «Krieg gegen den Terrorismus» als eine der grössten Errungenschaften seiner Generation preist. Und da war Paul Wolfowitz, der strahlend verspricht, Armut zur Geschichte zu machen - jener Mann, der, bevor er die Kontrolle über die Weltbank übernommen hat, einer der Architekten von Bushs neokonservativem Putsch und vom Blutbad im Irak war und von dem die Bemerkung vom «endlosen Krieg» stammt. Für die PolitikerInnen, die Popstars, die Kirchenführer und die höflichen Menschen, die Tony Blair und seinem Finanzminister Gordon Brown glaubten, als sie ihren «grossen moralischen Kreuzzug» verkündeten, war der Irak peinlich. Der Tod von mehr als 100 000 IrakerInnen wurde aus der Mainstram-Debatte wegretuschiert.

Das «Live 8» von Geldof, Bono, Madonna, McCartney et alteri war die eigentliche Antithese zum 15. Februar 2003, als zwei Millionen Menschen ihr Herz, ihr Hirn und ihre Wut durch die Strassen von London trugen und gegen den drohenden Irakkrieg protestierten.

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