Nr. 28/2005 vom 14.07.2005

Subjektiv objektiv

Seit Jahrhunderten treten die Naturwissenschaften mit der Autorität der Objektivität auf. Dabei müssten auch sie sich mit der Subjektivität ihrer Interpretationen auseinander setzen, sinniert Olaf Breidbach in seinem neuen Buch.

Von Urs Hafner

Ein doppelt merkwürdiges Buch legt der Wissenschaftshistoriker Olaf Breidbach vor. Merkwürdig, weil er in «Bilder des Wissens» eine nicht nur naturwissenschaftliche Selbstverständlichkeit anzweifelt: dass die Naturwissenschaften «objektiv» sind und ihr Untersuchungsgegenstand «objektiv» gegeben. Anders als die Geistes- und Sozialwissenschaften negieren jene die Tatsache, dass der Forschende mit seiner Subjektivität zwangsläufig in den Forschungsprozess involviert ist und dessen Ergebnis durch seine Interpretation mitprägt. Auch die Naturwissenschaften finden in einem historisch konkreten Raum statt. Und merkwürdig auch, weil der Autor sein Thema - zuweilen verwirrlich - in zahlreichen Kapitelchen in immer neuen, geradezu beschwörenden Anläufen einzukreisen sucht.

Beide Wissenskulturen, sowohl die «sciences» als auch die «humanities», kennt Olaf Breidbach von Grund auf: Zuerst promovierte er über Hegel, dann über Käfer, anschliessend habilitierte er in Zoologie, und seit 1995 hat er in Jena den Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften inne. Diese würden unsere Weltsicht mehr denn je prägen, sagt Breidbach. Ob Genetik, Neurologie, Mikrophysik oder gar Astronomie: Kaum ein Bereich menschlicher Lebenswirklichkeit, in dem die «sciences» in den letzten Jahren nicht mit spektakulären Ergebnissen aufgewartet hätten. Bis in die äussersten Weiten des Alls und bis zum innersten Kern dessen, was uns Menschen auszumachen scheint, sind sie vorgedrungen.

Auffallend nun an ihrem Auftritt ist nach Breidbach, dass dieser sich unter der Autorität der Objektivität vollzieht. Naturwissenschaftliches Wissen präsentiert sich als «objektives Erfahrungswissen»; den Beweis dafür liefern die mit technischen Hilfsmitteln wie Fotografie, Mikroskop, Fernrohr und etwa der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) gewonnenen Bilder der DNA, der Fixsterne, Embryonen, subatomaren Teilchen, Hirnfunktionen. Diese Bilder sind mit dem Prädikat des Realen ausgezeichnet, weil sie im Experiment gewonnen werden. Dieses wiederum steht für Erfahrung - nicht die Erfahrung des Subjekts wohlgemerkt, die störend und verfälschend wäre, sondern jene der Objektivität. Der Beobachter und seine Subjektivität werden im Experiment durch eine «Maschinerie des Messens» ersetzt, die objektiv Natur erfassen soll, und zwar durch die Operation der Induktion, also dem Schluss vom Einzelfall auf das Allgemeine und Gesetzmässige. Den Gegenpart zu dieser Figur bildet der Poet: Auch er schafft Bilder und arbeitet mit Erfahrung, aber nicht der Erfahrung des Objektiven, sondern der Erfahrung seiner selbst. In seinen Bildern findet sich folglich nicht Realität, «sondern das Überborden eines empfindenden Subjekts».

Objektiver Analytiker versus subjektive Poetin? Nach Breidbach ist dieser Gegensatz zu einfach. Der Apparat des Experiments, der Objektivität vortäuscht, ist eigentlich subjektiv, weil er von Menschen ausgesonnen, konstruiert und bedient wird. Und die Daten, die er produziert, sprechen nicht für sich, sondern müssen interpretiert werden. Denn der Naturwissenschaftler sieht im Experiment nicht die Natur an sich, sondern nur das, was die Apparatur an Bildern liefert und was er als Deutender in seiner Zeit sehen kann. «In einer Bildwelt, in der das Abbild das Abgebildete ersetzt, bleibt die Welt durch das Bild verstellt. Dessen Interpretation erfordert einen Beobachter, der um die Welt weiss. Sie erfordert ein fortlaufendes In-Frage-Stellen der Objektivierungsfunktionen der Apparaturen, die ein Bild der Welt gewinnen lassen», lautet eine von Breidbachs verdichteten, manchmal quasi-mystischen Formeln. Dass die NaturwissenschaftlerInnen nicht «Natur sehen», weist der Autor auf einem weitläufigen wissenschaftsgeschichtlichen Streifzug anhand vieler Fälle nach: etwa der Entdeckung des Blutkreislaufes durch William Harvey (1578-1657). Der englische Mediziner konnte bei der Sektion der Blutgefässe (der Lunge und des Herzens) die Zirkulation des Blutes nicht beobachten; vielmehr orientierte er sich an der aristotelischen Idee, «dass die Physiologie eines Organismus nur in einer perfekten Bewegung gestaltet sein konnte, (...) die sich in sich selbst zurückführte (...): die Kreisbahn». Harveys «Erfahrung» war also theoriegeleitet. Oder die Entdeckung der Jupitermonde durch Galileo Galilei (1564-1642): Dieser konnte in seinem Fernrohr «nicht einfach ‹sehen›, dass es vier Jupitertrabanten gibt». Er musste gewisse Lichtpunkte fixieren und dann in ihrem Verhältnis zueinander berechnen; was er sah, musste er «in seiner Bedeutung identifizieren». Oder Hans Bergers (1873-1941) Arbeiten mit dem Elektroenzephalogramm (EEG), das Erregungsschichten des Hirns misst: Was er aufgezeichnet hat, «was genau sich in den (...) darstellenden Messkurven wirklich abbildet», ist unklar.

Nach Breidbach glauben die Naturwissenschaften nicht erst seit dem 19. Jahrhundert (wie Michel Foucault meint), dass sie «die Natur» am Werke sehen. Schon im 14. Jahrhundert soll diese naive Logik aufgetreten sein. Allerdings gab es immer auch Wissenschaftler und Epochen, die um ihr Nichtwissen wussten und den Unterschied zwischen Modell und Wirklichkeit reflektierten. Aristoteles (384-322 vor Christus) beispielsweise, dem bewusst war, dass die Beobachtung von Einzelheiten keine induktiven Schlüsse zulässt. Oder im Mittelalter: Hier dokumentierten Illustrationen nicht einfach, was man sah, sondern boten Modelle an, mit denen die Naturdinge zu erklären waren. Oder der deutsche Idealismus: Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) schrieb unter sein Porträt: «Nur wer mich kennt, der wird mich hier erkennen.»

Die Grenze zwischen «humanities» und «sciences» verläuft also nicht so eindeutig, wie Letztere glauben: «Zu fordern wäre (...) ein neuer, kritischer Historismus, der eben die gesamte Wissenschaftskultur und nicht nur die Dimension der ‹humanities› zu umfassen hätte.» Auch die Naturwissenschaften müssen darüber nachdenken, dass ihr Untersuchungsgegenstand nicht objektiv gegeben ist und ihre experimentell erzeugten Daten der Deutung bedürfen. Wenn die WissenschaftlerInnen sich dessen nicht bewusst sind, hat das zur Folge, dass sich letztlich das Experiment ihrer bemächtigt. Objektives Wissen lässt sich nur durch das Wissen um die eigene Subjektivität gewinnen.

Die Grenze zwischen «humanities» und «sciences» verläuft also nicht so eindeutig, wie Letztere glauben: «Zu fordern wäre (...) ein neuer, kritischer Historismus, der eben die gesamte Wissenschaftskultur und nicht nur die Dimension der ‹humanities› zu umfassen hätte.» Auch die Naturwissenschaften müssen darüber nachdenken, dass ihr Untersuchungsgegenstand nicht objektiv gegeben ist und ihre experimentell erzeugten Daten der Deutung bedürfen. Wenn die WissenschaftlerInnen sich dessen nicht bewusst sind, hat das zur Folge, dass sich letztlich das Experiment ihrer bemächtigt. Objektives Wissen lässt sich nur durch das Wissen um die eigene Subjektivität gewinnen.

Warum analysiert er ausschliesslich männliche Wissenschaftsfiguren? Und ist bei manchen NaturwissenschaftlerInnen das kritische Bewusstsein gegenüber dem eigenen Tun nicht stärker ausgebildet, als er meint? Und doch wünscht man sich mehr Bücher wie dieses: sperrig und doch poetisch, bescheiden und doch kühn, dezidiert und tastend zugleich.

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