Nr. 31/2005 vom 04.08.2005

Pathologie der Macht

In bedrängenden Bildern thematisiert der polnische Künstler Artur Zmijewski individuelle Befindlichkeiten als Ausdruck spezifischer gesellschaftlicher Erfahrungen.

Von Isabel Zürcher

Der Motor seiner Arbeit ist ein Verdacht: dass sich in Worten nicht alles erklären lässt, schon gar nicht die Ursachen und das Ausmass historischer Gräueltaten. Dass die vermeintlich scharfe Trennung zwischen Opfern und TäterInnen so scharf nicht ist. Dass die Deutungsmacht der Welt zu Unrecht nur bei denen liegt, die die Sprache eines Landes beherrschen und die Gesten ihres Körpers zu kontrollieren wissen. Unerbittlich und gezielt erkundet der polnische Künstler Artur Zmijewski jene Lücken zwischen nationalem Geschichtsbild und individueller Erinnerung, zwischen der grossen Verheissung demokratischer Gesellschaften und der Ohnmacht derer, die auch darin kein Gehör finden.

Nahsicht

Die Zmijewski-Ausstellung in der Kunsthalle Basel erfordert Nahsicht. Zwei Hörstationen und insgesamt acht Videoarbeiten auf Monitoren sind mit Kopfhörern ausgestattet und stiften so eine Isolation, welche Zmijewskis Recherchen noch unausweichlicher machen. Ungeschont sehen sich Besucherinnen und Besucher einem Angriff ausgesetzt: wo historisch beglaubigte Erzählungen über den Holocaust infrage gestellt oder die rechtlich verankerte Teilhabe von Behinderten am öffentlichen Leben angezweifelt werden, zerfällt das Vertrauen in Begriffe wie «normal» und «behindert», «gut» und «böse», «richtig» und «falsch».

Im Jahr 2003 bereiste der 1966 geborene Künstler Israel. Kein Zufall: Im Kriegszustand liegen die Nerven blank und vereiteln rationale Erklärungsmuster für einzelne Schicksale. Hier lebt Lisa, eine deutsche Krankenschwester, die - offen, ja zutraulich zunächst - ihre Gründe für die Emigration nach Jerusalem schildert. Ihre Überzeugung, wonach sie das Schicksal eines im Nazideutschland erschossenen jüdischen Knaben trägt und deshalb Familie und Freunde hinter sich liess, kollabiert in der erschütternden Erkenntnis ihrer Isolation. In «Itzik» (2003) deutet ein polnischer Jude in einem erhitzten Monolog seine Biografie vor dem Hintergrund einer kuriosen Mischung aus biblischen Erzählungen, jüdischen Legenden und der bitteren Einsicht, dass sein einziger Sohn in der israelischen Armee täglich sein Leben riskiert. «Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erfolgt in der Regel auf einer politischen Ebene, aber kaum je auf der Ebene der individuellen, physischen und psychischen Erfahrung», formuliert Adam Szymczyk, Direktor der Kunsthalle Basel. «Genau das ist es, was Zmijewski in seinen Filmen tut.» Hartnäckig insistiert der Künstler in Tel Aviv auf der Aufzeichnung einer ebenso kollektiven wie individuellen Erinnerung: Er suchte Menschen jüdischer Abstammung auf, die nach dem Krieg Polen verlassen hatten, und bat sie, nationalistische Lieder vorzutragen. Teils irritiert, teils belustigt tasten sich die vom Alter Gezeichneten an Fragmente aus dem Wortschatz ihrer Jugend heran: Die Nahaufnahmen ihrer Gesichter geraten zu einer Reihe individueller Porträts wie zur Illustration eines vermuteten Zerfalls - das polnische Liedgut hat im Exil keine Bedeutung mehr. Die fast zärtliche Beschreibung eines nachlassenden Erinnerungsvermögens zielt, so Zmijewski im Kataloginterview, auch auf ein nationalistisches Selbstbewusstsein: «Juden, die extrem patriotische polnische Lieder singen, sind ein schwerer Missklang für zum Beispiel irgendeinen Nationalisten (…) Wer sind denn die, die singen - Polen oder Juden? Diese Lieder sind doch für einen Polen Teil seiner Identität, eine Manifestation seiner nationalen Identifikation, ein Bezug zur Identität. Und hier stellt sich plötzlich heraus, dass sie es auch für andere sind.»

Lebensbilder

Zmijewskis Methode ist jene eines Detektivs. Er hält sich im Hintergrund, blendet sich und seine Fragen meistens aus, verzichtet auf ästhetisierende Raffinessen und lenkt mit akribischen Versuchsanordnungen die Wahrnehmung auf die Fragilität von Geschichts- und Menschenbildern. Was er zu sehen und zu hören gibt, sind ebenso Dokumente erlebter Begegnungen wie Indizien eines Unbehagens. Der Künstler misstraut jeder makellosen Interpretation, jeder verallgemeinernden Äusserung: In der Aufführung von Bach-Werken durch Taubstumme zerbricht - berührend und schmerzhaft zugleich - ein Meisterwerk barocker Klangordnung. Das Rezitieren von Shakespeare durch einen an der Huntington’schen Krankheit leidenden Schauspieler verkommt zu einer unfreiwillig stockenden, in unbeholfenen Gesten verfangenen Performance. Keiner der oben erwähnten ProtagonistInnen spricht übrigens in seiner oder ihrer Muttersprache: Lebensbilder scheinen da am anfechtbarsten, wo sich ihre Versehrtheit nicht wortmächtig retouchieren lässt. Im Verlust der gemeinsamen Sprache, die den Dialog zwischen den Generationen hätte garantieren können, erkennt Adam Szymczyk eine spezifisch polnische Erfahrung: «Der Krieg und das Trauma des Holocaust, das kommunistische Regime, schliesslich die Einführung der Marktwirtschaft: All dies mündete in eine radikale, gewaltige Umgestaltung der öffentlichen Diskurse und beeinflusst letztlich auch die individuelle Befindlichkeit.»

Dringlichkeit

«Einmal ist keinmal», so der Titel des Katalogs, der - auch anlässlich von Zmijewskis Beitrag im polnischen Pavillon in Venedig - eine erste Werkübersicht vorlegt. Der Künstler riskiert die Wiederholung und riskiert auch den Vorwurf der Taktlosigkeit: Mit der Erneuerung einer Häftlingstätowierung dringt er gleichsam porentief in die Erinnerung eines Auschwitz-Überlebenden ein. Das inszenierte Spiel von Nackten in einer ehemaligen Vernichtungszelle ruft nochmals schonungslos in Erinnerung, was sich hier abgespielt hatte, und die Tötung mutiert gleichzeitig zum eigenwilligen Tanz. «Der Kunstkritik fehlen die Mittel, um seine Filme zu beschreiben», formulierte die polnische Kuratorin Joanna Mytkowska anlässlich der Vorführung von Zmijewskis neuester Filmarbeit «Repetition» (2005) im Stadtkino Basel; der Nachweis, wie rasch jede Normalität unter bestimmten Bedingungen in Bosheit umschlagen kann, hat mit Ästhetik nichts zu tun, die Pathologie der Macht ist auf Bildoberflächen nicht einsehbar. Adam Szymczyk auf die Frage, ob er es für dringlich halte, Zmijewski dem westlichen und dem Schweizer Publikum nahe zu bringen: «Ja, es gibt eine Dringlichkeit. Sicherheit ist eine Illusion, die nie lange dauert.»

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