Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Gestreifte Birne in Gefahr

Eine gemeingefährliche Krankheit droht ganze Landstriche zu verändern. Bauer Peter Zahner wehrt sich dagegen, dass seine alten Birn- und Apfelbäume gefällt werden.

Von Susan Boos

Peter Zahner hat strenge Wochen hinter sich. Am vergangenen Freitagmorgen war sein Kampf verloren. Um halb sieben parkte ein Polizeiauto auf dem Kiesplatz neben dem Stall. Zahner war noch beim Melken. Zuerst dachte er, die Polizisten wollten auf der Strasse den Verkehr kontrollieren, doch dann dämmerte ihm: Die waren wegen seiner Bäume hier. Um zwanzig vor sieben kamen Behördenvertreter, die Fällequipe und ein weiteres Polizeiauto.

Wenig später lag der erste Baum am Boden. Ein Birnbaum, hundertfünfzig bis zweihundert Jahre alt. Ein ausladendes Prachtexemplar, ein Gelbmöstler, den der Feuerbrand erwischt hat. Zahner hatte ihn gepflegt, die kranken Äste rausgeschnitten und sagt: «Der Baum war grün und hatte kein krankes Ästchen.» Die Behörden waren anderer Ansicht.

Zahner versuchte noch, einige Freunde zu mobilisieren, um seine Hochstammbäume zu schützen. Aber sie konnten an diesem Tag nicht mehr viel ausrichten. Die Zwangsrodung von fünf Obstbäumen wurde vollstreckt.

Eigentlich hätten die Bäume schon drei Tage früher gefällt werden sollen. An jenem Tag hatte Zahner MitstreiterInnen mobilisiert. Sie standen um die Bäume und erklärten, die Strategie des Bundes, die angeblich kranken Bäume zu fällen, sei falsch. Der Verein Hochstammobstbau Schweiz unterstützte die Aktion. Die Presse war da. Doch die Baumfäller kamen nicht. Es war nass und trüb - bei solchem Wetter darf man keine kranken Bäume umhauen. Der Feuerbranderreger verbreitet sich bei dieser Witterung besonders schnell.

Das gemeingefährliche Bakterium

Gnadenlos zieht die Krankheit übers Land. Die ExpertInnen nennen sie gemeingefährlich. Schuld ist das Bakterium Erwinia amylovora. Es löst den Feuerbrand aus, der so heisst, weil die befallenen Pflanzenteile aussehen, als ob sie verbrannt wären. In den fünfziger Jahren wurde der Feuerbrand aus den USA nach Europa eingeschleppt. 1989 trat die Krankheit erstmals in der Schweiz auf. Der Bund setzte rigoros aufs Eliminieren: Erkrankte Pflanzen mussten sofort gerodet werden. Bis Ende der neunziger Jahre schaffte man es mit dieser Strategie, die Krankheit einigermassen im Zaum zu halten. Im Jahr 2000 breitete sie sich aber explosionsartig aus. Dieses Jahr grassiert der Feuerbrand erneut. Allein im Kanton St. Gallen sind 55 Gemeinden davon betroffen.

Das Gemeine am Feuerbrand: Er ist hoch ansteckend und leicht übertragbar. Er befällt nicht nur Birnen-, Apfel- und Quittenbäume, er steckt auch den wild wachsenden Weissdorn, die Vogelbeere und verschiedene Zierpflanzen an. Zum Beispiel den Cotoneaster, die Steinmispel, die in vielen Gärten vorkommt. Die kranken Zweige schwitzen Schleimtröpfchen, die das Bakterium enthalten. Vor allem während der Blütezeit verbreiten die Bienen das Bakterium. Allerdings braucht das Bakterium feuchtwarmes Wetter, um zu überleben.

Rückschneiden statt fällen

Peter Zahner ist nicht ein Mann, der laut wird. Gefasst erzählt er, wie es kam, dass sie ihm die Bäume fällten. Auf seinem zehn Hektar grossen Betrieb stehen dreihundert Hochstammobstbäume. Er hat 85 verschiedene Sorten Birnen und Äpfel. Manche kommen sogar als Altbaum nur auf seinem Hof vor, zum Beispiel die Schweizer Hose, eine gestreifte Birne. Ein anderer Baum hat Äpfel, die nach Bananen schmecken, vermehrungswürdig wären, aber noch keinen Namen haben. Zahner hegt ein kleines Universum, bevölkert von seltenen Vögeln und Fledermäusen. Er weiss alles über die Tiere, die in seinem Obsthain leben, baut Brutkästen für die Vögel und Schlafstätten für die Fledermäuse. Sein Refugium liegt am Rande von Waldkirch, nördlich von St. Gallen.

Die Tragödie begann 2003. Damals trat der Feuerbrand erstmals in Zahners Obstgarten auf. Die Experten sagten, fünfzig seiner Bäume seien befallen. Damals durfte er noch rückschneiden, wie das im Fachjargon heisst. Er verbrachte Tage auf den Bäumen, um alle kranken Äste herauszuschneiden. Im Herbst 2003 gab es eine Nachkontrolle, der Feuerbrand war weg. Im letzten Jahr waren die Bäume fast sauber. Nur an einem Apfelbaum zeigten sich Symptome. Er schnitt ihn und sagt heute: «Der Baum ist dieses Jahr grün und gesund.»

Ende Juni 2005 ging es wieder los. Zahner tat, was er schon zwei Jahre zuvor getan hatte: Er verbrachte Tage auf den Bäumen, um alle verdächtigen Äste herauszuschneiden.

Er nahm an, das sei so in Ordnung. Die Feuerbrandkontrolleure der Gemeinde kamen drei Mal. Seiner Meinung nach hatten sie ihm nie offiziell zu verstehen gegeben, dass er die Bäume fällen müsse. Bis dann Mitte Juli der oberste Kontrolleur des Kantons auftauchte. Danach war es klar: Fünf Bäume mussten weg. Zahner konnte zwar dagegen rekurrieren, dem Rekurs wurde jedoch die aufschiebende Wirkung entzogen. Worauf er einen Anwalt nahm, was aber wenig half, die Zwangsrodung wurde vollstreckt.

Zahner ist nicht naiv. Er sagt: «Der Feuerbrand ist gefährlich, man muss unbedingt etwas tun. Wer sich nicht um seine Bäume kümmern kann, weil er keine Zeit hat oder aus gesundheitlichen Gründen nicht auf die Bäume steigen kann, soll roden.» Er vertritt aber die Ansicht: Solange die Krankheit nur die äussersten Äste befallen hat, kann man diese abschneiden und den Baum retten. Wenn aber ein dicker Leitast oder gar der Stamm befallen sei, müsse der Baum weg.

Zahner kämpft, weil er fürchtet, dass es in einigen wenigen Jahren bald keine Hochstammbäume mehr geben wird. Hochstammanlagen sind wie Pärke, lichtdurchflutete Baumbestände, die gewissen Vögeln Lebensraum bieten, den es sonst nirgendwo mehr gibt. Die alten Obsthaine prägen auch die Landschaft. Viele der Bäume sind acht Meter hoch und standen schon, als es den modernen Schweizer Bundesstaat noch nicht gab.

Die Bauern in der Gegend sagten Zahner, er solle doch nicht so ein Zeugs machen wegen fünf Bäumen. Aber ihm gebe das einen Stich, «wenn man doch die Bäume retten könnte».

Vor allem auf den Gelbmöstler hätten es die so genannten Pflanzenschützer abgesehen, sagt Zahner. «Ausrotten wollen sie ihn.» Dabei gebe es die Sorte schon seit dem sechzehnten Jahrhundert. Es könne doch nicht sein, dass man versuche, Pflanzenarten auszurotten. Wenn schon ausrotten, müsse man doch mit dem Cotoneaster beginnen, der oft an Feuerbrand erkranke. Die Privatgärten würden nur schlecht kontrolliert - da seien Ansteckungsherde versteckt. Aber er müsse sich vorhalten lassen, dass er mit seinen Bäumen die Bäume der anderen Bauern bedrohe.

Der Bund verhängte schon vor einigen Jahren ein Einfuhr- und Pflanzverbot für alle Cotoneaster-Arten. In St. Galler Gärten gedeiht er aber immer noch.

Österreich nimmt Antibiotika

Eduard Holliger leitet bei Agroscope, der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil, das Feuerbrandteam. Er schätzt, dass man dieses Jahr in den Kantonen Luzern, Thurgau und St. Gallen zwischen 10000 und 15000 Hochstammbäume wird fällen müssen. «Natürlich ist es für die Bauern sehr schwierig, wenn sie ihre Bäume kurz vor der Ernte fällen müssen. Lässt aber der Kanton als Vollzugsorgan zu, dass die Bäume bis nach der Ernte stehen bleiben dürfen, werden sie vielleicht nachher nicht vernichtet und stehen bei der nächsten Blüte noch - was eine grosse Ansteckungsgefahr birgt.»

Hochstammbäume seien zudem sehr schwierig zu kontrollieren: «Es ist oft nicht möglich, in einem zehn bis fünfzehn Meter hohen Baum einen Befall rechtzeitig zu sehen.» Wenn aber ein Bauer viel Zeit in die Sanierung investiere, sei es durchaus möglich, einen Baum zu retten. Allerdings, so fügt er an, sei die Birne - vor allem der Gelbmöstler - sehr anfällig und kaum zu retten. Nach einem Rückschnitt erkranke der Baum oft nach zwei, drei Jahren erneut und müsse dann gefällt werden: «In dieser Periode stellen solche Bäume eine Gefahr für die vielen gesunden Bäume dar.»

Obwohl man in den USA schon seit zweihundert Jahren mit dem Feuerbrand lebt, ist von dort keine Hilfe zu erwarten. In manchen Gebieten wird wegen des Feuerbrandes auf den Kernobstanbau verzichtet. Oder es werden während der Kernobstblüte prophylaktisch Antibiotika eingesetzt. Dort habe der Erreger aber schon vor Jahren gegen gewisse Antibiotika Resistenzen entwickelt, sagt Holliger. In Vorarlberg setzte man in diesem Jahr erstmals Antibiotika ein. In einigen deutschen Bundesländern wird dies auch schon gemacht. In der Schweiz ist der Einsatz von Antibiotika verboten. Der Bund begründet das Verbot damit, dass die Anwender, also die Bauern, aber auch die KonsumentInnen geschützt werden müssten. Es wäre auch kaum zu verhindern, dass Antibiotika in den Honig gelangten.

Erwinia liebt die Ostschweiz

«Es ist nicht unsere Strategie, sondern die des Feuerbrands, den Gelbmöstler auszurotten», sagt Andreas Schwarz, Leiter der Fachstelle für Pflanzenschutz des Kantons St. Gallen. Schwarz ist mitverantwortlich, dass Zahner seine fünf Bäume fällen musste. Schwarz sagt, dass der Gelbmöstler ohnehin schnell aussterben würde, wenn man den Feuerbrand gewähren liesse: «Wir greifen der Natur lediglich etwas vor, damit der Feuerbrand möglichst immer wieder bei null anfangen muss und sich so weniger schnell ausbreiten kann.» Offensichtlich sei es dem Bakterium in der Ostschweiz sehr wohl, konstatiert Schwarz: «Wir werden wohl lernen müssen, mit ihm zu leben.»

Auf den Vorwurf, der Kanton kümmere sich nicht um die Zierpflanzen, sagt Schwarz, man habe die hochwüchsigen Cotoneaster-Arten schon vor geraumer Zeit roden lassen, nicht jedoch den niederwüchsigen, der nur eine geringe Ansteckungsgefahr biete: «Ausserdem wird selbstverständlich jeder bekannte Befall auf Zierpflanzen sofort ausgemerzt.» Mittelfristig gibt es für Schwarz nur einen Ausweg: den Obstbau geografisch separieren und nach und nach auf weniger anfällige Sorten umstellen. Intensive Niederstammanlagen sollten nicht unmittelbar neben Hochstammanlagen liegen, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken. Auch sollten die Obstanlagen möglichst weit weg von den Siedlungsgebieten sein. Und man wird in der Nähe von Kernobstanlagen keine Hecken mit Weissdorn mehr anlegen dürfen, obwohl diese Hecken als ökologisch wertvoll gelten.

Alternative Methoden

Auch Schwarz hält vom Antibiotika-Einsatz wenig. Möglich, sagt er, dass die Bauern vermehrt Antibiotika fordern würden, wenn der Bund sich finanziell einmal weniger stark an der Feuerbrandbekämpfung beteilige. «Es ist allerdings absolut ausgeschlossen, bei Hochstammbäumen Antibiotika einzusetzen - das kommt nur für Niederstammanlagen in Frage.» Schwarz hofft vor allem auf alternative Bekämpfungsmethoden. Zwei biologische Mittel, die die Bakterienentwicklung verlangsamen respektive die Abwehrkräfte der Pflanzen stärken, sind bereits zugelassen. Er habe schon Versuche mit homöopathischen Mitteln gemacht, die sehr erfolgversprechend seien: «Aber da braucht es noch einiges an Forschung.»

In Zahners Obsthain stehen noch die fünf Baumwracks. Er hat beschlossen, einige als Mahnmal stehen zu lassen. Täglich steht er nun in seinem Obsthain, starrt hinauf in die gesunden Bäume und fürchtet, irgendwo ein abgestorbenes Ästchen zu entdecken.

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