Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Heftige Unruhe im Nildelta

In Muhammad al-Bissatis «Haus hinter den Bäumen» sinnt ein eifersüchtiger Metzger auf Rache.

Von Valentin Schönherr

Es ist ein bedrückendes «Haus hinter den Bäumen», von dem der Ägypter Muhammad al-Bissati erzählt. Mussaad, ein Metzger, hat seine Frau Saadija in einen stinkenden Schuppen gesperrt, in dem der Futterklee für das Vieh gelagert wird und die Ratten hausen. Sie hatte ihn mit dem jungen Amir, dem Sohn eines Kollegen, betrogen. Beide, Saadija und Amir, will Mussaad nun umbringen, so verlangt es die Ehre. Hätte er sie auf frischer Tat gestellt, dann wäre er für einen Mord vielleicht sogar straffrei davongekommen: Affekthandlung. Bei vorsätzlichem Mord allerdings droht ihm die Todesstrafe.

Im Ägypten der sechziger Jahre, wo der Roman spielt, hat der nationalistische Modernisierungsschub der Nasser-Revolution an Schwung verloren, und die sozialen Spannungen sind gestiegen. Die Suez-Krise vom Herbst 1956, als Grossbritannien und Frankreich auf die ägyptische Verstaatlichung des Suezkanals mit Krieg geantwortet hatten, hatte zwar den Sieg Nassers gebracht, aber auch die komplette Zerstörung der bedeutenden Hafenstadt Port Said. Flüchtlingsströme waren durch den Norden des Landes gezogen und hatten mit ihrer offeneren Lebensweise der Hafenmetropole das Sozialgefüge der Nildelta-Provinz in heftige Unruhe versetzt. Saadija gehört zu diesen Flüchtlingen.

Sie begegnet dem einheimischen Mussaad und heiratet ihn, aber die Ehe mit dem Mann erweist sich trotz bescheidenen Wohlstands rasch als öde. Saadija darf das Haus nicht verlassen, und Abend für Abend sitzt Mussaad schweigend in einer Ecke und verfolgt stumpfsinnig jede ihrer Bewegungen, bis er zu Bett geht. Saadija bleiben die Nächte, für die sie die Dachterrasse entdeckt: Hier ist sie ungestört, dies ist ihr «Room of One's Own», der Raum für Erinnerungen an beherrschende Männer und erniedrigende Flüchtlingsunterkünfte. Aber es ist auch der Raum für eine zarte, mehr fantasierte als reale Liebe zum viel jüngeren Amir, einem sensiblen Literaturstudenten. Der sich reichlich ungeschickt anstellt. Sie werden nur allzu früh ertappt.

Muhammad al-Bissati, der 1937 in der Gegend von Port Said geboren wurde und für seine zahlreichen Romane und Erzählbände in der arabischen Welt hohe Anerkennung erhalten hat, schildert dieses ländliche Ehe- und Gesellschaftsdrama aus der Perspektive eines neutralen Beobachters. Statt moralischer Wertungen und stimmig ausgemalter Charaktere bevorzugt er knappe und präzis durchgearbeitete, dialogreiche Szenen. Er unterbricht immer wieder den Erzählfluss, schiebt die Zeitebenen elegant in- und aufeinander und lässt reichlich Raum für die Deutungen und Bilder in den Köpfen der LeserInnen.

Kontrapunktisch sind zwischen die Kapitel kurze Kommentare gesetzt, die Mussaads Gang zu Amirs Haus mitverfolgen, an dessen Ende der Mord am jungen Mann stehen soll. Diese Passagen haben überraschenderweise denselben Effekt wie der Chor in der antiken Tragödie, verankern sie doch die individuellen Geschichten des Dramas im Bewusstseinsfundament des Kollektivs.

Schliesslich löst sich der Konflikt mit einem anderen Toten als erwartet und mit einem vielleicht etwas zu simplen Konzept: Die Menschen, die sich nicht vertragen haben, gehen einfach wieder auseinander. Die griechische Tragödie hat das bitterste Ende nicht erreicht. Der Ort des Geschehens birgt jedoch zu viele Alltagsschrecken, als dass man wirklich erleichtert wäre. Von diesem Ort, der im Nachwort wie Gotthelfs Emmental, Nagib Machfus' Kairo oder Dickens' London als einer der grossen literarischen Schauplätze vorgestellt wird, von jenem heissen Dorf am Kanal, umgeben von Eukalyptusbäumen, Gehöften und Zuckerrohrfeldern, wüssten wir gerne mehr. Am besten erzählt von Muhammad al-Bissati.

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