Nr. 34/2005 vom 25.08.2005

Am Ende bleibt der Volksblitz

In seinem neuen Roman beleuchtet Bernd Cailloux die Auflösungsprozesse der 68er-Generation und ihrer Ideale.

Von Ulrike Baureithel

Einst wie Prometheus auf der Bühne der Geschichte erschienen, so treten sie heute ab: mit viel Bühnenzauber. Was der Blitz der Gegenkultur einmal kreierte - die sanften Blumenkinder ebenso wie die knallharten Revolutionäre -, das versinkt nun im medialen Blitzlichtgewitter etablierter Politik. Und selbst das Flashlight ist Teil ihrer Geschichte, ureigenes Produkt dieser so genannten Achtundsechziger, die heute ihre Irrtümer beweinen, im Licht der Öffentlichkeit, das den Markt bestimmt.

Das jedenfalls behauptet Bernd Cailloux in seinem Roman «Geschäftsjahr 1968/69», der die Generationensaga aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive beleuchtet: aus der Sicht des knallharten Geschäftslebens. Denn egal, ob sich einer als Blumenkind oder als Revolutionär gerierte, einig war man sich doch in seiner Gegnerschaft gegen das Establishment, gegen das Soll und Haben des profanen Handels, der Politik. Zu erklären, dass diese Zeitenwende nur als unspektakuläres Geschäftsjahr in den Niederungen der Ökonomie versandet sein könnte, blamiert die eingeübte heroische Pose weit mehr als das Mea Culpa eines zum Aussenminister aufgestiegenen Strassenkämpfers. Und auch die verbürgte deutsche Geschichte kennt prominente Beispiele, wie einst im revolutionären Kampf getarnte Macher die Zeichen erkannten, die Haut abwarfen. Und selbst noch als Immobilienhaie sich zu verkleiden wussten mit Anspruch.

Ob die Geschichte des Andreas Büdinger, die aus dem Blickwinkel des Icherzählers in Cailloux’ Roman aufscheint, einer historischen Vorlage folgt, ist nicht bekannt und auch unerheblich. Wichtiger ist die typologische Anlage beider Figuren: Büdinger, der bei der nach dreissig Jahren eher zufälligen Begegnung mit dem einstigen Freund und Partner längst alle heuchlerischen Erklärungsversuche ad acta gelegt hat und sich als rücksichtsloser Homo oeconomicus bekennt; der Icherzähler, der, viel verlogener, in den möblierten Nischen des Systems haust und Revue passieren lässt, was damals passiert ist, in diesem Geschäftsjahr 1968/69, als der Blitz der revolutionären Aufklärung in die Welt kam und diese in neuem Licht erscheinen liess.

Ganz materiell zunächst. Denn um 1967 herum lotst dieser Andreas Büdinger den alten Journalistenfreund, der gerade die demütigenden Rituale der Vaterlandsverteidigung und die desillusionierende Erfahrung frühehelicher Zweisamkeit absolviert hat, nach Düsseldorf, wo sie, zusammen mit einem durchgeknallten Elektronikfreak, in einer muffelnden Gartenlaube residieren und als «Mussegesellschaft» Ausflüge in die örtliche Kunstszene unternehmen, einschliesslich der damals obligatorischen in die bewusstseinserweiternde Drogenwelt. Bekurz, der Tüftler, ist besessen von seiner Idee, eine Blitzlichtmaschine zu konstruieren, Büdinger von den Möglichkeiten, die in dem Teil stecken, und der Icherzähler vom Freiheit versprechenden Licht des Stroboskops und der Mussegesellschaft, die das kapitalistische Joch - auch für die Kapitalisten - zu überwinden scheint. «Wenn sie anders tanzen», glaubt er, «werden sie auch bald die Welt anders sehen.» Eine Maschine, die die Realität verändert. Eine Unternehmensidee, die die ökonomischen Realitäten transzendiert. Und alle miteinander «Enthemmungsassistenten», im Rausch und den Rausch erzeugend.

Doch nachdem die ersten Feldversuche in Diskotheken und eher anrüchigen Etablissements erfolgreich durchschlagen und die Nachfrage die logistischen Möglichkeiten der Unikate produzierenden Laubenbastler weit übersteigt, steht die Mussegesellschaft vor der Entscheidung, was mit ihrem Start-up passieren soll. Wollte das Trio, ergänzt von Aussteiger Sweti, «in diesen Zeiten» eigentlich gar keine «Firma am Hals haben» und setzte es ihre absichtslose Lichtideologie zunächst noch gegen die vergoldenden Absichten ihrer Kunden, zeichnet sich mit dem Umzug in «Geschäftsräume» eine Veränderung ab. «Wir befanden uns in einem grossen Büro, wo wir mit einer Menge hungriger Leute zu tun hatten, mit Steuern und TÜV-Vorschriften, Vermietern, Händlern, Produzenten.» Und der Frage, «wem eigentlich diese Firma gehört».

Es beginnen die langsamen Auflösungsprozesse, die Bernd Cailloux, unterkühlt, dicht und präzise verfolgt und in dramatische Bilder umsetzt. Das Konzert in der Essener Gruga-Halle, das die blitzartige «Zeitenwende» für einen Augenblick festhält; die Geld- und Drogendelirien; die Erfindung des «Volksblitzes»; und schliesslich die «feindliche Übernahme» Büdingers, der Zerfall der alten Freundschaftsbeziehungen, der Drogentod und die letzten, erfolglosen Korrekturversuche des Icherzählers. Dabei ist das Licht, der «Blitz», mit dessen bildlichen Möglichkeiten der Verfasser ausgiebig jongliert, materielles Diktat und symbolisches Menetekel zugleich. Je heller die Diskotheken, Puffs, Messehallen und Politikerarenen mit dem Dauerlichtgewitter ausgeleuchtet und gleichzeitig verzerrt werden und je mehr Geld damit zu machen ist, desto schneller verdunkeln die Versprechen der Mussegesellschaft, bis sie mit dem Eintrag ins Handelsregister schliesslich untergehen.

Dass der Icherzähler - parallel zu seinem Abstieg in der Firma - noch einmal aufsteigt in den Liebeshimmel und dessen Verheissungen, ist eher eine erzählerische Petitesse, die vor allem deshalb hübsch lesbar ist, weil dort das Pathos des Icherzählers für den Zauber des Lichts abgekühlt wird im Feuer körperlicher Entdeckungsreisen. Als Modell überlebt dieser Rohstoff so wenig wie die Freundschaft, die sich im Geschäft erschöpft. Aus sich selbst heraus ist die Liebe ebenso wenig überlebensfähig wie die Mussegesellschaft. Am Ende bleibt für den sozialromantischen Icherzähler nur zu erklären, was es auf sich hatte mit dem Geschäftsjahr 1968/69 und seinem verborgenen Motiv: der Blitz der Erkenntnis? Das schnöde Geschäft? Oder eben «eine Firma als Tarnkappe auch bei der Suche nach besseren Lebenszwecken»?

Übrig bleibt das kleine Stroboskop auf den Schreibtischen der ehemaligen Freunde, ein ganz privater, intimer «Volksblitz», der daran erinnert, dass ja auch einmal der Volksempfänger und das Volksauto samt der Volksaktie ein Versprechen waren, ungeachtet wer sich heute den Mammon in die Tasche schaufelt.

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