Nr. 34/2005 vom 25.08.2005

Wer hat Angst vor dem «jüdischen Krieg»?

Diese Woche erscheint der kontrovers diskutierte neue Roman von Philip Roth auf Deutsch. Er lässt sich durchaus als Schlüsselroman lesen - allerdings in eine andere Richtung, als im Vorfeld spekuliert worden war.

Von Tan Wälchli

Als «The Plot Against America» letzten Herbst in den USA erschien, war die Spannung kaum zu überbieten. Schon Monate zuvor hatte man vernehmen können, Philip Roth habe einen so genannten Schlüsselroman geschrieben, also einen kaum getarnten Kommentar zur Zeitgeschichte. Es würde um eine US-amerikanische Präsidentenwahl gehen und einen Sieger, der die demokratischen Errungenschaften des Landes aufs Spiel setzt. Charles Lindbergh, der Fliegerheld, gewänne 1940 für die Republikaner gegen Theodore Roosevelt die Wahl. Anschliessend schlösse er, anstatt gegen die Achsenmächte in den Krieg einzutreten, mit Adolf Hitler einen Nichtangriffspakt. Und das war noch nicht alles. Roths Buch würde, genau geplant, kurz vor den aktuellen Präsidentenwahlen erscheinen. Alles deutete auf eine Abrechnung mit George Bush hin: Müsste sich der radikale Christ und volkstümliche Repräsentant der US-amerikanischen Landbevölkerung mit Lindbergh vergleichen lassen, dem ebenso hemdsärmligen, ebenso christlichen und ebenso populären Helden der Heartlands, der noch dazu ein Nazisympathisant war?

Schlüsselroman ohne Schlüssel

Kaum stand das Buch in den Läden, war die Spannung schnell verflogen. Natürlich war es ein Bestseller geworden, und natürlich zu Recht. Toll erzählt, wie gewohnt bei Roth, fesselnd von der ersten bis zu letzten Seite. Dazu der Thrill, einen alternativen Verlauf der Geschichte vor Augen zu haben. Mehrere KritikerInnen hielten es gar für das allerbeste der vielen besten Bücher von Roth. Aber bei aller professionell vorgetragenen Begeisterung war kaum zu überhören, dass die Erwartungen der Kritik gerade im entscheidenden Punkt schwer enttäuscht worden waren: Sosehr sich alle bemühten, der vermutete Schlüssel Lindbergh-Bush schien irgendwie nicht zu passen.

Zwar finden sich im Buch einige Sätze von Lindbergh über Patriotismus und Sicherheit, die aus Bushs Reden zum «War on Terror» stammen könnten. Zwar tritt Präsident Lindbergh, wie Bush, gerne in Fliegerjacke auf. Und die Unterminierung verfassungmässiger Rechte, die Lindbergh vornimmt, lässt sich auf Bushs Patriot Act beziehen. Aber das war es auch schon. Und vor allem: Das grosse Thema des Buches ist der Antisemitismus. Unter Präsident Lindbergh werden Juden zwangsweise umgesiedelt, schliesslich gibt es landesweite Ausschreitungen gegen jüdische Quartiere und Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan. Was, bitte schön, sollte das mit Bush zu tun haben?

So wandte sich die Kritik, in ihren Erwartungen getäuscht, grösstenteils von der These des Schlüsselromans ab. Lieber begab man sich wieder auf die altbekannten Gebiete der Roth-Forschung. Schliesslich ist «Verschwörung gegen Amerika», wie so viele Bücher von Roth, aus der Perspektive des auktorialen Ichs erzählt. Wir lesen die Ereignisse in den Jahren 1940 bis 1942 so, wie Roth sich «erinnert», sie als sieben- bis neunjähriger Junge «erlebt» zu haben. Damit war es der Kritik ein Leichtes, die Politik in den Hintergrund treten zu lassen und ein weiteres Mal das angeblich ambivalente Verhältnis Roths zum Judentum, zum Vater, zu seiner Herkunft aus bescheidenen Diaspora-Verhältnissen, zu erörtern.

Eine kleine Ausnahme gab es jedoch. Am Rande eines langen Artikels in der «New York Times Book Review», der ansonsten ebenfalls die Mehrheitsmeinung wiedergab, überlegte Paul Berman, ob man nicht nach einem neuen Schlüssel suchen sollte. Und er stellte, zwar nur ganz vorsichtig, eine neue Vermutung an: Könnte es nicht die Beschreibung von Lindberghs Antisemitismus sein, mit der sich Roth auf die Gegenwart beziehe? Denn Lindberghs zentrales Argument laute, Roosevelt stehe unter dem Einfluss seiner jüdischen Freunde. Deshalb werde er das Land in einen «jüdischen Krieg» gegen Hitler führen, der den USA nichts bringen würde. Und eine vergleichbare Wahrnehmung sei ja, so Berman, im Vorfeld des Kriegs gegen den Irak wieder aufgetreten. Das also wäre der Schlüssel zur «Verschwörung gegen Amerika»: Nicht, wie alle vermuteten, Lindbergh-Bush, sondern Roosevelt-Bush.

Alles ganz anders

So abwegig diese Lektüre auf den ersten Blick erscheinen mag und so vorsichtig Berman sie präsentierte, gibt es doch gute Gründe dafür, in diese Richtung weiterzudenken. Vergegenwärtigen wir uns nochmals die Debatte um die Eroberung des Irak. In diesen Monaten standen plötzlich einige jüdische Beamte in der Regierung Bush, die so genannten Neokonservativen, im Scheinwerferlicht der Medien (auch in Europa). Besonders Paul Wolfowitz und Richard Pearle wurden so dargestellt, als wären sie ihren Vorgesetzten Donald Rumsfeld und

Colin Powell an Einfluss überlegen. Vielerorts erschienen sie sogar als die eigentlichen Kriegstreiber, mächtiger als Bush oder sein Vize Dick Cheney. Zudem verbreitete sich in vielen Internetforen die Meinung, die Neokonservativen seien gewissermassen israelische Agenten. Ja, die Meinung, Saddam Hussein werde im Auftrag von Israel gestürzt, war derart populär, dass sich Powell zu einem öffentlichen Dementi genötigt sah. Er sagte auf einer Pressekonferenz explizit, die US-amerikanische Aussenpolitik werde nicht vom israelischen Ministerpräsidenten Sharon gemacht.

Denkt man über Roths Roman mit diesen Ereignissen im Hinterkopf nach, fällt besonders auf, in welchem Kontext der Titel, «Verschwörung gegen Amerika», erscheint. Er bezieht sich im Buch nämlich gar nicht, wie man vermuten würde, auf den Nichtangriffspakt von Lindbergh mit Hitler. Vielmehr denunziert gegen Ende, als sich die Ereignisse überstürzen, ein Mitglied von Lindberghs Regierung eine jüdische «Verschwörung gegen Amerika». Dazu passt ein Hinweis, den Roth selbst kürzlich in einem in der «Zeit» und der «Weltwoche» veröffentlichten Interview gab: «Spätestens seit dem 11. September wissen wir ja, dass nach tragischen Gross-ereignissen sofort tausende von Verschwörungstheorien die Runde machen.» Und das ist auch der Grund, weshalb Roth gerade Lindbergh zum fiktiven Präsidenten gemacht hat. Denn in einer im Radio übertragenen Rede, die Roth in einem dokumentarischen Teil zum Roman hinzufügt, hatte sich der historische Charles Lindbergh im Herbst 1941 gegen einen Eintritt der USA in den Krieg ausgesprochen. Dabei hatte er zum einen «die britische Propaganda», zum anderen «die Juden» als «Kriegstreiber» bezeichnet. Und «die Juden» erachtete er als besonders gefährlich, weil sie «grossen Einfluss in unserer Filmindustrie, unserer Presse, unserem Radio und unserer Regierung» ausüben.

Latenzzeit

Die auffällige Übereinstimmung der antisemitischen Verschwörungstheorien ist jedoch nicht das einzige Argument für einen Schlüssel Bush-Roosevelt. Dafür spricht auch, dass es so möglich wird, die literarische Strategie von Roth zu verstehen. Wie er verschiedentlich in Interviews betont hat, ist «Verschwörung gegen Amerika» natürlich weder Abbild noch Parabel irgendeiner Realität. Der gewalttätige Antisemitismus, den der Roman schildert, ist pure Fiktion. 1940 ist kein Hitler-Sympathisant zum Präsidenten gewählt worden, und Pogrome gegen Juden sind ausgeblieben. Aber gerade weil die Verschwörungstheorie vom «jüdischen Krieg» in den vierziger Jahren keine offizielle Mehrheit finden konnte, bezieht sich das Buch auf die kürzlichen Debatten um den Irakkrieg. Denn auch hier schwelte der Verdacht nur unter der Oberfläche der offiziellen Politik. Er blieb, wie man sagen könnte, latent.

Folglich lässt sich der Status exakt bestimmen, den die Literatur bei Roth erhält. Sie ist nicht nur keine Parabel auf die Realität. Ebenso wenig zeigt sie einen alternativen Verlauf der Geschichte, der glücklich abgewendet wurde. Sie stellt vielmehr eine unrealisierte Fantasie dar, die parallel zum tatsächlichen Verlauf der Geschichte existiert. Roth zeigt, dass der antisemitische Verdacht in den USA äusserst populär ist, während er nicht zur politischen Doktrin wird. Anders gesagt: Er ist dadurch wirksam, dass er latent bleibt. Damit leistet Roth eine Analyse, die man im eigentlichen Sinne freudianisch nennen könnte: Mit den Mitteln der literarischen Fiktion zerrt er die Fantasie, die im Verdrängten wirkt, an die Oberfläche. Und wie bei Freud bedeutet das auch in seinem Fall eine politische Intervention: Indem die antisemitische Fantasie bewusst gemacht wird, kann sie durchschaut werden.

Wie das funktioniert, zeigt «Verschwörung gegen Amerika». Roth führt hier eindringlich vor Augen, dass die USA entgegen einer verbreiteten Meinung kein jüdisch regiertes Land sind. Historisch heisst das zum einen, dass sie 1941 nicht deshalb in den Krieg gegen die Achsenmächte eingetreten sind, weil sie den Völkermord an den europäischen Juden verhindern wollten (dafür kamen sie zu spät). Zum anderen heisst es, dass die Nahostpolitik der USA nicht an den Interessen von Israel orientiert ist. Sonst hätten sie, um nur ein Beispiel zu nennen, Saddam Hussein schon 1991 gestürzt. Ist die antisemitische Fantasie derart durchschaut, entfaltet Roths Analyse schliesslich ihre ganze Wirksamkeit: Jetzt wird es uns erst möglich, nach den tatsächlichen Interessen zu fragen, welche die US-amerikanische Aussenpolitik bestimmen. In dieser Weise - aber nicht anders - könnte sich Philip Roths neuer Roman dereinst doch noch als eine Herausforderung an die Adresse des Bush-Clans erweisen.

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