Nr. 39/2005 vom 29.09.2005

Biologie des Unbewussten?

Was haben Psychoanalyse und Hirnforschung gemein? Viel und doch wenig, wie zwei neue Bücher zeigen.

Von Urs Hafner

Neuro-Psychoanalyse: Gegensätzlicher könnte das junge Paar nicht sein. Auf der einen Seite die Neurowissenschaften, unter deren VertreterInnen manche dazu neigen, «den» Menschen auf eine Maschine zu reduzieren, die von chemisch-physikalischen Prozessen im Gehirn gesteuert wird. Auf der anderen Seite die Psychoanalyse, die - im Idealfall - das entstehende Ich in seinen konflikthaften Auseinandersetzungen mit den Eltern, dem Milieu und mit dem - wiederum von aussen mitgeprägten - Unbewussten zu verstehen sucht.

Der Verdacht liegt auf der Hand: Dieses Paar ist eine blosse Zweckgemeinschaft. Einerseits HirnforscherInnen, die mit dem Instrument der Psychoanalyse die unerschöpfliche bildhafte Datenmenge, die sich mit immer besseren Apparaten vom menschlichen Hirn gewinnen lässt, einigermassen sinnvoll bewältigen können: die «feuernden Neuronen» als Einheizer des «Dampfkessels», wie Sigmund Freud den psychischen Apparat umschrieb. Und andererseits PsychoanalytikerInnen, die ihre von der universitären Psychologie belächelte Lehre nun wissenschaftlich «beweisen» können. Hatte nicht der Meister selbst, der ursprünglich Neurologe war, seinen legendären «Entwurf einer Psychologie» von 1895 mit dem Satz eröffnet: «Es ist die Absicht, eine naturwissenschaftliche Psychologie zu liefern, d.h. psychische Vorgänge darzustellen als quantitativ bestimmte Zustände aufzeigbarer materieller Teile und sie damit anschaulich und widerspruchsfrei zu machen»? Und hielt Freud nicht sein Leben lang an dieser Absicht fest, obschon er seinen positivistischen Anfängen bald den Rücken kehrte und sich dem Studium des rein Psychischen zuwandte?

Doch der Fall ist vertrackter, wie immer, wenn die Psychoanalyse mit im Spiel ist. Diesen Eindruck jedenfalls erweckt das soeben erschienene Buch «Die Individualität des Gehirns» von François Ansermet und Pierre Magistretti. Was sich als notwendige und schwierige, aber nicht unmögliche Verbindung zwischen dem Gegensatz Neurobiologie und Psychoanalyse ausgibt, ist in Tat und Wahrheit eine vehemente Verteidigung des einen vor dem anderen - ein verdeckt offensives Papier.

Die beiden Autoren - Ansermet ist Psychoanalytiker und Kinderpsychiater an der Universität Lausanne, Magistretti Neurowissenschaftler an der EPF Lausanne - geben einen fundierten und äusserst detaillierten Einblick in die jüngsten Fortschritte der Neurobiologie. Im menschlichen Gehirn, wissen sie zu berichten, tauschen über hundert Milliarden Neuronen mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 Stundenkilometern miteinander Informationen aus, wobei manche Neuronen Fortsätze von mehr als einem Meter Länge haben. Doch des Erstaunlichen nicht genug: Der Informationsaustausch geschieht über die so genannten Synapsen: Jedes Neuron bildet mit anderen insgesamt zirka 10 000 Synapsen, was total etwa eine - je nur einige Millionstel Millimeter breite - Billiarde Kontaktstellen ergibt, an denen elektrisch und chemisch kommuniziert wird.

Die Art und Weise nun, wie die Informationen weitergegeben werden, hängt entscheidend von der Wahrnehmung des Individuums ab. Anders als die Hirnforschung bis vor kurzem annahm, funktioniert das Gehirn also nicht wie eine Maschine oder ein Computerprogramm, das seine TrägerInnen steuert, sondern es verändert sich je nachdem, wie diese ihre Umwelt wahrnehmen. Ansermet und Magistretti sprechen vom «neuen Paradigma der Plastizität»: Die Wahrnehmung des Individuums hinterlässt Spuren im Hirn. Die «neuronale Plastizität» entspricht in etwa der so genannten Epigenetik: Auch biologisch gesehen ist die Vererbung mehr als die Summe der Gene. «Die Plastizität», halten die Autoren fest, «befreit den Menschen vom genetischen Determinismus.»

Rätselhafter Prozess

Wie nun schlägt sich gelebte Erfahrung - also das von allem Anfang an existenzielle Verstricktsein in das Soziale - im Hirn nieder? Erstens hinterlässt sie im Nervensystem synaptische Spuren. Und zweitens - und dies ist der entscheidende Punkt - schaffen die entstandenen Neuronen ihrerseits untereinander neue Verbindungen. Die Erfahrung bringt also neue Neuronen hervor. Diese innere unbewusste Wirklichkeit, die das Bewusstsein moduliert, funktioniert unabhängig von der Erfahrung und den Reizen der Aussenwelt. Überraschenderweise geschieht im Hirn neurobiologisch das, was sich der frühe Freud unter «Erinnerungsspuren» und «Wahrnehmungszeichen» vorstellte. Mehr noch: Was Freud «Unbewusstes» und «Phantasievorstellungen» nannte, ist eine neurobiologische Realität.

Eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Unbewussten spielt die im Hirnstamm gelegene Amygdala, die Form und Grösse einer Mandel hat, im Hirnstamm liegt und zum limbischen System gehört. Die Informationen, die sie dem bewussten Gedächtnis liefert, beruhen auf den «Phantasievorstellungen». Die Amygdala beeinflusst also die Information, die in das Bewusstsein gelangt, und die Wahrnehmung der Wirklichkeit selbst. «Das Eingreifen der unbewussten inneren Wirklichkeit bei der Festlegung der endgültigen Handlung findet hier eine Bestätigung», halten die Autoren fest. Oder wie Freud selbst sagt: «Das Ich ist nicht Herr in seinem Haus.»

Kollektiv unbewusst

An diesem Punkt jedoch enden die Gemeinsamkeiten von Psychoanalyse und Naturwissenschaften. Denn mehr als die Konvergenzen betonen Ansermet und Magistretti die Eigenständigkeit und Unhintergehbarkeit des Unbewussten, dessen neurobiologische Funktionsweise letztlich ein «rätselhafter Prozess» bleibt. Das Unbewusste darf nicht mit der Amygdala in eins gesetzt werden. Und das Unbewusste ist mehr als die verschiedenen Gedächtnisformen der Neuropsychologie. Seine Erinnerungsspuren sind nicht auf eine bestimmte Gehirnregion zurückzuführen: «Das Unbewusste ist kein Gedächtnis, sondern ein System von Erinnerungsspuren, die kein Spiegelbild der äusseren Wirklichkeit sind, die sie hervorgebracht hat.» Nicht zuletzt üben die Autoren auch Kritik an der Verhaltenstherapie, die auf die Ebene der Fantasievorstellungen keinen Zugang hat. Sie kann neurobiologisch gesprochen nur wirksam sein, wenn «die Beziehung zwischen Wahrnehmung und Aufzeichnung in einer direkten und eindeutigen Form erhalten ist», also auf der Ebene der primären synaptischen Spuren, die durch einfache äussere Reize entstehen.

Ansermets und Magistrettis Buch ist eine naturwissenschaftlich informierte Absage an alle reduktionistischen und deterministischen Ansätze, die in gewissen Gehirnarealen Zentren des Unbewussten und der Triebe oder inhaltlich bestimmter Gedanken und Gefühle wie Neid, Angst oder Zutrauen lokalisieren wollen. Jeder hat sein eigenes Gehirn, aber jede hat auch ihre eigene unbe-wusste Wirklichkeit, die die gängigen neuropsychologischen Tests und Experimente nicht erfassen. Wäre aber konsequenterweise die von Ansermet und Magistretti nachgewiesene «Individualität des Gehirns» nicht weiterzuspinnen? Müsste die Verteidigung eines Unbewussten, das nicht deterministisch gedacht wird, nicht in den Nachweis seiner gesellschaftlichen Verstrickung führen?

Während Ansermet und Magistretti also die Eigenart des Unbewussten gegen eine rein naturwissenschaftliche Hirnforschung verteidigen, möchten Karen Kaplan-Solms und Mark Solms - sie haben die Neuro-Psychoanalyse begründet - die Psychoanalyse auf den neusten Stand der Neurowissenschaften hieven. In ihrem Buch berufen auch sie sich hauptsächlich auf den frühen Freud, auch sie grenzen sich vehement von einer Neuropsychologie ab, die die menschliche Subjektivität ausblende, und auch sie wenden sich gegen jeglichen «Lokalisationismus»: «Niemand wird jemals einen Gedanken in einem Stück Gewebe finden.»

Wirre Geschichten

Das britische Paar stützt sich für seine Arbeiten auf psychoanalytische Therapien mit PatientInnen, die vor allem im frontal-limbischen Hirnbereich - also in dem für «Selbstbewusstheit und Selbstkontrolle» zuständigen Areal - verletzt sind; physiologisch pathologische Fälle sollen also Einblick in die Funktionsweise des psychischen Apparats geben. Die PatientInnen, die oft Gedächtnisstörungen haben, die ihnen nicht bewusst sind, füllen sie mit scheinbar wirren Geschichten. Kaplan-Solms und ihr Mann - sie ist ursprünglich Neuropsychologin, er Neurologe, Psychiater und Mitbegründer der seit 2000 bestehenden «International Neuro-Psychoanalysis Societey» - haben nun herausgefunden, dass diese Geschichten keine zufälligen Erfindungen sind, sondern Wunschvorstellungen, die sich mit der Biografie der PatientInnen erklären lassen. Weil die - vereinfacht gesagt - für das Bewusstsein zuständigen Gehirnareale ausgeschaltet sind, kommen dafür die für das Unbewusste zuständigen Regionen umso ungehemmter zum Einsatz. Die PatientInnen legen sich die Realität so zurecht, wie sie sie sich wünschen.

Damit ist für die AutorInnen aufgrund der Analysen der hirngeschädigten PatientInnen nicht nur zweifelsfrei die Existenz des Unbewussten bewiesen, sondern sind - endlich - auch die Grundlagen für die biologische Kenntnis des psychischen Apparats geschaffen, dessen Instanzen - besonders das Ich und das Es - im Gehirn verteilt sind. Allerdings ist Nuancierung angebracht: «Das neurologische Modell, welches wir beschreiben, ist in keiner Weise ‹realer› als das uns vertraute psychische Modell. Wir beschreiben lediglich denselben Vorgang aus verschiedenen Blickwinkeln - das heisst, wir beschreiben den psychischen Apparat so, wie er sich uns als Teil der materiellen Realität präsentiert», betonen Solms-Kaplan und Solms. Dennoch fällt ein szientifischer Ton auf, der Freud - und dem wiederentdeckten sowjetischen Neurologen Alexander Lurija - nur insoweit Recht gibt, als sich deren Ansichten mit dem neusten Stand der neurowissenschaftlichen Forschung decken (was immer mehr der Fall zu sein scheint). Dazu passt eine ausgesprochen rationalistische therapeutische Haltung: Es ist die Aufgabe des Psychoanalytikers, die unbewussten Wurzeln der neurotischen Symptome freizulegen und sie dem rationalen Urteil des Ich zugänglich zu machen, damit diese verschwinden. Das klingt nach Heilung nach Rezept.

Die Neuro-Psychoanalyse ist eine raffinierte Zweckgemeinschaft, aber nicht nur. Zu hoffen bleibt nicht nur, dass der neue Ansatz den VertreterInnen einer vulgär gefassten Hirnforschung ein differenziertes Verständnis menschlicher Lebensgeschichten und des Zusammenhangs zwischen Psyche und Hirn nahe bringt. Zu hoffen bleibt auch, dass eine neurologisch ausgerichtete Psychiatrie im neuen Wissen darum, dass das Hirn viel komplexer funktioniert, als bisher angenommen, und dass das Unbewusste auch in einem beschädigten Organ weiterwirkt, Medikamente zurückhaltender einsetzt.

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