Nr. 40/2005 vom 06.10.2005

Hochkultur und Hochreife

Wie wird um tote Fussballspieler, Trainer und Präsidenten oder bei Stadionkatastrophen umgekommene Fans getrauert?

Von René Martens

Wenn die Stichworte Fussball und Heiligenverehrung in einem Satz fallen, denkt man automatisch die Namen Pelé und Maradona hinzu. Der Engländer Duncan Edwards dagegen kommt den wenigsten in den Sinn. Dabei hat der Kicker, der zu jenem mythenumwobenen Team von Manchester United gehörte, das 1958 in München mit dem Flugzeug verunglückte, unter religiösen Gesichtspunkten mehr erreicht als die beiden lateinamerikanischen Halbgötter. Ihm, der nur 21 Jahre gelebt, dabei aber immerhin achtzehnmal als Internationaler für England auf dem Rasen gestanden hat, widmete die St. Francis Church in seiner Heimatstadt Dudley 1961 ein Kirchenfenster. Auf beiden Flügeln des Fensters ist Edwards abgebildet - wobei jeweils ein Foto von ihm in eine Verzierung eingearbeitet ist.

«Der Pfarrer hat mir gesagt, er habe kein Problem damit - obwohl man als Kirchenmann doch eigentlich darauf achten müsste, dass eine solche Art der Verehrung nicht blasphemisch verstanden wird», sagt der Autor Peter Cardorff. Zusammen mit der Fotografin Conny Böttger hat er sich an einem Thema abgearbeitet, das die zahlreichen DeuterInnen und ErklärerInnen der Fussballkultur bisher ausgespart haben: Wie wird um tote Spieler, Trainer und Präsidenten oder bei Stadionkatastrophen umgekommene Fans getrauert, wie wird ihrer gedacht, und was bleibt letztlich in physischer Form von ihnen übrig? Um das herauszufinden, haben sie fussballbezogene Grab- und Gedenksteine, Denkmäler, Büsten, Trauerchoreografien und Todesanzeigen analysiert. «Der letzte Pass. Fussballzauber in Friedhofswelten», heisst das Resultat, und einer der beiden Flügel des Duncan-Edwards-Fensters ist auf der Rückseite des Buchs abgebildet.

Bekenntnisfreudig

Cardorffs und Böttgers Augenmerk gilt sowohl grossen Helden als auch Lokal- und Szenegrössen. Das Problem bei der Recherche: In Büchern über Friedhöfe sind zwar die Gräber von Prominenten oder architektonisch besondere Ruhestätten verzeichnet, doch um ein autobiografisch gefärbtes Epitaph eines Provinzstars aufzuspüren, muss man ausgiebig flanieren. Die Engländer, hat Cardorff dabei festgestellt, seien «bilderfreundlich und bekenntnisfreudig». Anders die Deutschen: Die Gräber der Nachkriegsgrössen sind überwiegend schlicht; auf dem Grabstein von Helmut Schön zum Beispiel, als Trainer mit der BRD Welt- und Europameister geworden, weist nichts auf sein fussballerisches Leben hin. Einzig Fritz Walter, Captain jener Mannschaft, die 1954 das WM-Finale von Bern gegen Ungarn gewann, bewohnt eine recht grosszügig gestaltete Gruft.

Das Thema Fussball und Tod hat nicht zuletzt zahlreiche explizit politische Facetten. Schliesslich wurden Fussballstadien unter anderem als Internierungs- und Folterlager genutzt - beispielsweise 1939 in Wien, als die Nazis im Praterstadion (heute Ernst-Happel-Stadion) mehr als eintausend jüdische BürgerInnen der Stadt quälten, bevor sie sie ins KZ Buchenwald deportierten, oder 1973 in Santiago de Chile, wo die Schergen Pinochets im Nationalstadion sogar 12 000 politische Gefangene drangsalierten. Cardorff greift des Weiteren auf, dass jüdische Fussballer, die dem Holocaust zum Opfer fielen, «im öffentlichen Erinnerungsraum» kaum vorkommen, und er prangert an, wie der Deutsche Fussball-Bund (DFB) mit jenen drei Spielern des 54er-WM-Kaders umging, die an den Folgen einer Gelbsucht starben, die sie sich aufgrund unzureichender medizinischer Behandlung während des Turniers eingehandelt hatten.

«Der letzte Pass» zeigt aber auch, dass sich der Fussballgedenkkultur viele unernste Momente abgewinnen lassen. Denn nicht immer werden fussballerische Symbole so majestätisch und elegant verarbeitet wie beim Grab der FCB-Stürmer-Legende Seppe Hügi (1930-1995), das auf dem Basler Friedhof Am Hörnli zu finden ist; oft genug haben die von den Nachkommen beauftragten Steinmetze auch unfreiwillig Komisches zustande gebracht. Auch der Autor selbst legt es immer mal wieder darauf an, die LeserInnen zum Schmunzeln

zu bringen, etwa mit durchgeknallten Headlines à la «Das Wirtshaus als Grabzeichen fussballerischen Erfolges. Zu einer Ästhetik des Abdankens». Es entbehrt auch nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet die Mannschaft eines saarländischen Amateurvereins dem Kommunismus nachhängt, zumindest insofern, als sie einen der Ihren in einer Todesanzeige mit einem Karl-Marx-Zitat pries: «Die Natur des Menschen ist so eingerichtet, dass er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für das Wohl seiner Mitmenschen sorgt.»

In der Regel ist es allerdings Cardorff, der Geistesgrössen zitiert. Ob Sigmund Freud, die Mitscherlichs oder Georg Kreisler - fast in jedem Kapitel taucht mindestens ein Dichter oder Denker als Bezugspunkt auf. «Es gehört zu meinem Konzept, Fährten zu legen und auf geistesgeschichtliche Zusammenhänge hinzuweisen», sagt der Autor, der vorher Bücher über Martin Heidegger oder «erotischen Realismus» veröffentlicht hat. Eine der besten «Fährten» führt zu einem Zitat E. M. Ciorans: «Alle Formen des Niedergangs sind da, um mir Halt zu verleihen.» Ein Satz, der «jedem ernsthaften Fan» (Cardorff) aus dem Herzen gesprochen sein müsste. Dieser Typus von Supporter, so der Autor weiter, liefere «ständig Proben, wie Recht Freud mit seiner These hat, dass es ‹unter der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu machen›».

Peter Cardorff schafft somit etwas, was sonst selten gelingt: Fussball- und Hochkultur plausibel zu verzahnen. Von den meisten KünstlerInnen und FeuilletonistInnen, die durch entsprechende Parallelen und Analogien aufzufallen versuchen, grenzt er sich ab. «Bei denen klingt das meistens willkürlich.» Man merke, dass diese Leute - teilweise ganz plötzlich - unbedingt «dazugehören wollen». Ein gutes Beispiel sei André Heller, der Leiter des so genannten Kulturprogramms für die WM 2006. «Heller war früher Sporthasser, und er war stolz darauf», sagt Cardorff.

Es geht nicht um den Tod

Den berühmtesten Ausspruch, der zu seinem Themenkomplex kursiert («Manche tun so, als ginge es im Fussball um Leben oder Tod. Dabei geht es um viel mehr», Bill Shankly), versteht Cardorff übrigens anders als die Mehrheit der Fussballwelt. Abgesehen davon, dass er sich fragt, ob der legendäre Liverpool-Manager «das wirklich gesagt hat» und dieses quasiphilosophische Bonmot nicht eher durch journalistische Zuspitzung oder fantasievolle Überlieferung entstanden ist: Cardorff liest aus dem Zitat nicht heraus, dass der Urheber Fussball für wichtiger als alles andere hält. Der Kern liegt für ihn darin, «dass Shankly sagt, es gehe beim Fussball nicht um den Tod, und da hat er Recht, denn in der Tat ist der Tod dort überhaupt kein Thema». Aber tauchen denn im Reden über Fussball nicht zahllose Metaphern auf, in denen der Tod vorkommt («Todesgruppe», «Begräbnis erster Klasse»)? Stimmt, sagt Cardorff, aber wer diese Metaphern verwende, denke dabei ja gar nicht an den Tod.

Liegt denn nicht auch der Fussball selbst schon im Sterben? Peter Cardorff verweist da auf den ersten Absatz seines Buchs: «Wenn eine Kultur in ihre besten Jahre gekommen ist, reklamiert sie ihr Recht auf ein öffentliches Nachleben, und es wird gastlich auf dem Friedhof. Dies ist die Zeit ihrer Hochreife: Der Betrieb läuft weiter, zukunftssicher und unter reger Anteilnahme des Publikums, aber auch Denk- und Grabmäler bringt sie schon hervor, die die verflossene Vitalkraft bezeugen. Auf solchen Höhen spielt jetzt der Fussball.»

Allemal lässt sich sagen, dass der Fussball schon viele Tode gestorben ist: Zahlreiche namhafte Klubs in Deutschland, England, Italien und der Schweiz mussten Insolvenz anmelden oder sich gar auflösen, und im Zuge der Eventisierung und Globalisierung sind ganze Zielgruppen weggestorben (wenn auch nicht im biologischen Sinne). «In zehn Jahren wird man den Funktionswandel des Fussballs und seine irreversiblen Umbrüche kulturhistorisch besser benennen können», sagt Cardorff. Der Begriff «Hochreife», mit dem er sich vorerst behilft, um den Zustand des Fussballs zu beschreiben, ist sonst eigentlich unter Weinbauern verbreitet. Der Autor lächelt: «Ich habe ganz bewusst nicht ‹Dekadenz› geschrieben.»

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