Nr. 41/2005 vom 13.10.2005

Selbstfindungsfimmel

Von Urs Hafner

Aus guten Büchern, heisst es, kann man viel lernen, nicht nur über die Welt, sondern auch über sich selbst. Mag sein. Doch nur misslungene Bücher bieten eine geradezu schonungslose Selbsterkenntnis.

Warum, fragt sich der Rezensent, nachdem er Ulrike Draesners neuen Roman «Spiele» endlich aus der Hand gelegt hat, warum nur habe ich alle der fast 500 Seiten gelesen? (Kurzfassung: Eine erfolgreiche Fotojournalistin hat als junges Mädchen während der Olympischen Sommerspiele von München 1972 allerhand erlebt: eine missglückte sexuelle Begegnung, die neue Freundin des verwitweten Vaters, im Stadion die Spiele und am Fernsehen die spektakuläre Geiselnahme der israelischen Sportler durch palästinensische Guerilleros. Weil die Journalistin das meiste davon verdrängt hat, gerät sie in eine Sinnkrise: Sie denkt über ihre aus dem Osten eingewanderten Grosseltern nach, kann beim Liebesspiel mit dem neuen Freund, der ein rotes Wasserbett hat, ihren Büstenhalter nicht ausziehen und sucht überhaupt nach ihrer Heimat. Das Buch ist zu Ende, als sie endlich die Vergangenheit fertig aufgearbeitet hat und nachts, im Regen - nackt, ohne «roten BH», «verrückt», und «der Asphalt duftete von Nässe», «Licht schweifte umher, entschwand, kehrte wieder» - durch die Stadt tänzelt.)

Warum, fragt sich der Rezensent also, habe ich mir diese triviale Mischung aus ein bisschen «globalem Terrorismus» (1972 fing es an) und Okzidentalismuskritik, etwas deutscher Geschichte (der Osten, die Juden), vielen lyrisierenden Himmelsstimmungen und noch viel mehr anderem Alltagsgeschwätz angetan? Wegen der heimatlosen arabischen Attentäter, des weisen indischen Heilers, des schwulen Onkels? Oder wegen der Sexszenen? Am Ende doch nicht etwa wegen des billigen Selbstfindungsfimmels?

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