Nr. 44/2005 vom 03.11.2005

Vom Züriputsch

Der Glarner Autor hat kritische Romane über den Fortschritt geschrieben und Bücher über das Bergsteigen. In «Schrot und Eis» bringt er beides zusammen.

Von Stefan Keller

Am 6. September 1839 strömten einige tausend Bauern, Heimarbeiter und Gewerbetreibende aus der umliegenden Landschaft in die Stadt Zürich, um die gottlose freisinnige Regierung zu stürzen. Die Aufständischen waren mit Knüppeln und Flinten bewaffnet, beim Marschieren murmelten sie Gebete und sangen protestantische Choräle. In den Dörfern, durch die sie zogen, ertönte von den Kirchtürmen Sturmgeläut, es war auch von einem «heiligen Krieg» die Rede. Als die Rebellen unter der Führung des Pfäffiker Pfarrers Bernhard Hirzel die Zürcher Innenstadt erreichten, stiessen sie dort auf eine kantonale Miliz, die bereits in Auflösung begriffen war. Trotzdem kam es zu Gefechten. Zwischen Fraumünster und Paradeplatz starben ungefähr fünfzehn Menschen, weitere fünfzehn wurden verletzt.

Zu den Todesopfern dieses Krawalls gehörte der freisinnige Regierungsrat, Arzt und Naturforscher Johannes Hegetschweiler: Ihn erwischte die Schrotladung eines unbekannten Schützen, als er den Regierungstruppen den Befehl überbrachte, das Feuer auf die Rebellen einzustellen. Noch am selben Tag traten die Zürcher Regierung und der Grosse Rat zurück. Zehn Tage später gab es bereits Wahlen, die von den Konservativen haushoch gewonnen wurden. In einer Säuberungsaktion jagten die neuen Herren ausser einem Teil der bisherigen Politiker auch humanistische Richter, Reformpädagogen und freigeistige Universitätsprofessoren zum Teufel.

Bis zum Irrsinn reaktionär

Der Züriputsch vom Herbst 1839 ist in die Weltgeschichte eingegangen. Nicht weil er besonders viel bewirkte, sondern aus sprachlichen Gründen: Das alemannische Wort «Putsch», das einen starken Stoss meint, wurde nach dem Zürcher Ereignis zum internationalen Synonym für Staatsstreiche allgemein, besonders aber für jene, die sich gegen demokratisch verfasste Regierungen richteten. Der Ausdruck «putsch» steht mit dieser Bedeutung bis heute zum Beispiel in US-amerikanischen Wörterbüchern.

Für die Schweizer Geschichte war der Züriputsch nicht viel mehr als ein kurioses Intermezzo. Eine bis zum religiösen Irrsinn reaktionäre Bewegung, welche die Zeit zurückdrehen oder zumindest anhalten wollte, auf alten Mythen beharrte, fremdenfeindliche Vorurteile pflegte und zu ihren Hauptärgernissen die obligatorische Schulpflicht zählte oder die Einschränkung der Kinderarbeit, konnte sich auf die Dauer im vorwärts schreitenden 19. Jahrhundert nicht durchsetzen, auch wenn zu ihren Anführern ausser Pfarrherren auch frömmelnde Wirtschaftskapitäne wie der Textilindustrielle Hans-Jakob Hürlimann-Landis und aufstrebende Juristen wie der Staats- und Privatrechtler Johann Caspar Bluntschli gehörten. Schon bei den Wahlen von 1842 zogen die liberalen Verlierer des 39er-Putsches mit den Konservativen wieder fast gleich. 1846 errangen sie einen überwältigenden Sieg, um schliesslich als Gewinner aus dem Sonderbundskrieg hervorzugehen und den schweizerischen Bundesstaat zu gründen, den sie für die nächsten hundertfünfzig Jahre beherrschten.

Es sind Parallelen zu den heutigen «neokonservativen» Erscheinungen, welche den Schriftsteller Emil Zopfi veranlasst haben, über den Züriputsch einen Roman zu schreiben. Zopfi ist von Haus aus Computerfachmann, und seit seinen Anfängen als Autor bei der «Werkstatt schreibender Arbeiter» in den siebziger Jahren trat er immer wieder mit Büchern hervor, die den technischen und gesellschaftlichen Fortschritt hinterfragten. Sein erster Roman, «Jede Minute kostet 33 Franken» (1977), erzählte von den Arbeitsbedingungen in einem damals modernen Rechenzentrum und bekam in der Alternativ- und Ökoszene vor fünfundzwanzig Jahren fast eine Art Kultstatus. Ein anderes wichtiges Werk Emil Zopfis, «Die Fabrikglocke» (1999), beschrieb einen der ersten Streiks in der Schweiz, der sich 1837 im Kanton Glarus gegen die Regulierung der Arbeitszeit richtete.

Der fehlende Alpinist

Ausser über den Fortschritt hat Zopfi auch Bücher über das Bergsteigen geschrieben. In «Schrot und Eis», dem neuen Roman, kann er beides zusammenbringen, denn das prominenteste Opfer des Züriputsches, Regierungsrat Hegetschweiler, war einer der ersten Alpinisten, die versuchten, den Tödi zu erklimmen. Zopfis Roman besteht also aus zwei Teilen, sie werden vom Autor in kleinen Stücken oder Miniaturen geschickt gegeneinander montiert: Einerseits ist da die Erzählung der Ereignisse des Züriputsches, wie Hegetschweiler sie erlebt haben könnte. Andererseits berichtet Zopfi von Hegetschweilers verschiedenen Expeditionen ins menschenfeindliche Tödimassiv, die nur deshalb nicht von einer Erstbesteigung gekrönt worden sind, weil der aufgeklärte Politiker und Forscher beim Aufstieg immer wieder seine Zeit mit naturwissenschaftlichen Experimenten verplemperte.

Dieser Johannes Hegetschweiler, der als Regierungsrat zwar zu den Radikalen gehörte, dem der radikale Fortschritt aber zu schnell ging, ist die erste Hauptperson in Zopfis Buch. Die zweite Hauptperson ist einer seiner Bewunderer, der Zürcher Armensekretär und Hobbyarchäologe Friedrich von Dürler. Auch Dürler ist Bergsteiger, ihm gelingt die Besteigung des Tödis am 19. August 1837, weil er keinerlei Experimente macht, sondern einfach «hinaufspaziert». Ein paar Jahre später stürzt der junge Dürler, nachdem er den Züriputsch als Offizier der (passiven) städtischen Garde erlebt hat, ausgerechnet am harmlosen Zürcher Üetliberg zu Tode.

Die Geschichte der beiden Männer rekonstruiert Emil Zopfi mit einer teilweise dokumentarischen Methode, indem er sorgfältig recherchierte Zitate aus Lebensbeschreibungen, Protokollen und Zeitungsberichten direkt in seine Erzählung einbaut. Allerdings ist es sehr schade, dass nicht auch einer von den konservativen Teilnehmern des Züriputsches ein Alpinist oder zumindest ein Bergbewohner war und damit das persönliche Interesse des Autors geweckt hat: Dann würde man nämlich bei der Lektüre auch diese Seite etwas besser verstehen. Wenn wir von einer Passage über Pfarrer Bernhard Hirzels beklemmende Rückkehr nach Pfäffikon absehen, kommen die Putschisten und konservativen Rebellen in Zopfis Roman fast nur als Statisten vor.

So wird die Not zwar erwähnt, aber nicht wirklich berichtet, die der expandierende Kapitalismus und der liberale Staat in der Zürcher Landschaft verursacht hatte und von der die Landleute in die Arme von reaktionären Pfaffen, betenden Politikern und Scharlatanen getrieben worden waren (zehn Jahre nach dem Züriputsch schrieb im Bernbiet der Landbewohner und Pfarrer Jeremias Gotthelf eine Polemik von unglaublicher Engstirnigkeit gegen den modernen Staat: «Zeitgeist und Berner Geist»). Die Versuche in Zopfis Roman, die damaligen Ereignisse sprachlich an die heutige Aktualität anzubinden, machen diesen Mangel nur noch deutlicher: Von der «Zeit des Mauerfalls nach der Wende» ist da 1834 plötzlich die Rede, und von «Gutmenschen» schwätzt einer mitten im 19. Jahrhundert. Nun ja, wir haben die pädagogische Absicht verstanden, aber lieber hätten wir mehr gelernt.

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