Nr. 47/2005 vom 24.11.2005

Hütet euch vor rasenden Tomaten

Was geht die Landwirtschaft die Linken an?

Von Bettina Dyttrich

Letzte Woche standen sie wieder einmal mit Transparenten und Kuhglocken auf dem Bundesplatz. 10000 Bäuerinnen und Bauern demonstrierten für die Schweizer Landwirtschaft. Sie befürchten, in den WTO-Verhandlungen im Dezember (vgl. Seiten 6/7) und im geplanten Freihandelsabkommen mit den USA unter die Räder zu kommen. Auch mit dem Landwirtschaftsprogramm «Agrarpolitik 2011» drohen weitere Einbussen, vor allem für Milch- und GetreideproduzentInnen. «Herr Deiss, auch Ihr Kopf ist rund, damit Ihr Denken die Richtung ändern kann!» Ausgerechnet ein Zitat von Francis Picabia an einer Bauerndemo. Der französische Dadaist, Surrealist und Exzentriker hätte sich sicher amüsiert. «Was interessieren die uns?», fragen viele Linke, «sie sind teuer, patriarchal, rennen der SVP nach und zahlen ihren ErdbeerpflückerInnen miserable Löhne. Und sie werden sowieso immer weniger - wenn es so weitergeht, sind sie 2030 ausgestorben.»

Natürlich sind Bauern keine Engel und meistens auch keine Linken. Aber wir werden auch im Jahr 2030 noch essen müssen. Die Frage ist, was. Dass alles, was wir essen, direkt oder indirekt aus der Erde kommt, haben viele vergessen. Die «Alternative» zur bäuerlichen Landwirtschaft heisst industrielle Produktion: die Folientunnellandschaften in Südspanien oder die kilometerlangen Weizenfelder in den USA. Eine Produktion, die nur dank tausender papier- und rechtloser LandarbeiterInnen und eines immensen Wasser- und Erdölverbrauchs funktioniert und den Boden langfristig zerstört. Ist das eine Alternative?

«Schweizer Bauern weg! Dann können wir die Lebensmittel aus dem Süden importieren und so die Entwicklungshilfe fördern.» Wenn es nur so einfach wäre. Die Konzentration auf Exportlandwirtschaft hat im Süden noch nie zu Wohlstand für alle geführt. Im Gegenteil: Die intensiven, grossflächigen Monokulturen bringen KleinbäuerInnen um ihre Existenzgrundlage. Kleinbauernwirtschaft macht niemanden reich - aber sie lässt Millionen von Menschen einigermassen leben. Industrialisierte Landwirtschaft ist keine Lösung, weder im Norden noch im Süden.

Kleinbauernbewegungen auf der ganzen Welt propagieren eine Alternative: Ernährungssouveränität. Jeder Staat soll die Möglichkeit haben, die Versorgung von Grundnahrungsmitteln mit der eigenen Landwirtschaft sicherzustellen und mit Zöllen zu schützen. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, sondern ist schlicht ein vernünftigeres Modell als das heutige, das Lebensmittel um den ganzen Erdball rasen lässt und doch nicht verhindern kann, dass jedes Jahr Millionen Menschen an Hunger sterben.

«Soll die bäuerliche Landwirtschaft also künstlich erhalten werden?» Wer so fragt, setzt den Kapitalismus als natürlich. Die Landwirtschaft «rentiert» nicht, weil Tiere und Pflanzen nicht wie Maschinen immer weiter optimierbar sind. Sie kann nicht immer weiter wachsen, weil Boden, Sonnenenergie und Wasser begrenzt sind. Auch die Industrie kann nur wachsen, bis das Erdöl aufgebraucht ist. Dann werden plötzlich Hors-sol-Tomaten und zehn Kilometer lange Weizenfelder nicht mehr rentieren. Und dann wäre es gut, wenn es noch so etwas wie eine bäuerliche Landwirtschaft gäbe, die zu den Böden Sorge getragen hat. Sonst haben wir am Ende noch Hunger.

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