Nr. 47/2005 vom 24.11.2005

Herrschaft der Kosmokraten

Der Uno-Sonderberichterstatter findet zurück zu seinem Lebensthema - der Ausbeutung des Südens durch die Industriestaaten.

Von Johannes Wartenweiler

«Die despotischen Herrscher sind wieder da. (...) Die 500 mächtigsten, transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften kontrollierten im Jahr 2004 52 Prozent des Weltsozialproduktes.» Jean Ziegler, Soziologe und sozialistischer Politiker, bezeichnet in seinem neuesten Buch «Das Imperium der Schande» die VertreterInnen der Kaste der Weltleader Kosmokraten. Die von ihnen betriebene Refeudalisierung der Welt drohe die Früchte der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - zu zerstören. Die armen Länder des Südens würden von den Industriestaaten in der Schuldknechtschaft gehalten und seien deshalb ausserstande, für ihre Bevölkerung zu sorgen.

Ziegler hat schon immer verstanden, in seinen Büchern weite Bögen zu schlagen: zwischen Oben und Unten, zwischen soziologischen Analysen und Boulevard, zwischen den Systemen und den Menschen, die darunter leiden. Nicht immer ist es ihm gelungen. In seinem neuen Buch kann er aber wieder einmal aus dem Vollen schöpfen. Als Uno-Sonderberichterstatter ist er seit dem Jahr 2000 im Einsatz - und viel unterwegs. Er besucht die Hungerregionen dieser Welt, Äthiopien zum Beispiel oder Brasilien. Und er lässt sich dabei nicht von denjenigen aufhalten, die es doch nur gut mit dem netten Herrn aus Genf meinen und ihm den Anblick des wirklichen Elends ersparen wollen. Von diesen Visiten bringt Ziegler eindrückliche Berichte mit. Sie sind die Höhepunkte dieses Buches.

Lula und die Schulden

In Äthiopien besucht er ein Ernährungszentrum, wo Versuche, unterernährte Kinder wieder aufzupäppeln, fehlschlagen, weil die Mütter die für ihre Kinder abgegebene Milch den arbeitsfähigen Männern überlassen müssen. Ziegler beschreibt auch, wie der Preis von Kaffee - dem einzigen nennenswerten Exportartikel Äthiopiens - seit dem Ende des Kalten Krieges zerfallen ist und zahllose Bauern und Bäuerinnen arbeitslos und arm gemacht hat. Er zitiert einen hochrangigen Nestlé-Manager, der sich angesichts des Elends in die moderne Metaphysik flüchtet: Das seien die Gesetze des Marktes. Eine Verbesserung der Lage der Kaffeebauern sei nur dann zu erreichen, wenn zehn Millionen von ihnen bereit seien, den Anbau aufzugeben. Ziegler bleibt aber nicht bei Zwängen des Marktes stehen. Er zeigt die Selbsthilfemechanismen, mit denen die Menschen ihre Solidarität und ihre Würde bewahren. Eine Verbesserung der Situation ist für Ziegler also denkbar. Nur müsste es Äthiopien gelingen, sich aus den Schuldverpflichtungen zu lösen. Zwölf Prozent der Staatseinnahmen gehen für den Schuldendienst drauf - mehr als für die Gesundheitsversorgung für die ganze Bevölkerung.

Schwer drückt die Schuldenlast auch auf Brasilien. Sie beträgt 240 Milliarden Dollar, das sind 50 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Angehäuft wurden die Schulden durch die verschiedenen Militärregimes. Sie finanzierten damit grössenwahnsinnige Projekte, ohne sich dabei um Steuereinnahmen kümmern zu müssen. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva - zu dem Ziegler einen persönlichen Draht hat - zögert, die Rechtmässigkeit dieser Schulden als «odious debts» infrage zu stellen. Im Gegenteil: Er lässt seinen Finanzminister gewähren, der mit grossen Budgetüberschüssen die Schulden der ausländischen Gläubiger bedienen will. Lula sieht aber auch, dass wegen des Schuldendienstes die Mittel fehlen, um sein Antihungerprogramm «Fome zero» umzusetzen. Sein engster Berater ist verzweifelt. Er will ein Zeichen sehen. Lula müsse die Schuldenfrage offensiv angehen, sagt er Ziegler - und hofft, dass Ziegler dies Lula klar machen kann. Ziegler bewegt sich aber nicht nur im Dunstkreis des brasilianischen Präsidenten. Er besucht die Favelas und eine Müllkippe, wo sich die Ärmsten verpflegen. Die Not ist so gross, dass die Militärpolizei den Zugang zum Abfallberg kontrolliert und beschränkt.

Material aus aller Welt

Neben diesen beiden Länderschwerpunkten trägt Ziegler Material aus aller Welt zusammen: Er zitiert aus Uno-Statistiken, springt von den hohen Gehältern der Bosse zu den Infiltrationsversuchen der Tabakindustrie bei der Weltgesundheitsorganisation WHO. Er schwenkt von den «neglected diseases» (Krankheiten wie Malaria, die in den Ländern des Südens gehäuft auftreten, die aber für die Pharmakonzerne wegen der Armut der betroffenen Bevölkerung keine attraktiven Geschäftsfelder sind) zu Daniel Vasella, dem Motorrad fahrenden Katholiken an der Spitze von Novartis. Weitere Stationen sind Bhopal, Genfood und die Patente auf Leben. Ein eigenes Kapitel widmet Ziegler schliesslich Nestlé, ihren Wassergeschäften und ihrer Missachtung der Gewerkschaftsrechte in Lateinamerika und Frankreich.

Ziegler schreibt am Ende des Buches, er sei nur ein Intellektueller mit sehr bescheidenem Einfluss. Das ist natürlich tiefgestapelt, denn mit seinen Büchern hat er ein Massenpublikum erreicht und dazu beigetragen, ein kritisches Bewusstsein zu schaffen - nicht nur in der Schweiz. In der Tradition von Kant und der französischen Revolution stehend, glaubt Ziegler, dass die Menschen aus ihrer selbst gewählten Unmündigkeit ausbrechen können. Ziegler hält an den klassischen bürgerlichen Werten Liberté, Egalité, Fraternité fest, in einer Zeit, in der viele Bürgerliche diese Werte durch die Macht des Marktes ersetzt haben.

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