Nr. 50/2005 vom 15.12.2005

So klingt Sport

Von Roman Schürmann

Wie ein Punkpseudonym klang für Julian Weber vor bald dreissig Jahren der Name des deutschen Eishockeytrainers, dessen Schützlinge an den Olympischen Spielen in Innsbruck Dritte wurden: Xaver Unsinn.

Weber, Zweiter des Gästeskirennens in Niederthai im Ötztal von 1979 und WOZ-Mitarbeiter, ist einer der Herausgeber des Sportbuches «Vierter», eines Dokuments der mannigfaltigen Möglichkeiten der Sportberichterstattung. Knapp dreissig Beiträge belegen, wie durchdrungen die gegenwärtige hiesige Gesellschaft mit unterschiedlichsten Formen und Folgen der körperlichen Ertüchtigung ist. Zwei Zugänge sind in «Vierter» auszumachen: Das Thema wird in der eigenen Biografie verortet - kaum eine Existenz, die nicht mit sportlichen Episoden aufwarten kann - oder aber in einen oft zunächst ungewöhnlichen Kontext gestellt.

«Gross war der Sport» heisst der vielleicht schönste Text der ersten Kategorie. Sportjournalist Martin Krauss, geboren 1964, hält darin seine Beziehung als junger Mann zum gleichaltrigen Schwimmer Michael Gross fest, der an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles zum Weltstar avancierte. Zwar kannte Krauss Gross nicht persönlich, das einzige Gespräch bestand aus einem «Tschuldigung», das Gross Krauss zuraunte, als der Wettkämpfer einmal den Zuschauer beim Aufwärmen versehentlich mit den Armen auf die Brust traf. Auch ist es Krauss unmöglich, seine Faszination für Gross mit guten Gründen zu erklären. Vielleicht, so Krauss, habe es etwas mit der Eleganz zu tun, mit der Gross mit seinen Armen durch das Wasser zog. Noch heute freut es ihn aber, wenn er liest, dass Gross gerne Mountainbike fahre - «auch wenn ich kein Mountainbike besitze, sondern auf einem Trekkingbike durch die Gegend radle».

Wie oft nerven quasselige Reporter bei der Betrachtung eines schönen Fussballspiels am Fernseher. Dennoch, beobachtet Musikjournalist Björn Gottstein in seinem Beitrag «Sport hören. Sound, Geräusche, Rhythmen», schaltet kaum jemand den Ton aus, um sich ungestört an den optischen Reizen zu erfreuen. Für Gottstein ein beiläufiges Indiz, dass das Spiel eben «über die blosse Ästhetisierung des Alltags hinaus ein musikalisches Ereignis» sei, weil «Raum und Zeit auf ästhetische Weise ausgefüllt» würden. Um seine These zu beweisen, zerlegt Gottstein die «akustische Aura des Sports» systematisch. Er unterscheidet das eigentliche «Klangrepertoire einer Sportart» von der «Kulisse des Publikums» und der «Inszenierung des Events durch den Veranstalter». Zwar gelingt ihm der definitive Beweis (noch) nicht, doch: «Die Emphase, mit der im Sport Klang als Ereignis gestaltet wird, reicht weit über die passivischen, Natur und Umwelt bloss ausstellenden Klanglandschaften hinaus, mit der Klangkünstler die von John Cage und R. Murray Schaeffer initiierte Tradition des Soundscapes heute fortschreiben und an deren Musikalität längst niemand mehr zweifelt.»

Aber auch auf literarische Aspekte sportlichen Tuns wird hingewiesen: «Mein Lieblingsgedicht findet sich auf dem Kentucky-Derby-Gedächtnisglas», schreibt der US-amerikanische Autor und Musiker David Grubbs; auf besagtem Glas sind alle Siegerpferde eingraviert, von «1875 Aristides» über «1931 Fifty Cent» bis «2004 Smarty Jones». Es soll Leute geben, die den Sportteil einer Zeitung ungelesen weglegen (und somit die Fortsetzung dieses Gedichts verpassen). Das Sportbuch «Vierter» ist allerdings derart hübsch aufgemacht und mit ausklappbaren Bildern versehen, dass eventuell sogar diese Leute einige mentale Hürden überspringen, einen Blick hineinwerfen werden - und erfahren, dass Weber 1979 auch noch autodidaktisch die Arschbombentechnik vom Dreimeterbrett lernte.

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