Nr. 51/2005 vom 22.12.2005

Und Gott sprach: Sei untreu!

Damit auch ihre Vorfahren noch getauft werden können, haben die Mormonen ein riesiges Familienforschungsarchiv geschaffen. Wer davon profitieren will, muss nicht religiös sein - auch nicht sexbesessen.

Von Daniel Ryser

Am Anfang war die Sexsucht. Joseph Smith war zwar verheiratet, doch er erlag dem Charme jeder attraktiven Frau in seiner Umgebung. Er fand viele Frauen attraktiv. Und die Frauen fanden Joseph attraktiv, denn Joseph Smith war «ein Prophet wie Moses», war von Gott beauftragt worden, «seine Kirche wieder in Ordnung zu bringen». Smith gründete deshalb 1830 die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, deren AnhängerInnen Mormonen heissen. Das Mormonentum hat heute weltweit über zwölf Millionen AnhängerInnen.

Dem Propheten Smith, der sich in eine Reihe stellte mit Moses und Jesaja, kam Gott zu Hilfe, als seine Frau ihn wegen seiner Untreue verlassen wollte. Gott offenbarte sich Smith: «Wenn ein Mann eine Jungfrau ehelicht und den Wunsch hegt, noch eine zu ehelichen, dann ist dieser gerechtfertigt.» So war seine Sexsucht ab sofort religiöse Pflicht. Er musste halt. Gott wollte es so. Smith pimperte und heiratete, was das Zeug hielt. Das erregte im prüden 19. Jahrhundert die Gemüter. Bereits 1831 versuchte ein aufgebrachter Mob - auch Mormonen waren dabei -, Smith zu kastrieren. Und als seine Frau Emma drohte, sich ob des exzessiven Lustlebens ihres Mannes einen zweiten Mann zu nehmen, da stand wieder Gott seinem Propheten zur Seite. Er teilte ihm ganz zu dessen Vorteil mit, dass die Untreue nur dem Mann erlaubt sei: «Ich (Gott) gebiete meiner Magd Emma, meinem Knecht Joseph treu zu bleiben und an ihm festzuhalten und an keinem anderen. Ansonsten wird sie vernichtet.» Das waren klare Worte. Smiths Frau bekam einen Wutanfall. Und blieb. Smith hatte die Argumente auf seiner Seite. Die jüngste seiner Auserwählten, die vierzehnjährige Helen Mar Kimball, stellte er vor die Wahl: «Entweder du heiratest mich, oder du wirst auf ewig in der Hölle brennen.»

Gegenüber der Lokalzeitung, die sich kritisch mit Smiths Vielehe auseinander gesetzt hatte, beliess er es nicht bei Drohungen: 200 Männer brannten auf Smiths Befehl die Redaktionsräume nieder. Das war der Anfang von Smiths Ende: Ausserhalb der Gemeinde Nauvoo, Illinois, wo der selbsternannte Prophet nicht nur seine Kirche gegründet hatte, sondern auch Bürgermeister war, kochten sie vor Wut über den Mann, der die Theokratie wieder eingeführt hatte, der die «Regierung durch eine Herrschaft Gottes» ersetzen wollte. Smith kandidierte zu jener Zeit, 1844, für das Amt des US-Präsidenten.

Aus Angst vor einem Bürgerkrieg schaltete sich der Gouverneur von Illinois ein. Er verlangte, dass Smith wegen der Zerstörung der Zeitungsräume vor Gericht gestellt werden sollte. Auf dem Weg zum Prozess wurde Smith ermordet. Wütende Mormonenhasser stürmten das Untersuchungsgefängnis. Es war ein abgekartetes Spiel: Die Wachen schossen zwar auf die Angreifer, doch sie hatten nur Platzpatronen geladen. Die aufgebrachten Männer schossen, stachen, schlugen. Eine Kugel blieb in der Uhr eines Mitstreiters von Smith stecken. Das rettete ihm das Leben. Smith selbst stürzte getroffen aus dem Fenster, rief: «O Gott, mein Herr!» und blieb tot auf der Strasse liegen. Das zerschossene Zifferblatt zeigte 17.16 Uhr an. Es war der 27. Juni 1844. Noch heute gedenken Mormonen an diesem Tag zu dieser Uhrzeit ihres Propheten, der je nach Erzählung 33 oder 48 Frauen geheiratet hatte. Wäre Smiths Vielehe Teil einer Weltreligion geworden - mit des Religionsgründers Gattinnenzahl 33 als Mass - hätten gerade mal drei Prozent aller Männer Frauen abbekommen.

Nach Smiths Ermordung zogen die Mormonen in das Grosse Becken, eine Landschaft im Westen der USA. Dort, am grossen Salzsee, liessen sie sich nieder und gründeten Salt Lake City, die heutige Hauptstadt des US-Bundesstaates Utah. Der dortige Salt Lake Temple ist der spirituelle Mittelpunkt der Mormonen, ist ihr Vatikan, ihre Kaaba. Doch auch in Salt Lake City kam es zunächst zum Konflikt: Erst nach der Besetzung durch die US-Armee 1890 erklärten sich die Mormonen bereit, Kirche und Staat zu trennen und die Vielehe abzuschaffen.

Laut offiziellen Zahlen ist die Hälfte der 180 000 EinwohnerInnen von Salt Lake City heute Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Im Bundesstaat Utah seien es 75 Prozent, in ländlichen Gemeinden sogar bis zu 90 Prozent der Bevölkerung. Die Mormonen berufen sich noch immer auf die Lehren von Smith, die Mehrheit distanziert sich aber von der Vielehe. Rund 100 000 Mormonen praktizieren sie aber noch immer. Sie werden von der Mehrheit der Mormonen als Sektierer bezeichnet. Grundsätzlich treffen wichtige Punkte der Sektendefinition jedoch auf alle Mormonen zu: Sie vertreten nichtbiblische Offenbarungen und verstehen sich dennoch als «einzige wahre christliche Kirche auf Erden».

Nach dem Glauben der Mormonen ist es möglich, verstorbene Vorfahren durch einen Stellvertreter taufen zu lassen und postum in die Mormonengemeinde aufzunehmen. Und um so viele verlorene Seelen wie möglich zu retten, haben die Mormonen das grösste Familienforschungsarchiv der Welt geschaffen. 1893 gegründet, sammelte die «genealogische Gesellschaft» bis heute über zwei Milliarden Namen aus Büchern und Schriften - Zivilstandsregister, Geburts- und Totenurkunden, Gerichtsakten, Kirchenbücher, Passagierlisten der Einwandererschiffe. Seit 1938 arbeiten die Mormonen mit Mikroverfilmung von Dokumenten. Die Hauptstelle der Bibliothek und das bombensichere Archiv liegen in Salt Lake City. Zweigstellen gibt es in der ganzen Welt, in der Schweiz gibt es fünfzehn so genannte «genealogische Forschungsstellen» - etwa in Kreuzlingen, Yverdon, Zürich, Bern, Basel, Zollikofen.

Die Stammbaumforschung gibt es inzwischen auch im Internet: familysearch.org. Mit einfachen Klicks lassen sich hier Stammbäume verfolgen; zum Beispiel jener des Schriftstellers Ernest Hemingway, geboren am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, gestorben am 2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho. Hemingways Vater hiess Clarence. Dessen Vater hiess Anson Tyler. Allen. Klick. Jacob Street. Klick. Abraham Hemenway. Klick. Im 17. Jahrhundert verliert sich die Spur. Nur die mütterliche Seite lässt sich weiter zurückverfolgen. Die Urururururururgrossmutter von Ernest Hemingway hiess Elisabeth Hewes. Auch Adolf Hitlers Stammbaum ist dokumentiert. Seine Vorfahren hiessen Hiedler und stammen aus dem österreichischen Siebzig-Seelen-Dorf Walterschlag. Hitlers Vater wollte nicht länger den Namen der Mutter tragen - er hiess statt Hiedler Schicklgruber -, deshalb nannte er sich um in Hitler. So hiess Adolf von Geburt an Hitler - als Einziger und Letzter in seinem Stammbaum.

Wird automatisch Mormone, wer in die Datenbank aufgenommen wird? Ist Adolf Hitler also ein Mormone? Nein: Die Mormonen sammeln Daten aller möglichen Verstorbenen. Die meisten archivierten Personen haben nichts mit den Mormonen zu tun. Die Mormonen betonen denn auch, dass die Datenbank eine Dienstleistung sei, deren sich auch Nichtmitglieder bedienen könnten. Angehörige von Verstorbenen können aber natürlich einen Antrag um Aufnahme der Toten in die Kirche stellen. Familysearch.org ist einerseits ein riesiges Stammbaumverzeichnis. Für AnhängerInnen des Mormonenglaubens ist das Verzeichnis mit Millionen von Verstorbenen aber auch die Startrampe zur Himmelfahrt für solche, die ob des falschen (nichtmormonischen) Glaubens in der Hölle schmoren. Nicht zuletzt ist das Archiv gute Werbung für die Kirche.

Woher stammt eigentlich Joseph Smith, der Gründer der Mormonen? Familysearch.org gibt Aufschluss: Smith wurde am 23. Dezember 1805 in Vermont geboren. Die Spur von Smiths Vorfahren verliert sich 1599 in Kirton in der Grafschaft Lincolnshire in England. Besonders beeindruckend ist - das war zu erwarten - die auf der Homepage aufgeführte Heiratsliste des sexsüchtigen Propheten: Im Stammbaumverzeichnis der Mormonen sind immerhin 24 von Smiths Eheschliessungen verzeichnet.

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