Nr. 02/2006 vom 12.01.2006

Traurig, trüb und futuristisch

Am 25. Januar soll in Palästina ein Parlament gewählt werden. Behindert wird die Wahl nicht nur von der israelischen Besetzung. Auch einige militante Gruppen wollen sie verhindern. Ein Bericht aus Gasa und Ramallah.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Werden die Enklaven von Gasa und Jericho unter dem Druck von Armut und Hoffnungslosigkeit kollabieren? Wird aus den Reihen der Palästinenser eine neue Vision, eine neue Führung entstehen, die erneuerte Hoffnung und Entschlossenheit abbildet? Diese Fragen kann noch niemand beantworten.
Edward Said, 1996

Zum ersten Mal seit fünf Jahren konnte ich vor ein paar Wochen Gasa besuchen. Endlich hatte ich von der israelischen Armee die Bewilligung erhalten. Ich nahm viel Arbeit mit, unvollendete Arbeit, die sich über die Jahre angehäuft hatte.

Der Fahrer, der mich am Checkpoint Erez abholte, rückte die Dinge schon während der ersten paar hundert Meter ins richtige Licht, indem er seine politischen Überzeugungen zusammenfasste. «Sie sind also Filmemacher?», fragte er mich. «Ja», antwortete ich. Er lächelte und schaute mich an. «All dieser Müll, den Sie hier sehen, wurde von Israel produziert, und Arafat führte Regie.» Er wartete auf meine Reaktion. Ich lachte, er lächelte und bot mir eine Zigarette an. Ich lehnte ab, aber er hörte nicht mehr auf mit Reden und Rauchen. In einer Mischung von traurigen Kommentaren, sarkastischen Worten und deutlichen Erinnerungen nahm er mich mit auf eine kostenlose geistige Tour durch sein eigenes, privates Gasa.

Munition ist der Renner

Die Israelis haben Gasa verlassen, und die BewohnerInnen von Gasa feiern die Möglichkeit, die 45 Kilometer des Streifens in einer Stunde zurückzulegen, statt wie früher in fünf oder sieben Stunden. Mein Fahrer wollte mich unbedingt nach Rafah ganz im Süden mitnehmen, nur um mir – und sich selber wieder und wieder – zu beweisen, dass er von Gasa-Stadt nach Rafah und zurück weniger als zwei Stunden braucht. Am nächsten Tag fuhren wir nach Rafah. Auf dem Weg fragte er mich, ob ich wisse, was all die Menschen, die in den ersten Tagen nach dem israelischen Abzug über die Grenze nach Ägypten gegangen sind, mit nach Gasa zurückgebracht hätten? Ich begann zu raten. Brot? Fleisch? Tabak? Schnaps? Der Fahrer schaute mich an, als ob ich ein naives und unschuldiges Wesen wäre. «Nein, mein Freund, sie brachten Munition. Eine Kalaschnikowkugel kostete vorher sieben Dollar. Danach nur noch drei Dollar.»

Die Strassen waren nach einem Regentag überschwemmt mit Abwässern. Am Strassenrand spielten Kinder, Menschen kauften ein und lebten ihren Alltag. Ich war immer noch verwirrt von der Sache mit der Munition. Das Ziel sind wohl die Israelis, dachte ich mir, aber ich wollte mich vergewissern und fragte den Fahrer. «Was, Israelis?», antwortete er. «Machen Sie Witze? Gasa ist nun Mafia-Land. Beherrscht von Milizen. Jedes Quartier wird von einer Miliz regiert. Familien haben ihre eigene Miliz, Geschäfte sichern sich mit einer Miliz, und einige Milizen machen ihre Geschäfte. Gasa lässt sich nicht mehr so einfach erklären. Aber um zu überleben, braucht man Waffen, und ohne Munition sind Waffen nutzlos. Darum ist Munition der Renner in Gasa.» Nun mache ich mir mein Bild von Gasa sicher nicht aufgrund der Analysen meines Fahrers. Aber ich wusste, dass in all seinen Aussagen auch Wahrheit liegt. Ich hörte ihm zu im Wissen um all die Interviews, die ich noch führen wollte.

Als Erstes traf ich Mohammed as-Sahhar, den Führer der islamistischen Hamas-Bewegung. Ich fragte ihn nach der Zukunft von Hamas, der Zukunft Palästinas, der Zukunft des Kampfes und nach meiner eigenen, individuellen Zukunft, wie sie sich hinter den Dogmen von Hamas verbirgt. «Der Islam ist die Lösung» – dies war die Summe all seiner Antworten, die grosse und unausweichliche Lösung. As-Sahhar war begeistert von den guten Resultaten der Muslimbrüder bei den ägpytischen Wahlen. «Schauen Sie sich um», sagte er, «der Islam kehrt zurück.» Ich war geschlagen von seiner Zuversicht – und davon, dass er keine Sicherheitsvorkehrungen trifft. Keine Wächter, keine Helfer, keine bärtigen Männer mit Kalaschnikows oder M16 um ihn herum. Und das bei diesem Mann, dessen Haus von einer israelischen Rakete zerstört wurde und dessen Sohn vor einigen Jahren von einer anderen israelischen Rakete getötet wurde.

Ich fragte nach den Milizen und den bewaffneten Paraden. Was wird Hamas mit den Waffen tun, jetzt, wo die Israelis weg sind? Er lächelte mich an. «Welche Waffen? Denken Sie, Hamas besitzt Waffen? Das ist nichts im Vergleich zu den Waffen der Familien und Clans in Gasa. Und wer hat Ihnen gesagt, dass die Israelis abgezogen sind? Versuchen Sie einmal, Gasa zu verlassen – wen treffen Sie da an? Sie sehen, unser Kampf ist noch nicht vorbei.» Wandelt sich Hamas nun, da sie sich an der Parlamentswahl beteiligen will, zu einer politischen Kraft? Wird sie den bewaffneten Kampf, die Selbstmordattentate und die Angriffe mit selbst gebauten Raketen unterlassen? «Die Wahl ist nicht das Ende der Welt. Damit werden wir Palästina nicht befreien. Doch wir können den Schaden minimieren, den die Autonomiebehörden angerichtet haben.» Es geht also nicht ums Parlament? Sie wollen Palästina befreien? Was werden Sie dann mit den Juden und Jüdinnen tun? «Das ist eine wichtige Frage», sagte as-Sahhar, änderte seine Haltung und begann seine Antwort mit einem Zitat aus dem Heiligen Buch. Dann erklärte er: «Es gab Juden im Irak, in Syrien, in Palästina. Sie lebten zusammen mit Muslimen, in muslimischen Ländern, nicht wahr?» Ich nickte.

Wer regiert Gasa?

Ich verliess as-Sahhar ohne neue Informationen über die gegenwärtige Situation und die Zukunft. Ich wollte den Psychiater und Gesundheitsaktivisten Ijad Sarradsch treffen, um ein anderes Verständnis zu finden, weniger ideologisch, pragmatischer, aufgeklärter. Aber Sarradsch hatte keine Zeit, und ich ging in ein Internetcafé. Dort fand ich Sarradsch. Auf der Frontseite einer Onlinezeitung aus Gasa, «Saut al-Watan», die Stimme des Vaterlandes. «Wer regiert Gasa?», war sein Artikel betitelt.

Ich mag Sarradsch, denn er spricht immer geradeheraus, und er kennt die Realität der Menschen. Er ist kein Politiker, obwohl er jetzt für das Parlament kandidiert. In diesem Artikel stellt er die Behauptungen der Hamas in Frage, dass Gasa vom Widerstand befreit worden sei. Gasa sei erstens nicht frei. Und zweitens «haben die Worte ‹Gesetz› und ‹Sicherheit› keine Bedeutung». Sarradsch – wie fast alle in Gasa – weiss um die Wichtigkeit der ausländischen ArbeiterInnen in Gasa – jene AusländerInnen, die nun von verschiedenen Milizen entführt werden. Diese Milizen missbrauchen die Grundfeste dessen, was uns noch an Kraft geblieben ist. Sarradsch kennt auch die Quelle dieser Korruption der Macht – und er ist mutig genug, das auszusprechen. «Gasa wird aufgeteilt zwischen Milizen. Die meisten gehören zu Fatah, ‹der herrschenden Partei›, und zu einigen anderen Clans. Oder sie sind geschäftstüchtige Milizen, die Waffen und Geld schieben. Dieses Netz wurde von der früheren Macht gegründet. Merken diese Leute, die nun in den Satellitenfernsehsendern auftreten und ständig wiederholen, dass Gasa frei sei, merken die nicht, dass die Polizei in Gasa noch nicht einmal den Verkehr regeln kann?»

Die Eindrücke, die Sarradsch und andere nüchterne Menschen in Gasa vermitteln, sind düster. Traurig, trüb und realistisch. Aber auch futuristisch. Denn diese Menschen kümmern sich um die Zukunft, sie sind darauf ausgerichtet, deshalb befassen sie sich mit allem, was Entwicklung und eine bessere Zukunft bringen könnte. Schliesslich ist Sarradsch ein Doktor, und Doktoren pflegen die kranken Teile des Menschen, um die Gesundheit des Ganzen zu sichern.

Ein rassistisches Wunder

Zurück in Ramallah, in der Westbank, wurden meine Ehefrau, meine Tochter und ich von meinen Schwiegereltern zu einem Mittagessen in der Altstadt von Jerusalem eingeladen. Auf dem Weg mussten wir den neu erstellten Checkpoint Kalandia passieren. Dieser Hightechapparat soll jedem und jeder einzelnen PalästinenserIn das Gefühl vermitteln, eine Geisel zu sein, ohne die geringste Kontrolle über ihr Leben. Der Checkpoint ist ein israelisches rassistisches Wunder, das nur dazu dient, das israelische Gefühl von Überlegenheit und die israelische Angst zu verstärken. Jeder Quadratzentimeter dieses Apparates dient dem Schutz der paar SoldatInnen vor den mehreren zehntausend täglichen PendlerInnen zwischen Ramallah und Jerusalem. Drehtüren, Kameras, Lautsprecher, Tore, Stacheldraht, kugelsicheres Glas, Scanner - das ganze Programm.

Ich fühlte mich hilflos, missbraucht. Ich war ja nur unterwegs zu meinen Verwandten, die zwanzig Busminuten entfernt leben. Auf dieser Strasse war ich in meinem ganzen Leben immer unterwegs, doch nun ist sie keine Verbindungsstrasse zwischen zwei verschwesterten Städten mehr. Die sind voneinander abgeschnitten. Ich brauchte drei Stunden, um den Checkpoint zu passieren - und drei Tage, um mich von meiner Depression zu erholen. Auf der Hin- und der Rückfahrt in überfüllten Ford-Transit-Sammeltaxis hörten wir alle die Nachrichten im Radio, über neue Auseinandersetzungen in Gasa, über Entführungen von AusländerInnen, die Schliessung von Wahllokalen, den Brandanschlag auf den Uno-Club in Gasa-Stadt. Viele Leute sprachen über die guten alten Zeiten vor den palästinensisch-israelischen Oslo-Abkommen, vor der Gründung der Autonomiebehörden, als die PalästinenserInnen im Kampf vereint waren, mit einem gemeinsamen Ziel und einer Führung.

Edward Saids Fragen im Eingangszitat waren prophetische Gedanken. Über die erste Frage machte sich Said keine Illusionen. Was die zweite Frage betrifft, jene nach dem Entstehen einer neuen Führung - ich glaube, dass eine Wahl, egal, unter welchen Umständen sie schliesslich stattfindet, nur dazu beitragen kann, ein neues Umfeld zu schaffen. Ein Umfeld, aus dem eine solche Führung schliesslich entstehen und genährt werden kann. Ich betrüge mich nicht selber, als Palästinenser, der unter Besetzung im abgeschnittenen «Kanton Ramallah» lebt. Die kommende Parlamentswahl wird keine neue Führung bringen, schon gar keine visionäre, engagiert und fähig, die PalästinenserInnen in Freiheit und Unabhängigkeit zu leiten. Aber ich glaube fest, dass jede Art von Wahl, auf jeder Stufe, in jeder Form, jenen PalästinenserInnen, die unter Besetzung leben, zumindest ermöglicht, unter dem wenigen, das sie haben, auszuwählen. Wir leiden unter den Folgen einer langjährigen autokratischen Führung. Die letzte Wahl innerhalb der Regierungspartei Fatah wurde 1985 abgehalten. Danach gab es keinen Weg, die existierende Führung zu überprüfen, zu ändern, zu wechseln oder auch nur in Frage zu stellen. Und viele hier in den Ghettos, die von der israelischen Besetzung geschaffen und verwaltet werden, glauben, dass diese Art von Führung ein Ende haben muss, dass Wahlen der bessere Weg sind. Der Widerstand gegen Wahlen, den einige militante Gruppen zeigen, ist nur Ausdruck ihrer Angst vor einem Wechsel. Einige Mächtige fühlen sich bedroht von der Wahl. Darum bekämpfen sie sie.

Der palästinensische Filmemacher Subhi al-Zobaidi lebt in Ramallah und berichtet regelmässig für die WOZ.