Nr. 03/2006 vom 19.01.2006

St. Moritz werden oder sterben

Von Pro Natura bis Avenir Suisse – alle wollen mehr Wildnis. Verwilderte Alpen wären naturnäher, spannender und billiger. Alles bestens?

Von Bettina Dyttrich

«Viele empfinden sie als Bedrohung: die Wildnis. Doch die Ängste sind häufig diffus und von Vorurteilen geprägt», schreibt Pro Natura. Der Begriff Wildnis ist allerdings mindestens so diffus: Ist Wildnis nur das unberührte, von Menschen unbeeinflusste Land? Oder auch solches, das früher genutzt wurde und heute nicht mehr? Oder allgemein alles, was wild wuchert?

Der deutsche Begriff Wildnis war früher gleichbedeutend mit Ödland und Einsamkeit. Erst durch die US-amerikanische «Wilderness»-Diskussion kam das Wort zu seiner Aura des Erhabenen, Heiligen. In den USA wurde die Wildnis Ende des 19. Jahrhunderts zu einem nationalen Mythos – genau zu jenem Zeitpunkt, als das ganze Land kolonisiert, zunehmend industrialisiert und seine ursprünglichen BewohnerInnen getötet oder in Reservate abgeschoben worden waren. Erst dann wurden Nationalparks wie Yellowstone oder Yosemite überhaupt möglich. Was die US-Amerikaner in über 300 Jahren erobert hatten, war keine Wildnis, sondern indianische Kulturlandschaft. Häufig merkten die SiedlerInnen das einfach nicht. Die malerischen Wälder Neuenglands zum Beispiel konnten nur entstehen, weil IndianerInnen gezielt Brände legten und damit das Unterholz beseitigten und die Beerensträucher förderten. Nicht nur in Nordamerika: Seit zehntausenden von Jahren leben in jedem Winkel der Erde Menschen. Es gibt schon lange keine von Menschen unbeeinflusste Wildnis mehr auf der Welt - es sei denn, man bezeichne alle, die die Erde anders nutzen als wir, als Wilde.

Doch der Begriff Wildnis wird in den USA und Kanada bis heute kaum hinterfragt. Egal, wie zerstörerisch der US-amerikanische Lebensstil im Alltag sein mag – im Nationalpark wird sogar die eigene Scheisse in Plastiksäcklein verpackt und mitgenommen. Der Traum von der Wildnis wird auch in Europa immer beliebter, und die Richtlinien der World Conservation Union (IUCN) reglementieren ihn: Die international gültige Definition von Nationalpark schreibt einen hohen Anteil an ungenutzter Landschaft vor.

Bergschutz ohne BerglerInnen

In der Schweiz träumen vor allem gestresste, naturverbundene StädterInnen von Wildnis. Zum Beispiel die Mitglieder von Mountain Wilderness, einer Organisation, die 1987 im italienischen Biella entstand, um umwelt- und sozialbewusstes Bergsteigen zu fördern. Mountain Wilderness hat sich mit mutigen Aktionen gegen Heliskiing und neue Seilbahnen, gegen Schneemobil- und Offroadertourismus einen Namen gemacht. Der Blick auf die Alpen dieser Organisation ist – wie ihr Name schon andeutet – ganz dem US-amerikanischen «Wilderness»-Denken verpflichtet. «Der Anspruch von Mountain Wilderness auf weitgehend ursprüngliche alpine Gegenden ruft Widerstand hervor bei der Bergbevölkerung, die diesen Raum bewohnt und über Generationen hinweg gestaltet hat (...)», schreibt Elsbeth Flüeler, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness Schweiz, im Buch «Wildnis» (vgl. «Wilde Bücher»). Warum ist «die Bergbevölkerung» gegen Wildnis? Den einen ist jeder Schutz der Berge ein Dorn im Auge, weil sie Pisten ausbauen, Zweitwohnungen planen und Schneekanonen installieren wollen. Aber es gibt in den Bergen auch ganz andere Stimmen gegen Wildnis: jene von Bergbauern und Alphirtinnen, die noch nicht vergessen haben, dass Schützen und Nutzen keine Gegensätze sein müssen. Heute gibt es immer weniger bewirtschaftete Alpen. «Mögen das die einen in ihren Minergie-Einfamilienhäusern begrüssen», schreibt Regula Wehrli in der ÄlplerInnenzeitschrift «zalp». «Die Älplerinnen und Älpler, die in aller Herrgottsfrühe aufstehen und auf der Alp für ihre Ideale krampfen, reut es. Denn sie erleben das Zusammenspiel Nutztier-Alp-Mensch täglich hautnah und wissen, was es zu verlieren gibt.»

Kulturnatur, Naturkultur

In einer traditionellen Kulturlandschaft bilden Kultur und Natur ein untrennbares Ganzes – Kultur zerstört die Natur nicht, sondern macht sie oft sogar vielfältiger. Vielen AlpenbesucherInnen ist gar nicht mehr bewusst, wie stark die Berglandschaften von Menschen verändert worden sind – die kleinräumigen Wald-Wiesen-Landschaften im Toggenburg so gut wie die Ackerterrassen im Unterengadin oder die Kastanienselven im Bergell. Früher waren die hier produzierten Nahrungsmittel überlebenswichtig. Heute, heisst es, lohne sich die Bewirtschaftung nicht mehr. Im Flachland kann günstiger und effizienter produziert werden. Das stimmt – kurzfristig. Aber die industrielle Landwirtschaft laugt die Böden aus, braucht Unmengen Wasser und Erdöl, funktioniert nur dank der miserablen Arbeitsbedingungen schlecht bezahlter LandarbeiterInnen und ruiniert die Artenvielfalt. Vielleicht ist die Zeit gar nicht so fern, in der wir die Alpen dringend wieder brauchen, um Nahrungsmittel zu produzieren. Dazu werden Landschaften nötig sein, auf denen das noch möglich ist, und Leute, die noch wissen, wie das geht.

War die Natur in der Industriegesellschaft etwas Feindliches, das es zu beherrschen und zu besiegen galt, wird sie in der Dienstleistungsgesellschaft zum absolut Guten, zur Projektionsfläche aller Sehnsüchte. Dieser Wechsel zeugt aber nicht von mehr Naturnähe: Die verklärte Natur ist etwas, das man in der Freizeit geniesst und das mit dem Alltag in der Stadt oder Agglomeration, mit dem eigenen Wirtschaften nichts zu tun hat. Das Bild von der Natur als Gegenwelt ist genauso problematisch wie jenes von der Natur als Feind. Denn es blendet völlig aus, dass Natur nicht nur dort oben in den Bergen stattfindet. Auch die Menschen und ihr Alltag in der Stadt sind Natur, und die beeinflussen die «Restnatur» direkt.

Das liberale Reservat

Längst reden nicht nur Grüne von Wildnis. Auch Wirtschaftsliberale führen sie im Mund. Seit es keine nationalen Mythen mehr zu verteidigen gibt, ist das Berggebiet ein Traum für DereguliererInnen: Was man dort alles sparen könnte! Der Wirtschaftsjournalist Markus Schneider schlug im Wirtschaftsmagazin «Bilanz» vor, das ganze Schweizer Berggebiet in ein Naturreservat zu verwandeln. Avenir Suisse fordert den Rückzug aus dem Alpenraum. Und Ende 2005 veröffentlichte das ETH-Studio Basel seine ambitionierte Untersuchung «Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait» (siehe WOZ Nr. 48/05, vgl. «Wilde Bücher»). Die Autoren teilen die Schweiz in fünf Zonen ein: Metropolitanregionen, Städtenetze, stille Zonen, alpine Resorts und alpine Brachen. Sie geben sich dabei betont forderungslos und behaupten, nur abzubilden, was schon ist. Aber Reden über den Raum ist nie neutral. Was den Alpenraum betrifft, ist das «städtebauliche Portrait» letztlich ein wirtschaftsliberales Projekt – angereichert mit etwas linksliberaler Sehnsucht nach mehr Urbanität. Denn Siedlungsraum soll das bleiben, was rentiert; alle anderen Räume haben keine Existenzberechtigung mehr. Als alpine Brache, die entsiedelt werden soll, bezeichnen die Autoren nicht nur die am schwersten zugänglichen Täler, sondern praktisch das gesamte Berggebiet vom Walensee bis zum Lago di Lugano, vom Puschlav bis zum Lötschental.

Dem Calancatal vorzurechnen, wie viel seine Lawinenverbauungen jährlich kosten, ist sehr wohl ein politisches Statement. Überleben sollen die «dynamischen» Räume: Metropolen, Städtenetze und die verstädterten Resorts. Dort werden keine Kosten vorgerechnet – welche ökologischen, sozialen oder gesundheitlichen Folgekosten der Bauboom im Oberengadin oder der Verkehr in den Metropolen erzeugt, interessiert die Autoren des Schweizporträts nicht. Sie planen, als könnte es immer so weitergehen wie bisher: Wirtschaftswachstum, Naturverschleiss, Konzentration der Landwirtschaft auf immer kleinere, immer intensiver genutzte Flächen. Dem «städtebaulichen Portrait» fehlt genau jene Weitsicht, die es beansprucht. Und die Differenzierung, von der es schwärmt – seine einzigen Alternativen lauten: urban werden oder verschwinden.

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