Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

Kann die Hoffnung töten?

Von einem, der dem Schicksal zu entfliehen sucht und so zum Schriftsteller wird.

Von Ruth Schweikert

Hat hier das obligatorische Happyend zugeschlagen (immerhin schrieb Steve Tesich die Drehbücher zu «Garp» und «Breaking Away», wofür er einen Oscar bekam), ist es pure Ironie, oder reichen sich die beiden gar schwesterlich die Hand? However, «Ein letzter Sommer» endet auf Seite 492 mit dem kraftvollen Aufbruch des Achtzehnjährigen aus dem miefigen, industrieverseuchten East Chicago nach New York: «Ich bin heute von zuhause fortgegangen», schreibt er in das Tagebuch, «in der Überzeugung, dass es so etwas wie das Schicksal nicht gibt. (...) Es gibt nur das Leben, und ich freue mich darauf, es zu erleben.»

So viel Zukunft war selten, denken wir betäubt; wenigstens einer, der ihn geschafft hat, den Abschied von den Eltern, und hängen sekundenlang dem American Dream nach, der Tellerwäscherkarriere des Selfmademan, die sich vielleicht vor unseren Augen anbahnt.

Nein, «Summer Crossing», 1982 in New York und im letzten Herbst bei Kein & Aber endlich auch auf Deutsch erschienen, erzählt keine Story, die nach dem Verfilmtwerden schreit, und der Ich-Erzähler, Daniel Boone Price, ist kein geborener Winner, sondern ein unsicherer, introvertierter Arbeitersohn mit reichlich Schuldgefühlen auf dem Buckel; wie sonst vermöchte er über so viele Buchseiten hinweg zu interessieren? Denn das tut er, wobei ihm - nebst Vater, Mutter und der geheimnisvollen Rachel, mit der er das tragikomische Alphabet der ersten Liebe durchexerziert - das ganze Arsenal mehr oder weniger lädierter Provinzfiguren zur Seite steht, deren Träume immer ein wenig heller, grösser oder dunkler sind als das tägliche Leben, wie es sich im Sommer 1960 präsentiert: Mr. Geddes, der verrückt gewordene Lehrer; Mrs. Dewey, die mit dreissig noch auf Schulmädchen macht und sich von ihrem Ehemann Bimbo regelmässig verprügeln lässt; Daniels Mitschüler, der kluge und sensible Larry Misiora, der so sehr der Versuchung zu erliegen fürchtet, einfach in die Fussstapfen seiner Eltern zu treten und den langen Rest seines Leben bei der Sunrise Oil Company zu arbeiten, dass er - welch kathartisches Finale - die halbe Fabrik abfackelt; der behäbige Billy Freund, von allen nur Freud genannt, der blutjung heiratet und einen Job im Mauthäuschen auf der Hochstrasse annimmt, als sei er genau dafür geboren worden.

Es sind dies die ganz normalen Zurichtungen der Vorachtundsechziger, das Unter-den-Teppich-Kehren bedrohlicher Gedanken und Gefühle, die sich in Gewaltakten entladen, um gleich wieder unter den Teppich gekehrt oder «über die Landesgrenze transportiert» zu werden wie der Krebs, an dem Daniels Vater erkrankt. Es ist die aufgeladene Atmosphäre der Latenz (nicht nur der Pubertät und ebenjenes letzten Sommers der drei Freunde, bevor sie ins Berufsleben eintreten), die Steve Tesich, geboren 1942 «in Jugoslawien», gestorben 1996 in den USA, in seinem ersten Roman bis in die feinsten Verästelungen hinein beschreibt und evoziert.

Das etwas diffuse Wort «atmosphärisch» beschreibt vielleicht wirklich am besten die Faszination, die von der ersten Szene an von diesem Text ausgeht: Das Publikum tobt, Daniel führt, er hat die Landesmeisterschaft im Ringen praktisch schon gewonnen, als ihn - Auge in Auge mit dem penetrant lächelnden Gegner - plötzlich die Scham erfasst und er in die Niederlage sinkt «wie an den mir angemessenen Platz». Daniel schämt sich dafür, dass er seinen Gegner hatte besiegen wollen, und abends, am Küchentisch mit seinem verhärmten Vater - die Mutter, «grösser, stärker und schöner» als ihr Ehemann, putzt nachts in Chicago Bürogebäude -, schämt er sich gleich nochmals: weil es ihm vorkommt, als hätte er im Ringkampf auch seinen Vater besiegen wollen. «Du darfst nie hoffen», beschwört ihn der Vater - noch bevor er von seiner tödlichen Krankheit weiss -, «versprich mir, dass du nie hoffen wirst. Es kann dich töten.» Die Mutter hingegen, eine Einwanderin aus Montenegrino, stilisiert ihren Sohn zum Macho, der es den Frauen besorgt, sodass Daniel quasi nur noch die Flucht nach vorne bleibt und er sich eine Freundin erfindet, von der er nichts als den Namen weiss: Rachel.

Rachel ist eine Achtzehnjährige, die mit ihrem Vater David aus New York in die Provinz gezogen ist und davon träumt, vierzig zu sein und die grossen Kämpfe hinter sich zu haben; sie und ihre Geschichte, die dem Leser, der Leserin fast ebenso lange verborgen bleibt (und die ich hier deshalb auch nicht enthülle) wie Daniel, den sie verzweifelt gerne lieben möchte, ist der Motor, der den Roman weitertreibt. Das ist ein zuweilen etwas überstrapaziertes Spannungselement; doch selbst offenkundige Längen habe ich dem Autor verziehen, die kleinen Verliebtheiten in das eigene Können.

«Ein letzter Sommer» ist ein Lebensbuch; man möchte sich sozusagen rückwirkend einzelne Sätze zu Eigen machen, weil sie der Sprachlosigkeit, mit der man in der Pubertät sich selber gegenübersteht, eine schmerzhaft genaue Sprache verleihen; Sätze wie «Mit dem Hut seines Vaters sah er aus wie ein riesiger einsamer Detektiv, der die Nacht schwerfällig nach Hinweisen darauf durchkämmte, was er mit sich anfangen sollte» zum Beispiel, oder: «Ich trug ihn (den Vater) in mir herum wie ein zusätzliches Organ, das ich nicht brauchte, aber versorgen musste».

Und vielleicht wird man sich mit Daniel, der im letzten Viertel des Romans zum Schriftsteller wird, indem er die Ereignisse des vergangenen Sommers aus Sicht der verschiedenen Figuren in deren Tagebüchern beschreibt, an die eigene Jugend erinnern, als wäre sie ein Stück Literatur.

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