Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

«Figure of 4»

Von Pit Wuhrer

Es war mal wieder wie so oft an diesem Ort: Im Januar herrschte im Bündner Hochtal Avers blendendes Wetter, die Sonne strahlte, der Wind strich leicht von Nordwest das Tal empor. Beste Tourenverhältnisse also - wenn nur genügend Schnee gefallen wäre. Doch der kommt, wenn überhaupt, nur aus dem Süden hierher. Es ist schon paradox: In Juf, dem am höchsten gelegenen ganzjährig bewohnten Dorf der Alpen, blickt man mitten im Januar manchmal auf apere Hänge und Gipfel. Das ist nicht immer so. Aber dieses Jahr war das der Fall - und im letzten auch.

Was also tun in dieser Situation? Im Hotel Bergalga einen Kaffee trinken und den gerade erschienenen SAC-Führer «Bergsport Winter» studieren? Es gibt weitaus dümmere Möglichkeiten des Zeitvertreibs. Die Genossenschaftsbeiz Bergalga
( www.bergalga.ch ) ist eine überaus empfehlenswerte Adresse. Und die jüngste SAC-Publikation ist ein Buch, das alle BergsportlerInnen - Skitourengänger und Snowboardfahrerinnen, Winterbergsteiger und Freeriderinnen, Eiskletterer und Schneeschuhenthusiastinnen - vor ihrer nächsten Tour studieren sollten. Denn dieser Band bündelt auf knappem Raum, mit geringem Gewicht (rund 300 Gramm) und in grafisch exzellenter Darstellung alles, was man wissen muss, bevor man sich durch tief verschneite Hänge nach unten ober oben wühlt: Welche Folgen haben unsere Touren für die Tierwelt? Wie ist die Wetterlage zu beurteilen? Wie kann man das Lawinenrisiko einschätzen? Was macht eine gute Ausrüstung aus? Wie plant man eine Skitour? Was ist bei Schneeschuhtouren zu beachten? Und wie geht man im Fels-Eis-Gelände vor?

Dazu kommen grundlegende Hinweise: Wie ernährt man sich vor einer Tour? Woran erkennt man eine Wechte? Wie berge ich die in einer Spalte verschwundenen oder von einer Lawine verschütteten KollegInnen? Und wie komme ich - mit zwei Eisgeräten und Steigeisen an beiden Füssen - höher, wenn keine Tritte vorhanden sind? Selbst für diesen Fall hat der SAC-Führer einen Tipp parat: das linke Bein über den rechten Arm schwingen («Figure of 4»), dann mit dem Pickel links weiter oben ins Eis hauen. Ich habe diese Verrenkung noch nie ausprobiert, weil ich selber noch nie in die Verlegenheit kam - und im Zweifelsfall lieber Schlitten fahre.

Aber in ein Buch, das alle Eventualitäten berücksichtigt, gehört so ein Hinweis allemal. Es gibt derzeit keine bessere, aktuellere, handlichere Publikation zum Thema Technik, Taktik, Sicherheit im Wintersport.

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