Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

Leiden an Deutschland

Eine Gruppe von ForscherInnen will in Anlehnung an Pierre Bourdieu ein Bild der alltäglichen Ängste, Nöte und Hoffnungen in Deutschland zeichnen. Das Ergebnis ist zwiespältig.

Von Michael Gautier

Die tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüche der vergangenen Dekade im Zeichen von Deregulierung, verschärfter Marktkonkurrenz und der schrittweisen Demontage des Wohlfahrtsstaates haben in Europa grosse soziale Not verursacht. Dauerhafte Massenarbeitslosigkeit, zunehmend prekäre Beschäftigungsverhältnisse, räumliche Segregation und gesellschaftliche Ausschliessung haben die Lebensentwürfe vieler Menschen erschüttert und manche buchstäblich an den Rand gedrängt.

1993 stiess die von Pierre Bourdieu vorgelegte Studie «La misère du monde» über das Leiden in und an der französischen Gesellschaft auf ein unerwartet grosses Echo, welches sich in zahlreichen Übersetzungen niederschlug. Eine Gruppe von ForscherInnen um den Genfer Soziologen Franz Schultheis hat sich nun die Aufgabe gestellt, eine solche «radikale» und «unbeschönigte» Diagnose der deutschen Gegenwartsgesellschaft vorzunehmen. Die «umfassende Sozio-analyse» der Bundesrepublik will mittels rund fünfzig Porträts ein Bild der Nöte, Hoffnungen und Frustrationen jener Menschen zeichnen, die zu den stummen Leidtragenden der «Krise der Lohnarbeit» geworden sind. Wie ihr französisches Vorbild versteht die Studie sich als Ausdruck politischer, gesellschaftskritischer Wissenschaft.

Garnierender Originalton

Entstanden ist ein bedrückendes, aber auch schillerndes Kompendium des Unbehagens und der Desillusionierung. Der betont sozialkritische Ansatz des Buches führt dazu, dass die porträtierten Menschen primär auf ihre Rolle als Opfer reduziert werden. Dass die Suche nach sozialem Leid den Blick auf bestimmte, besonders prekäre Kategorien, Lebensbereiche und Regionen lenkt (das Erwerbsleben, Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen, Bildung und Erziehung, Ostdeutschland), ist im Sinne einer pragmatischen Herangehensweise einsichtig - hingegen nicht, dass die Befragten als garnierender «Originalton» für im Voraus fixierte Theorien herhalten müssen. Wenn die Diagnose von vornherein feststeht und die Schilderungen der Menschen nur mehr daraufhin überprüft werden, ob ihre Lebensgeschichten und Krisenerfahrungen «exemplarisch» sind, bedeutet dies nichts anderes, als dass die WissenschaftlerInnen bloss die Bestätigung dessen suchen - und finden -, was sie bereits zu wissen meinen. Begründet wird diese Vorgehensweise mit dem Defizit der Subjektivität und der Borniertheit alltagsweltlicher Deutungen, die «hinterfragt» und mittels sozialstruktureller Daten ins rechte Licht gerückt werden müssten. Was in den Interviews aufscheint, lässt sich gemäss dem Credo der Autoren nur über Kontextwissen erschliessen, wird also lediglich unter bereits gebildete Theorien subsumiert. Wozu sich noch ins Feld begeben?

Interpretative Sozialforschung sollte gerade darum bemüht sein, basierend auf dem Datenmaterial (den Interviews), Theorien zu entwickeln. Sonst reproduziert sie zuallererst die Vorstellungen, die sich die ForscherInnen von ihrem Gegenstand machen, und hat den fahlen Beigeschmack des Durchblickhaften.

Ethisch fragwürdig

Symptomatisch dafür, dass betroffene Voreingenommenheit blind für Unvorgesehenes machen kann, ist die Gliederung der Porträts: Den Gesprächsauszügen vorangestellt sind die Beschreibung des Milieus oder Berufsfeldes sowie die in ihm virulenten Probleme, die am Beispiel der interviewten Person veranschaulicht werden sollen. Dies kann in einem leicht verzweifelten - einer gewissen Komik nicht entbehrenden - Versuch eines Interviewers gipfeln, dem thüringischen, in einem Stollen der Neat bohrenden Bergmann das vermeintliche Ungemach seiner Lage zu suggerieren, welches Letzterer jedoch resolut in Abrede stellt, um mit viel Berufsstolz, Pathos und einer Prise Fatalismus seine Lebenstüchtigkeit hervorzukehren: «Andere mussten in den Krieg!» Das fehlende «Eingeständnis» nährt jedoch bloss den Verdacht des Wissenschaftlers, sein Gesprächspartner unterschlage ihm sein Unglück. Dabei scheint es sich hier offensichtlich um jemanden zu handeln, den die Zäsur zwischen der Aufgehobenheit in der Gemeinschaft eines Bergarbeitermilieus in der DDR und seinem neuen Status als hunderte Kilometer pendelnder «flexibler Mensch» nicht aus der Bahn geworfen hat.

Abgesehen von seiner methodisch problematischen Anlage, gerät das gut gemeinte Projekt zu einem auch ethisch fragwürdigen Unterfangen. Nicht nur werden die Befragten so nicht ernst genommen; das anwaltschaftliche und mitunter therapeutische Selbstverständnis der ForscherInnen (eine durchaus unprofessionelle Anmassung) lässt ihr Gegenüber ausserdem im Glauben, es mit anteilnehmenden Verbündeten und tüchtigen AktivistInnen zu tun zu haben, welche sie darüber hinaus erst noch gelegentlich zu sich selber finden lassen.

Man kann sich fragen, ob der Ansatz einer dem Anspruch nach interventionistischen Sozialwissenschaft unter diesen Vorzeichen überhaupt sinnvoll ist oder nicht gar die Glaubwürdigkeit soziologischer Analysen untergräbt. Es wäre vermutlich angebrachter, im vorliegenden Fall nicht von einer Analyse, sondern von einer Dokumentation zu sprechen. Jedenfalls ist der aufklärerische Gestus fehl am Platz, da verkannt wird, dass eine am empirischen Material betriebene Theoriebildung (die hier unterlassen wurde) per se kritisch wäre.

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