Nr. 13/2006 vom 30.03.2006

Wer nicht spurt, bekommt keine Küken

Kein Land produziert so viel Pouletfleisch wie die USA. Der Anthropologe Steve Striffler hat eine aufschlussreiche Geschichte über die US-amerikanische Geflügelindustrie geschrieben.

Von Susan Boos

«Demokratie ist darauf angewiesen, dass sich die Bürger politisch beteiligen - aber nicht am Arbeitsplatz.» Das Schild hängt im Schulungsraum von Tyson Foods. Das Unternehmen gilt als grösster Hühnerfleischproduzent der Welt und sitzt in Springdale, Arkansas (USA). Nirgendwo auf der Welt werden so effizient so viele Hühner verarbeitet wie in Springdale. Steve Striffler sitzt zusammen mit acht anderen künftigen ArbeiterInnen im Schulungsraum. Er ist der einzige US-Bürger, die anderen stammen aus Mexiko und El Salvador. Die Neuankömmlinge erhalten eine Einführung: Der Lohn beträgt acht Dollar die Stunde, zusätzlich sind sie gegen Krankheit versichert und arbeiten vierzig Stunden die Woche. Für US-amerikanische Verhältnis ganz anständig.

Die Gruppe erhält weisse Arbeitskleidung, Ohrstöpsel, Haarnetze und wenn nötig ein Bartnetz. Dann beginnt die Einführungstour im «live hanging». Die Hühner müssen hier noch lebendig an den Füssen an Haken gehängt werden, vierzig Stück die Minute. Überall Blut, Hühnerkot, Federn. Eine der Neuen sagt: «Mein Gott, wie kann man hier arbeiten?» Die Antwort ist einfach: Die Arbeit im «live hanging» ist ein bisschen besser bezahlt als die anderen Jobs in der Fabrik.

Zwei Sommer lang stand Striffler bei Tyson am Förderband. Dort, wo die Tiere schon zerlegt sind und in Mehl gewendet werden, um am Ende in Form irgendeines Fertiggerichts die Fabrik zu verlassen. Striffler ist Anthropologe und Assistenzprofessor an der Universität in Arkansas. Er wollte genauer wissen, woher das Hühnerfleisch kommt. Bei seiner Recherche entstand ein spannendes, unaufgeregtes Buch über «Chicken - Die gefährliche Transformation von Amerikas beliebtestem Nahrungsmittel».

Die erpressbaren Geflügelhalter

Kein Land produziert mehr Hühnerfleisch als die USA. Längst wird weltweit mehr Poulet als Rindfleisch verzehrt. Das Huhn ist das Fabriktier der Welt. In den 1930er Jahren hatte Geflügel einen geringen Status. Wer was sein wollte, ass Rind. Der Absatz blühte erst auf, als die Firmen begriffen, dass sie das Huhn nicht als ganzes Poulet verkaufen sollten. Damit liess sich zu wenig verdienen. Also begannen sie es zu verarbeiten, zum Beispiel zu den berühmten Chicken Nuggets. Aus dem einst gesunden, weissen und fettarmen Fleisch wurde ein ungesundes Fertigprodukt; denn eine Portion Chicken Nuggets enthält weit mehr Fett als beispielsweise ein Hamburger.

Um genügend billiges Fleisch zur Verfügung zu haben, musste die Industrie «das Huhn zu einer hocheffizienten Maschine machen, das Getreide in billiges tierisches Protein verwandelt», schreibt Striffler. «Heute wird ein Masthuhn fast doppelt so schwer wie ein Huhn, das 1930 lebte - braucht dazu aber nur die Hälfte des Futters und nur die Hälfte der Zeit bis zur Schlachtreife.» Kleine Geflügelhalter haben in diesem Geschäft längst nichts mehr zu suchen. Riesige Konzerne wie Tyson kontrollieren das System, das man vertikal integrierte Produktion nennt. Die Konzerne beliefern die BäuerInnen mit Eintagesküken sowie Futter und nehmen ihnen die gemästeten Tiere wieder ab. Die BäuerInnen sind ausgelagerte Angestellte, die den Konzernen ausgeliefert sind. Striffler lässt in seinem Buch einige dieser GeflügelhalterInnen zu Wort kommen.

Zum Beispiel die Familie Watson. Sherl und Dennis Watson stiegen Anfang der achtziger Jahre ins Hühnergeschäft ein. Sherls Vater hatte jahrelang für den Geflügelkonzern Holly Küken gemästet, deshalb wollten die frisch vermählten Watsons ihren Lebensunterhalt auch mit Hühnern verdienen. Sie kauften eine kleine Farm und nahmen einen Kredit von 210 000 Dollar auf. Sie verdienten bescheiden und konnten knapp die Zinsen für den Kredit bezahlen. Einige Jahre später verlangte Holly, die Watsons müssten ein neues Fütterungssystem installieren. Watsons nahmen einen zusätzlichen Kredit von 20 000 Dollar auf; hätten sie sich geweigert, hätte Holly keine Küken mehr geliefert. Eineinhalb Jahre später eröffnete ihnen Holly, man wolle nicht länger mit ihnen zusammenarbeiten. Das war das Ende, als unabhängige GeflügelmästerInnen konnten sie nicht überleben. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als einen anderen Job zu suchen und während Jahren ihre Schulden abzuzahlen. Zwar versuchten die Watsons Holly zu verklagen, hatten aber keinen Erfolg.

Holly wurde kurze Zeit später von Tyson übernommen. Und da es in den USA nur noch wenige dieser Grossunternehmen gibt, können die GeflügelhalterInnen nicht auf andere Firmen ausweichen. Ein Mäster sagte zu Striffler: «Wir investieren 150 000 Dollar in Hühnerhäuser, schauen 24 Stunden pro Tag zu den Tieren und tun alles, was Tyson sagt. Tyson diktiert das Spiel. Es ist das einzige vertikal integrierte Unternehmen in der Gegend, wir haben keine Wahl, es gibt keinen Wettbewerb. Wenn Tyson will, dass wir investieren, investieren wir und lächeln freundlich. Als Gegenleistung, wenn wir das Maul halten und hart arbeiten, liefern sie uns Küken, und wir können unsere Schulden zahlen. Was für ein System! Hast du je so etwas Verrücktes gehört? Wir bezahlen - machen also Schulden -, um Sklaven zu sein. Das ist die Geschichte der Geflügelindustrie.»

Permanenter Schmerz

Manchmal mischen sich TierschützerInnen ein und stellen die GeflügelhalterInnen an den Pranger. Durchaus zu Recht, ihre riesigen Mastanlagen sind ein Graus. Aber selbst wenn sie wollten: Sie können das System nicht ändern. Tiergerechte Haltung kostet Geld - und das fehlt den GeflügelhalterInnen.

In den Fabriken, in denen aus Hühnern Chicken Nuggets werden, sieht es ähnlich trist aus. Striffler zitiert einen Report, den Human Rights Watch im vergangenen Jahr publiziert hat: «Die Förderbänder mit den toten Tieren laufen zu schnell. Die tausendmal wiederholten monotonen Körperbewegungen verursachen enormen traumatischen Stress an Händen, Handgelenken, Schultern, Armen und Rücken.» Human Rights Watch bezeichnet die Arbeitsbedingungen in den Geflügelfabriken als «wiederholte Verletzung der internationalen Menschenrechtsstandards». Wer länger in einer dieser Fabriken arbeitet, trägt meist bleibende Schäden davon. Ein Mexikaner, der mit Striffler arbeitete, erzählte: «Sobald ich beginne, Hühner aufzuhängen, geht es mir besser. Es ist, als ob alle meine Muskeln wüssten, was zu tun ist. Doch wenn ich nicht an der Arbeit bin, habe ich permanent Schmerzen. Meine Hände schmerzen manchmal so stark, dass ich weder das Abendessen zubereiten noch mein Kind halten kann.»

Striffler ist der Erste, der sich die US-amerikanische Geflügelindustrie mal genauer angeschaut hat. Eine ähnlich fundierte Recherche über die europäische Geflügelindustrie fehlt. Das Hühnergeschäft wächst und wandelt sich seit der Jahrtausendwende rasant. Die industrielle Hühnerproduktion wird immer mehr in den Süden ausgelagert. Doch trotz Vogelgrippe weiss man bislang wenig über das globalisierte Huhn.

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