Nr. 14/2006 vom 06.04.2006

Die Kicker von Bnei Sachnin

Kleiner Nahostkonflikt im Stadion - oder: Wie sich die Underdogs in Israel mit dem einzigen arabischen Spitzenklub identifizieren.

Von René Martens

«Antiarabische Liga» lautet die Überschrift eines Artikels über die Fanszene in Israel, der gerade im englischen Monatsmagazin «When Saturday Comes» (WSC) erschienen ist. Anlass des Beitrags ist die Arbeit der Organisation New Israel Fund, die bei jedem Erstligaspiel rassistische Gesänge protokolliert und dabei die Intensität der Gesänge und die Bedeutung des Spiels erfasst. «Nationalistische Animositäten» seien in den Stadien «vor zehn Jahren sehr selten gewesen», die «Mehrheit der Fans» habe solche Schreihälse damals zum Schweigen gebracht, schreibt WSC-Autor Shaul Adar. Erst mit der zweiten Intifada sei der Rassismus «an die Oberfläche gebracht» worden. Der Rassismusindex kann indes nicht jede verbale Ausschreitung erfassen. Wenn Fans von Hapoel Tel Aviv in Richtung der Fans des Lokalrivalen Maccabi Tel Aviv singen: «Möge ein Holocaust über Maccabi kommen» - dann sagt das, abgesehen davon, dass Fussballfans nicht immer wortwörtlich meinen, was sie singen, zwar viel aus über die Geisteshaltung dieser Hapoel-AnhängerInnen. Mit Rassismus im klassischen Sinne hat das aber nichts zu tun.

«Fussball in Israel» sei «keine Entspannung», sondern «die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln», schreibt, passend dazu, Roger Repplinger in seinem Buch «Die Söhne Sachnins». Fünf Monate hat er in Sachnin verbracht, einer arabisch dominierten 25 000-EinwohnerInnen-Stadt in Nordisrael. Ihn hat ein Phänomen angelockt: Der Klub Bnei Sachnin, der Kicker verschiedener Religionen spielen lässt, avancierte zum Identifikationsobjekt für viele der 1,2 Millionen AraberInnen und manche anderen im Lande lebenden NichtjüdInnen, nachdem die Elf 2003 in die Erste Liga und bald darauf sogar in den Uefa-Cup eingezogen war. Dem erst 1993 formierten Klub und seinen Spielern gelten die meisten Beschimpfungen in den Stadien - seien es spezifische, also antiarabische oder antimuslimische, seien es solche, die Kicker in aller Welt von gegnerischen Fans zu hören bekommen («Hurensöhne» in verschiedenen Melodien).

«Wir repräsentieren neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung», sagt der muslimische Bnei-Kicker Abbas Suan. Er ist der Star der Truppe, er ist sogar israelischer Internationaler. Im vergangenen Jahr stiess Suan viele SupporterInnen der israelischen Auswahl in eine Fan-Identitätskrise, weil er in der letzten Minute des WM-Qualifikationsspiels gegen Irland den Ausgleich erzielte. Kurz darauf, als der Likud-nahe Klub Betar Jerusalem damit liebäugelte, den Stürmer zu verpflichten, organisierten die Fans des Vereins eine Anti-Suan-Demo.

In Sachnin, schreibt Repplinger, gibt es «ein paar Schreinereien, eine Glaserei, eine kleine Aluminiumfabrik, ein paar Autowerkstätten, eine Ziegelei, ein paar Baugeschäfte ...». JedeR Fünfte ist arbeitslos. Das alte Stadion war für die Erste Liga nicht zugelassen, weshalb Bnei Sachnin seine Heimspiele zwei Jahre lang in anderen Städten austragen muss. Als Repplinger dort war, wurde sogar ausserhalb trainiert - unter katastrophalen sanitären Bedingungen.

Seit Beginn der Saison 05/06 spielt Bnei Sachnin immerhin in einem neuen eigenen Stadion, für das sich Premierminister Ariel Scharon (Repplinger: «ausgerechnet Scharon») eingesetzt hat. Einer der Funktionäre des Klubs erklärt das so: «Scharon blieb doch gar nichts anderes übrig. Er musste uns das Stadion versprechen, schliesslich haben wir im Uefa-Pokal gespielt. Wir haben Israel repräsentiert - ganz Israel - in Europa. Die ReporterInnen von Newcastle United - unserem Gegner in der zweiten Runde des Uefa-Pokals - fragten, warum wir in Haifa spielten und nicht in Sachnin. Da musste Scharon etwas tun.»

Lässt man einmal die politischen Vorzeichen weg, füllt Bnei Sachnin in Israel eine Rolle aus, die es in jeder Fussballnation gibt: die des Underdogs. Deshalb dürfte es vielen AnhängerInnen eines in welcher Form auch immer benachteiligten Klubs vertraut vorkommen, wenn Repplinger Fanerlebnisse beschreibt. Nach einer unglücklichen Niederlage gegen Maccabi Haifa protokolliert der Autor, was im Bnei-Fanblock vorgeht: «Eine seltsame Erregung macht sich breit. Eine Mischung aus tiefer Verzweiflung, Niedergeschlagenheit und Hass. So als sei man um etwas betrogen worden. Es scheint sehr schwer zu sein, Niederlagen im Fussball zu akzeptieren, wenn diese Niederlage zu den vielen Niederlagen, die man schon erlebt hat, dazukommt.»

Repplinger schlägt mitunter weite Bögen weg vom Fussball, hin zu verschiedensten Schauplätzen des israelisch-palästinensischen Konflikts. So besucht er die Mutter Walid Abu Salehs, der ein glühender Fan Bnei Sachnins war, bis er im Herbst 2000 erschossen wurde. Der 21-Jährige hatte vor dem Armeestützpunkt am Rande Sachnins protestiert. Die Demonstration resultierte aus der Wut über den Tod des zwölfjährigen Mohammed ad-Durra, der seinerzeit, zu Beginn der zweiten Intifada, von einer Kugel getroffen wurde, als sich israelische SoldatInnen und palästinensische DemonstrantInnen Gefechte lieferten. Die TV-Bilder erweckten den Eindruck, israelische SoldatInnen hätten den Jungen getötet - was Walid Abu Saleh und andere auf die Strasse trieb. Repplinger erwähnt zwar, dass eine Regierungskommission erst drei Jahre später Salehs Tod untersuchte. Er schreibt nicht, dass im selben Jahr mehrere Untersuchungen zeigten, dass Mohammed ad-Durra womöglich nicht von Israelis erschossen wurde - was den Tod des Bnei-Fans Walid Abu Saleh noch tragischer erscheinen lassen würde. Diese Berichte seien ihm nicht bekannt gewesen, sagt Repplinger auf Nachfrage, aber die «propere Wahrheit» spiele für das Buch ohnehin keine massgebliche Rolle, «entscheidend war die Wahrnehmung, die Walid Abu Saleh hatte».

Diese Episode illustriert Repplingers grundsätzliche Haltung: Der Autor täuscht - erfreulicherweise - nicht einen Moment lang journalistische Distanz zu den Menschen in Sachnin vor. Er zeigt sich immer wieder überwältigt von deren Gastfreundschaft; er hat sich offensichtlich als Teil einer grossen Familie gefühlt. Einmal sucht Repplinger morgens den Präsidenten des Klubs auf, weil er aus dessen Munde hören will, warum der gerade den Trainer entlassen hat: «Wir klopfen. Es dauert einen Moment. Der Präsident im Schlafanzug. Er schläft nicht viel in diesen Tagen, aber er ist schon rasiert, und die Haare sind gekämmt. Er hat immer noch die Beine eines Fussballers.» Wahrscheinlich war der Bnei-Sachnin-Boss weltweit der erste Präsident eines Profifussballklubs, der ein Interview im Pyjama gegeben hat.

Repplingers Solidarität mit seinen Protagonisten hat zwei Nachteile: Sie schlägt mitunter in Kitsch um, etwa wenn er ein Gespräch mit Abbas Suan beschreibt: «Er ist geblendet von der Sonne und von Sachnin, aber manchmal sehen die Geblendeten mehr.» Und die tiefe Verbundenheit mit ihnen treibt Repplinger dazu, zu viel erzählen zu wollen; einige Passagen sind redundant.

Seine Involviertheit hat auch Vorteile, sie beschert uns eindringliche Szenen. Repplinger ist dabei, als nach dem Training der jüdische frühere Coach Eyal Lachman und der brasilianische Spieler Cléber Rodriguez «wie Kampfhunde, die ihre Leinen durchreissen» aufeinander losgehen. Viele ausländische Kicker glaubten, in Israel mit halber Kraft zum Erfolg zu kommen - so lautet der Erklärungsversuch des Trainers für die Prügelei. Die LeserInnen bekommen auch die Versöhnung mit: «Cléber zögert, die Kabine zu betreten. Lachman winkt ihn herein. Cléber bittet seinen Trainer um Verzeihung. Lachman zeigt so viel Grösse, Clébers Entschuldigung anzunehmen. Umarmung. Der süsse Schmerz der Vergebung. Cléber will Lachmann nicht mehr loslassen. Er drückt ihn an sich. Drückt sich an ihn ...» Gewiss, starke Bilder, aber auch hier kann Repplinger den Kitschmeister in sich nicht zügeln.

Trotz dieser Schwächen: Allein schon aufgrund des Materialreichtums müssen alle «Die Söhne Sachnins» lesen, die sich mit dem Spannungsverhältnis von Fussball und Politik beschäftigen. Das Buch ist ein guter Anlass, mal wieder eine alte Frage aufzuwerfen: Was kann Fussball leisten, und wo sind seine Grenzen?