Nr. 16/2006 vom 20.04.2006

Isoliert, ignoriert, vergessen

Während die Verhandlungen in Wien über den endgültigen Status des Kosovo noch in vollem Gange sind, gehen die Minderheiten in der serbisch-albanischen Diskussion völlig vergessen.

Von Jean-Arnault Dérens

Die Öffentlichkeit interessiert sich wenig für das Schicksal der Roma, der Aschkali, der BosniakInnen, der TürkInnen, der GoranInnen oder der KroatInnen des Kosovo, die zwischen den Blöcken der beiden grossen Nationalitäten stehen. Zusammengenommen repräsentierten die «kleinen Völker» immerhin zehn Prozent der Kosovo-Bevölkerung vor dem Krieg.

Seit 1999 sind die Roma im Kosovo einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Sie werden von vielen Kosovo-AlbanerInnen beschuldigt, mit den ehemaligen serbischen Machthabern «kollaboriert» zu haben. Sie sind systematisch aus den Städten vertrieben und ihre Häuser geplündert und niedergebrannt worden. Viele Roma flüchteten daraufhin nach Serbien, nach Montenegro oder nach Mazedonien, wo sie heute unter prekären Umständen leben. Andere haben sich in den serbischen Enklaven niedergelassen.

In Vucitrn, einer Gemeinde zwischen Pristina und Mitrovica gelegen, wurde im Juni 1999 ein ganzes Wohnviertel der Roma zerstört. Für ein Vorzeigeprogramm für die Rückkehr von Flüchtlingen konnten Anfang 2004 etwa hundert Roma zurückkehren und erhielten die Erlaubnis, einige der Häuser wieder aufzubauen. Doch während der Pogrome im Kosovo am 17. und 18. März 2004 wurde das Viertel von extremistischen AlbanerInnen erneut zerstört und niedergebrannt. Die Roma konnten in einem Lager der französischen Armee Zuflucht nehmen. Diese hatte die Roma Ende 2005 aber wieder ausquartiert mit der Erklärung, dass die einzige Lösung deren Rückkehr in ihre Heimatstadt sei (siehe WOZ Nr. 45/05).

Gleichermassen betreiben die UN seit gut einem Jahr die schrittweise Räumung eines ausgedehnten Lagers in Plemenica, das in einer serbischen Enklave in der Nähe von Pristina liegt. Doch statt sich dem Abenteuer einer Rückkehr in ihre ursprüngliche Heimat in den albanischen Zonen auszusetzen, ziehen es die Roma vor, sich mit ihren eigenen Mitteln in anderen serbischen Enklaven niederzulassen. Als Folge davon erhalten sie keinerlei humanitäre Hilfe mehr und müssen mit Bettelei, Diebstahl und Prostitution überleben.

In der serbischen Enklave Preoce, einige Kilometer von Pristina entfernt, sagt Atlan Gidzic, Verantwortlicher einer Vereinigung der Roma, dass sein Volk ohne zu zögern aus dem Kosovo flüchten würde, wenn es zu einer Unabhängigkeit kommen sollte. «Wir haben nichts gegen die Albaner, aber in ihren Augen sind wir der Feind, nur weil wir in den serbischen Enklaven leben.» Nach den Ausschreitungen im März 2004 haben sie jede Hoffnung auf eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den Ethnien aufgegeben. Ausserdem hätten viele Kosovo-SerbInnen seit 1999 ihr Land an AlbanerInnen verkauft und würden beim ersten Anzeichen einer Unabhängigkeitserklärung das Land verlassen.

Die «ÄgypterInnen» bilden ihrerseits eine eigene «Minderheit innerhalb der Minderheit» und nehmen im Vergleich mit der Gemeinschaft der Roma eine spezielle Position ein. Anlässlich der jugoslawischen Volkszählung von 1991 tauchte diese Gruppe das erste Mal in einer Statistik auf. Die zirka 10 000 «ÄgypterInnen» führen ihren Namen auf den abschätzigen Begriff der «Zigeuner» zurück (in den Lokalsprachen «Egipcani, Edjupci, Kipti oder Faraoni» genannt), ein Begriff, der normalerweise den Roma zugeordnet wird, von dem sie sich jedoch kategorisch abgrenzen. Die «ÄgypterInnen» des Kosovo fühlen sich der albanischen Kultur nahe und sprechen eine eigene Sprache.

Viele kleine Gemeinschaften gefallen sich in ihrer unbequemen Position und haben die Gewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu sagen: «Wir sind in einer Sandwichposition zwischen zwei Völkern, und wie man weiss, wird ein Sandwich aufgegessen.» Eine neue, eigene ethnische Gruppe zu schaffen, wie jene der «ÄgypterInnen», war eine Möglichkeit, sich abzugrenzen. Doch obwohl sich die «ÄgypterInnen» als sozial besser integriert verstanden als die Roma, wurden auch sie nach 1999 systematisch aus dem Kosovo vertrieben. In den Flüchtlingslagern von Montenegro und Serbien bestehen sie jedoch weiterhin auf ihrer eigenständigen Identität. In einer Zeit der Entstehung eines mono-ethnischen Kosovo gibt es aber keinen Platz mehr für «Skurrilitäten» wie ein balkanisch-ägyptisches Volk.

Die Situation anderer «vergessener» Minoritäten im Kosovo ist nicht weniger dramatisch. Nach einer Volkszählung im Jahr 1981 wurden in der Gemeinde von Vitina 3722 KroatInnen gezählt. Diese Gemeinschaft ist heute auf 55 Menschen zusammengeschrumpft. Die kroatische Bevölkerung lebt in kleinen Dörfern im Vorgebirge der Skopska Crna Gora an der Grenze zu Mazedonien. Die Häuser im Dorf Letnica wurden geplündert und niedergebrannt, und nur noch wenige Menschen leben in diesem Geisterdorf. Es gibt keine Strasse nach Sasare, und um dorthin zu gelangen, muss man den Wegspuren im Schnee folgen. Vor fünfzehn Jahren lebten 350 kroatische Familien in den Steinhäusern. Heute sind es noch sechs Paare. Der alte Mato Matic erzählt von ihrem Unglück und dem stetigen Exodus der Gemeinde: «Serbische Milizen haben uns 1991 angegriffen, und viele der Einwohner sind daraufhin geflüchtet.» 1999 intervenierte das Militärbündnis Nato. Viele hätten gehofft, dass damit alles besser würde. «Doch die USA haben uns vergessen. Niemand ist gekommen, um uns zu schützen, und seit sieben Jahren sind wir nun das Freiwild von Plünderern.» Im Herbst 1999 organisierten die Kosovo-Streitkräfte (Kfor) einen Transport von über 300 KroatInnen der Region um Letnica nach Kroatien, wo sie in verlassenen ehemaligen serbischen Dörfern der Krajina untergebracht wurden. Auch eine Art, eine «ethnische Homogenität» des Kosovo und von Kroatien herzustellen.

Die Situation der GoranInnen, slawische MuslimInnen aus dem südlichen Berggebiet von Sar Planina, ist kaum besser. Das Volk der GoranInnen ist spezialisiert auf die Herstellung von Backwaren und von «Boza», einem Erfrischungsgetränk aus fermentierter Gerste, das auf dem Balkan während der heissen Sommermonate sehr beliebt ist. Viele GoranInnen besitzen heute noch Bäckereien in Belgrad oder in Skopje, viele sind aber auch nach Westeuropa, vor allem nach Deutschland ausgewandert. Im Frühling 1999 wurden auch viele GoranInnen und BosniakInnen zu Opfern von Ausschreitungen. Das Schicksal der GoranInnen variierte von Stadt zu Stadt. In der einen verfolgt und vertrieben, konnten sie in anderen ihre Aktivitäten ungestört fortsetzen. In allen Fällen aber mussten die Menschen verschiedene Strategien für ihr Überleben entwickeln und sich auf taktische Bündnisse mit den Machthabern einlassen, die sich der jeweils aktuellen politischen Lage anpassten. Der Preis der «kleinen Völker» für ihr Überleben.

Auch die Ausbildungssituation der Minderheiten ist schlecht. Viele GoranInnen und BosniakInnen werden nach dem albanischen Schulsystem unterrichtet, in einer Sprache, die sie oft nur schlecht verstehen. Oder entsprechend dem serbischen System in den Enklaven. In diesem Fall werden die Minderheiten noch stärker von der dominanten albanischen Gesellschaft isoliert. Der Bevölkerungsanteil der AlbanerInnen im Kosovo liegt heute bei 88 Prozent, derjenige der SerbInnen bei 7 Prozent.

Im November 2005 haben die GoranInnen und BosniakInnen des Kosovo eine offizielle Vertretung ihrer Völker bei den Verhandlungen um die Zukunft des Gebietes verlangt. Bis heute haben sie noch keine Antwort auf ihren Antrag erhalten.

Noch im Februar 1999, während der Gespräche in Rambouillet, umfasste die Delegation aus Belgrad auch RepräsentantInnen der Roma, der BosniakInnen, der TürkInnen, der GoranInnen und anderer kleiner Völker. Im Zuge dieser Gespräche wurde Belgrad beschuldigt, diese Völker zu manipulieren. Sieben Jahre später wurden sie schlicht und einfach bei den serbisch-albanischen Verhandlungen vergessen.

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