Nr. 16/2006 vom 20.04.2006

Minilieben, Liebesmäuschen

Der Bestseller «Feldstudien über ukrainischen Sex» handelt auch von Politik.

Von Ulrike Baureithel

La Femme n’existe pas. Wie viel feministischer Wirbel einmal um diese apodiktische Ansage kreiste! Nicht Norm und auch nicht ihr Gegenteil, das Andere, Ergänzende, sondern einfach: nicht existent. Auf welche Höhen jedoch steigert sich das Gender-Drama, wenn die Frau ohne Existenzlizenz aus einem Land stammt, das ebenfalls «nicht existiert»? Der Ukraine zum Beispiel, vor fünfzehn Jahren noch ohne feste Kontur, aufgelöst und ausgelöscht im (noch existierenden) sowjetischen Grossreich. Welche Auswirkungen - wir könnten, um in der Theorie zu bleiben, auch sagen: «Effekte» - hat es auf die Binnenbeziehungen, wenn «man als Frau geboren wird (noch dazu in der Ukraine) mit dieser verdammten Abhängigkeit»?

Oksana Sabuschko hat einen Feldversuch unternommen, eine Studie sozusagen am eigenen Leib. Weit weg von ihrer Heimat, die dabei die Hauptrolle spielt, referiert eine gebildete Frau, Lyrikerin und Ethnologin in eigener Sache vor einem fiktiven akademischen Auditorium über ein Land, das «von niemandem wahrgenommen» wird und von Menschen, denen die Urheberschaft an der eigenen Geschichte verweigert wurde. Mitte der neunziger Jahre, lange vor der orangen Revolution, war das, was Oksana Sabuschko zu Protokoll gibt, eine politische Provokation; weshalb die «Feldstudien über ukrainischen Sex» - diesen Titel verantwortet nicht etwa ein auflagegieriger Verlag, sondern die Autorin - in der Ukraine nur als Untergrundtext kursieren konnten.

Kurz vor ihrem geplanten Selbstmord blickt die Protagonistin Oksana zurück (um biografische Verschleierung geht es Sabuschko offenbar nicht). Wie konnte ihr, der mit «Müh und Not» etablierten Persönlichkeit, die ihr Geschlecht «wie von Zauberhand hatte verschwinden lassen», das passieren? Einer bekannten und gefeierten Dichterin, die ihre Sprache mit sich führt «wie ein bewegliches Haus» und die mit ihren Gedichten «öffentlich Orgiasmen» auslöst? Die als «professionelle Ukrainerin» Anwältin eines Landes ist, das gar nicht existiert: Woher kommst du? Ukraine. Wo liegt das?

Alles beginnt während einer Lesung in ihrer Heimat, als sie ihn trifft. ER, dessen Namen Mykola irgendwo einmal auftaucht, ist ein Künstler wie sie, der in einem vernachlässigten Atelier lebt, einer, der auf der gleichen Klaviatur zu spielen versteht: «Es war die Sprache, die den Weg eures gegenseitigen Näherkommens jäh verkürzt hatte», der «erste Mann aus deiner Welt», ein «Seelenverwandter». Und ein Siegertyp, einer, der nach eigenen Regeln spielte, und das in der Ukraine. Sie plant mit ihm den Ausbruch aus den «gewohnten Bahnen, aus jenem Jahrhunderte währenden Schicksal, nicht zu existieren».

Doch was wie ein Roman beginnt, dieser «Fall von Verliebtheit», entpuppt sich nach und nach als Irrtum. Schon früh spürt die Erzählerin, dass er ihr weh tun wird, psychisch und auch ganz primitiv physisch. Während ihr der Kopf sagt, dass die Beziehung in einer Katastrophe enden wird, rebelliert ihr Körper. Seine sexuelle Dominanz verschafft ihr keine Befriedigung, er neigt zu unkontrollierten Ausbrüchen, fährt sein Auto zu Schrott, steckt das Haus in Brand, entzieht sich ihr auf alle nur denkbare Weisen. Ein Gefangener seines Künstler-Ichs, unglücklich und aggressiv, ein Junge, den zu befreien, «zu retten» sich die Frau vorgenommen hat. Doch sein Verhalten «war von Anfang an auf Zerstörung ausgerichtet». Als Oksana als Gast in die USA eingeladen wird und den Mann nach vielen Hindernissen nachholen will, damit er sich im Westen als Künstler durchsetzen kann, scheitert die Beziehung.

All dies rekapituliert die verzweifelt am Tisch in ihrem Studentenwohnheim hockende Frau keineswegs chronologisch, immer sind es nur Fetzen, Stückwerk, das vom Leser mühsam erschlossen, zu einer kohärenten Geschichte zusammengesetzt werden muss. Ganz in der Tradition der feministischen Bewusstwerdung, des exorzistischen Selbsterfahrungs- und Deutungsmarathons, monologisiert Oksana seitenlang ohne Punkt und Absatz, changierend zwischen Erzählperspektiven und immer wieder unterbrochen von kommentierenden Gedichten. Der auf diese Weise zusammenfliessende Erinnerungsstrom ergiesst sich, scheinbar ungefiltert und ungeordnet, mit einer Gewalt, die fordert und strapaziert.

Ethnologisch sind diese «Feldstudien» nicht nur im Hinblick auf das Erzählsujet. Auch die Westfeministin begegnet da einer Vergangenheit, die ihr heute fremd, ein bisschen bizarr erscheint: Ja, das kennen wir. Diese erlösungssüchtigen Frauen. Und diese sich der Erlösung entziehenden Männer, gewaltsame Zerstörer allesamt. Und am Ende bleiben nichts weiter als «Minilieben, Liebesmäuschen». Ein bisschen peinlich. Das haben wir doch längst hinter uns.

Bliebe es bei Sabuschko dabei, könnte man das Ganze unter «nachgeholte Entwicklung» verbuchen. Doch die Brisanz der privaten Geschichte enthüllt sich erst vor dem Hintergrund des nationalen Schicksals. In der Demütigung der Frau wiederholt sich das Geschick des Landes, die Unterdrückung durch Russland, die Nichtwahrnehmung durch den Westen. Zwischen Polen, Russland und Österreich aufgerieben, die Sprache verkümmert, die Menschen versklavt. U-Kraina, am Rande Europas. L’Ukraine n’existe pas.

Doch wie zwischen Oksana und Mykola ist auch zwischen den UkrainerInnen die Sprache das gemeinsame Verbindungsglied. «Festgezurrt an der Leine der Sprache, die niemand kennt», weiss Oksana im amerikanischen Exil, «werde ich zurückkehren, werde angekrochen kommen, um meinen letzten Atemzug dort zu machen, wie eine verwundete Hündin.» Obgleich der Verrat an der Sprache - der aus der Ukraine stammende Gogol, der russisch schrieb, damit sein Vorbild Puschkin ihn lesen konnte - oft überlebenswichtig ist, fühlt sich die Dichterin gerade jenen «verstümmelten Schicksalen» verpflichtet, die auf Russisch, Polnisch oder gar Deutsch hätten schreiben können und ihr Leben stattdessen «wie Brennholz auf den abgefackelten Scheiterhaufen der ukrainischen Sprache» vergeudet haben.

Dagegen sieht sich die selbstbewusste Autorin, promovierte Philosophin und Spross einer ukrainischen Dissidentenfamilie heute als «Botschafterin» ihres Landes. Ihre Hymnen auf die Sprache und die Literatur werden relativiert durch ihre Skepsis gegenüber dem aufgezeichneten Leben: Der «Grossteil des erzählten Lebens verstaubt in Form von nicht mehr gefragten Blättern». Das Schreiben gegen den Tod - im Roman wortwörtlich genommen - ist bloss eine «verschrumpelte Hoffnung», Zeitgewinn.

Hätte sich die Autorin auf ihren lyrischen Instinkt verlassen und es bei den schicksalhaften Parallelen belassen, wäre ein rundum interessantes Stück «erzähltes Leben« herausgekommen, das überzeugt, weil die Opfer - die Frau und das Land - in ironische Distanz gerückt werden. Um zu sagen, was zu sagen ist, hätte es am Ende auch keiner modischen Missbrauchsgeschichte bedurft. Und schon gar keiner politischen Deklarationen, die davon handeln, dass ukrainische Männer ihre Frauen nur deshalb «durchvögeln», weil sie selbst «nach Strich und Faden durchgefickt» wurden, und diese Männer nicht anzunehmen bedeutet hätte, sich auf «die Seite der anderen» zu schlagen. Wer spricht? Und wem soll da Absolution erteilt werden? Das, sollte man meinen, haben wir doch hinter uns.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch