Nr. 17/2006 vom 27.04.2006

Der Charme der Provinz

Dieter Kohlers Buch «La Welsch Music» führt auf sympathische Weise vor, dass die Deutschschweiz über die Popmusik der Westschweiz gar nichts weiss.

Von Raphael Zehnder

Dieter Kohler, Westschweizer Korrespondent von Radio DRS von 2000 bis 2005, leistet mit seinem Buch Pionierarbeit. 13 ausführliche und 32 Kürzestporträts von MusikerInnen der jüngeren Generation, die auf Französisch oder in ihrer Muttersprache singen, erlauben ihm und den LeserInnen Einblicke in die «scène romande». Mit dem Buchtitel, einer Kreuzung aus Französisch, Englisch und Deutsch, umreisst er das Grundproblem (auch) der Westschweizer Musik: Die Popmusik der Suisse romande kämpft innerschweizerisch gegen die Konkurrenz der Deutschschweiz (ihre Absatzzahlen sind im Vergleich ohne allzu grosses Gewicht), und international strampelt sie sich ab, um von der englischsprachigen Produktion nicht völlig niedergemacht zu werden (in dieser Beziehung unterscheidet sie sich kaum von der Deutschschweizer Popmusik). Dass die Szene jedoch sehr lebendig ist, zeigt «La Welsch Music» eindrücklich. Es gibt nicht nur die Young Gods, Sens Unik und Stress. Es gibt auch das Ensemble Vide, Simon Gerber, Jérémie Kisling, François Vé und «K» - und natürlich Gustav und Polar.

Musikalischer Satellit

«Gibt es eine Westschweizer Musik?», fragt Dieter Kohler in seinem Überblickstext. Nein, behauptet er zuerst. Denn «die Romandie steht stark unter dem Einfluss Frankreichs, die Szene vollzieht die Entwicklungen nach, die beim grossen Nachbarn stattfinden - meistens mit einigen Jahren Verzögerung». Die Westschweiz als musikalischer Satellit Frankreichs (die Deutschschweizer bekämen einen Anfall, verbände man sie mit ihrem grossen Nachbarn). Viele Westschweizer MusikerInnen wollten sich auf keinen Fall als «artiste romand» bezeichnen lassen, schreibt Kohler, weil sie sich (auch aus geschäftlichen Überlegungen) einfach als französischsprachige KünstlerInnen verständen - im Gegensatz zur Deutschschweizer Szene, die sehr häufig durch den Dialektgebrauch den Lokalkolorit hervorstreicht und damit dem Publikum Identifikationsmöglichkeiten bereitstellt oder sich andererseits durch englische Texte zum Teil des globalen Dorfs erklärt.

Doch, eine Westschweizer Musik existiere sehr wohl, schreibt Kohler aber auch. Er lokalisiert «ihren eigenen Klang» in «Genferseeromantik, Waadtländer Landliebe, Walliser Alpendramen» und in gelegentlichen Seitenhieben gegen die Deutschschweizer. «La Welsch Music» definiere sich auch dadurch, dass die Sprache «unverkrampft eingesetzt» werde, sie diene «weder der kulturellen Profilierung und Abgrenzung wie in Frankreich, noch ist sie Ausdruck eines Nationalstolzes wie in Quebec oder in Belgien, ebensowenig geht es den Westschweizer MusikerInnen um das Ideal der Frankofonie. Sie verwenden Französisch mit einem Schuss Ironie, singen entspannt und strahlen Ruhe aus», was mit der im Vergleich zu Frankreich besseren wirtschaftlichen Lage zusammenhängen könne - die Liedtexte aber bisweilen zahm wirken lasse: Privates, Verspieltes stehen oft im Mittelpunkt, viele singen «am liebsten über sich selbst».

Kohler stellt fest, das musikalische Niveau der Westschweizer Popmusik sei beachtlich und die Vielfalt ebenfalls, das Publikum mehrheitlich aufgeschlossen und das Medieninteresse an einheimischer Musik wohlwollend. Er spricht zwar vom «Charme der Provinz», gaukelt jedoch keineswegs ein Paradies vor: Der Westschweizer Markt ist so klein, dass eine Laufbahn als BerufsmusikerIn fast ein Ding der Unmöglichkeit ist; viele MusikerInnen sind derart auf sich bezogen und mit sich beschäftigt, dass sie sich kaum für die Arbeit anderer interessieren; und zwischen den Stilen und Regionen finde praktisch kein Austausch statt: Rapper und Rocker, Neuenburger und Genfer werkeln für sich.

Schlicht und direkt

Dieter Kohler verwebt Biografisches, Musikalisches, Beschreibendes und Gesprächspassagen und zeichnet so ein differenziertes Bild der Szene. Die eine Musikerin oder den anderen Musiker erlebt man im Text durchaus als eitel, narziss-tisch, unreflektiert, ohne dass der Autor einem dieses Urteil auf die Nase binden würde. Mit anderen Worten: «La Welsch Music» idealisiert die ProtagonistInnen nicht. Da treten uns nicht die lockeren, lustigen Welschen entgegen, die das Klischee so liebt. Die Porträts rundet Kohler ab mit Liedtexten, ihrer Übersetzung und mit einem Überblickstext, in dem er die aktuelle Szene in den historischen Zusammenhang einordnet. Er greift aus bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als der Waadtländer Chansonnier Gilles in Paris Erfolge feierte. Knapp und präzise behandelt Kohler die gesellschaftskritischen Chansonniers von 1968, das Verschwinden des Chansons in den frühen Achtzigern, den damaligen Trend zu Comedy und Garagenrock. Und er skizziert die wichtigen Innovationen der neunziger Jahre, nämlich den Rap und die Renovation des Chansons: die kammermusikalische Variante «Chanson minimaliste» und die reicher arrangierte, Mainstream-nähere «Nouvelle chanson française».

Dem Buch «La Welsch Music» liegt überdies eine CD mit fünfzehn Stücken bei. Mit seinem Buch schürt Dieter Kohler die Neugier auf die Musik der eidgenössischen Nachbarn, eine anständige Diskografie ermöglicht es, dass man die CDs auch wirklich finden kann. Kohler bringt den LeserInnen die Westschweizer Szene schlicht und direkt näher - ohne Promotionsgerede und fotogene Posen, ohne Musikjournalistenjargon.

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