Nr. 17/2006 vom 27.04.2006

Vom Schafehüten in Zeiten der Globalisierung

Von der Alp zur Winterwanderung: Es gibt noch Leute, die im Rhythmus der Schafherden leben. Doch die Wolle ist nichts mehr wert. Und die Agrarpolitik 2011 verschärft die Situation.

Von Bettina Dyttrich

Das Bild vom Schaf kommt aus der Bibel. Der Mythos des schwachen, lieben Tieres, Tier der Ebenen, Tier des Opfers, dummes Tier. Leute, die nie etwas mit Schafen zu tun gehabt haben, behaupten, dass, wenn ein Schaf über einen Felsen hinunterspringt, alle anderen nachgehen. Das gilt für die Menschen. Es wird weiter behauptet, dass, wenn es Schnee gibt, alle Tiere in die Höhe steigen. Das gilt für die Touristen. (Leo Tuor, «Über das Schafehüten»)

Der Doubs versteckt sich. Er hat sich ein tiefes, enges Tal gegraben, kaum bewohnt und fast ohne Strassen. Auf der anderen Seite ist Frankreich. Doch dort, wo der Fluss eine Kehrtwendung macht und zurück nach Westen fliesst, ist in der Schleife ein Stück Schweiz eingeklemmt: das Clos du Doubs. Von St-Ursanne klettert das kleine Postauto den steilen Hang hoch durch eine weite Landschaft mit kleinen Dörfern und wenig Menschen. Im Schatten liegt noch Schnee, in den Gärten stehen die letzten Rosenkohlpflanzen beieinander wie eine stumme Versammlung. Epauvillers, Epiquerez, Essertfallon, dann geht es wieder hinunter zum Doubs, nach Soubey. Dort ist die Fahrt zu Ende.

Der Weiler Froidevaux liegt hoch über dem Doubs, nur ein paar hundert Meter von der Grenze. Nicht einmal die Müllabfuhr kommt hierher. Es ist so still, dass das Singen der Vögel und das Rauschen des Baches die lautesten Geräusche sind. Und vorne an der Krete, wo der neue Stall steht, hört man die Schafe.

Es ist später Nachmittag. Lämmer blöken nach ihren Müttern, diese antworten eine Oktave tiefer. Weisse, dunkelbraune, rotbraune, goldbraune, graue und gesprenkelte Schafe durcheinander. Nach wenigen Tagen haben sich die Neugeborenen schon an ihre langen Beine gewöhnt und rasen einander hinterher, versuchen Luftsprünge und klettern auf ihren Müttern herum. Die meisten der 130 Mutterschafe haben bereits abgelammt. Das letzte vor einer Stunde: Nass und zitternd stehen zwei schwarze Lämmer unsicher in der Welt, die Nabelschnur blutig am Bauch. Die Mutter, der die Nachgeburt noch aus der Scheide hängt, leckt die beiden trocken.

Nach einer fünfmonatigen Tragzeit gebärt ein Schaf ein bis drei Lämmer, manchmal sogar vier. Die ersten Tage sind die schwierigsten für das Lamm, vor allem wenn es sehr kalt ist. «Bei Drillingsgeburten überlebt das schwächste Lamm oft nicht», erzählt der Schäfer Christian Pothoven. «Darum geben wir ein Drillingslamm wenn möglich einem Mutterschaf mit nur einem Lamm zur Adoption. Dazu muss man das fremde Lamm mit der Nachgeburt der Adoptivmutter einschmieren, dann akzeptiert sie es meistens.»

Nach der Geburt bleibt das Schaf einige Tage mit den Lämmern in einer Ablammbox, wo es Ruhe hat. Dann kommt die Kleinfamilie zurück in den Herdenstall. Neben der Tür sind die letzten trächtigen Schafe untergebracht, zusammen mit zwei Widdern. Vor der Tür scharen sich die Einjährigen um ihre eigene Krippe. Anders als die Mutterschafe sind sie nicht geschoren: Sie werden bald geschlachtet, und dann werden ihre prächtigen Felle gegerbt. Zwischen ihnen steht ein stämmiger Abruzzenschäferhund bei ihnen und verbellt alle, die in die Nähe kommen. Er ist mit Schafen aufgewachsen und verteidigt die Herde auf ihren Wanderungen und auf der Alp gegen wildernde Hunde und Luchse, wenn nötig auch gegen Wölfe.

Die geübten Hirten, aufgewachsen mit den Tieren, kennen eine Herde von 120 bis 150 Tieren innert zwei Wochen, jedes einzelne Tier. Sie beobachten. Sie beachten die Erscheinung, das Verhalten, die Gewohnheiten des Tieres, seine Eigenheiten, sie kennen rasch die Schellen, kennen ihren Ton, kennen die Schellenriemen, kennen die Besitzer. Achtsamkeit statt mathematisches Festhalten. (Leo Tuor)

Das Schaf stammt aus dem Nahen Osten und ist eines der ältesten Nutztiere überhaupt. Bereits in der Bronzezeit hielten auch die MitteleuropäerInnen Schafe. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit haben sich die Tiere über fast die ganze Welt ausgebreitet - von Island bis in die Sahelzone gibt es Rassen, die an das lokale Klima angepasst sind. Heute leben auf der Welt über eine Milliarde Schafe. In der Schweiz sind es rund 400000.

Schafe haben heute bei UmweltschützerInnen einen schlechten Ruf, weil sie häufig ohne Aufsicht gealpt werden und bis in grosse Höhen die besten Weiden ratzekahl fressen. Aber neben Luchsen tauchen immer häufiger auch Wölfe und Bären in den Alpen auf. Schafherden mit HirtInnen und Schutzhunden sind nicht nur sicherer, sondern auch viel umweltfreundlicher. Wenn die Schafe ihre Fressplätze häufig wechseln, bleibt die Pflanzenvielfalt auf den Weiden erhalten.

Am Abend hat die Masse die Tendenz zusammenzukommen, zusammengekauert liegen zu bleiben bis zum Morgen. Verwechsle nicht den Tag mit der Nacht. Glaube nicht, du müssest tagsüber den Haufen zusammenhalten. (Leo Tuor)

Am Abend sitzen die neun «bergers de Froidevaux» im 300-jährigen Steinhaus um den Tisch. Alle sind sie unter dreissig und haben wilde Haare wie ihre Schafe. Sie haben den biodynamischen Betrieb, der einer Stiftung gehört, vor zwei Jahren übernommen, nachdem die Vorgängergruppe auseinander gegangen war. Die meisten kommen aus dem Appenzellerland und waren vorher schon befreundet, zum Teil auch verwandt. Sie waren KV-Angestellter, Lehrerin, Jobberin, zwei haben eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht. «Unsere Leitidee ist es, eine Lebensform anzustreben, in welcher der Erde und ihren Schätzen mit Respekt begegnet wird. Ein weiteres Ziel ist es, zu lernen, uns in der Gemeinschaft zu organisieren, aus der Gemeinschaft Kraft zu schöpfen und einen Ort zu schaffen, wo sich jeder einbringen und wohl fühlen kann», schreiben sie in ihrem Infoblatt. Jeder und jede hat einen Verantwortungsbereich, die Hausarbeit wird im Turnus erledigt. Zum Betrieb gehören auch einige Mutterkühe und ein grosser Garten. Fleisch und Fell werden im Direktverkauf verschickt.

Der Rhythmus der Schafe bestimmt das Leben der «bergers de Froidevaux». Im Sommer sind die Tiere im Greyerz auf der Alp, im Winter auf Wanderschaft. Früher zogen sie immer in die Ajoie, die tief gelegene Region im Nordjura um Porrentruy. Doch weil Bioschafe nur auf Bioweiden fressen sollen, ging das nicht mehr. «Jetzt haben wir es geschafft, eine Biowinterwanderung zu organisieren», sagt Christian Schefer. Zuerst weidet die Herde bei befreundeten Biobauern im Clos du Doubs, dann zieht sie über den Rand der Freiberge ins Becken von Delémont, wandert an seiner Südflanke bis kurz vor das Städtchen und an der Nordflanke wieder zurück. Christian Pothoven, der schon früher mehrere Sommer auf Alpen arbeitete, ist fasziniert vom Wandern mit den Schafen. «Es ist ein Leben wie vor tausenden von Jahren. Man ist stundenlang einfach da, beobachtet die Tiere und lernt ihr Verhalten immer besser kennen. Die Freude am Beobachten ist wichtig, sonst bist du bei dieser Arbeit fehl am Platz.» Jeweils zu zweit ziehen sie mit den Schafen, wechseln sich manchmal auch ab. Das Gepäck trägt ein Esel. «Mich nahm es wunder, ob es möglich ist, auch im Winter draussen zu leben - und es ist ganz gut möglich.»

«Weil die Schafe im Winter und im Sommer weg sind, fällt nur wenig Mist an hier», sagt Christian Schefer. «Das sieht man den Wiesen auch an. Die Artenvielfalt ist sehr gross, das kommt uns im Sommer zugute, wenn wir Wildpflanzen sammeln.» Die Umgebung des Weilers ist tatsächlich sehr vielfältig: Trocken- und Feuchtwiesen, Hecken, Bäche, Waldränder. Die alten Steinhäuser stehen in der Landschaft wie ein weiteres Stück Natur. Auch im Innern scheint die Zeit stehen geblieben. Ein Lehmofen heizt das Erdgeschoss, auf den Sitzgelegenheiten liegen Schaffelle. Gegerbt werden sie von Salome Pellet. Etwa sechs Stunden arbeitet sie an einem Fell. «Das Fell muss möglichst sofort nach dem Abziehen gesalzen werden, dann ist es konserviert», erklärt sie. «Dann entferne ich die Fleischreste und wasche es - nur mit Wasser, damit das Wollfett erhalten bleibt. Das Fett macht das Fell warm und wasserabstossend und wirkt wohltuend bei Rheuma. Nachher wird das Fell eine Woche in Lauge eingelegt und anschliessend getrocknet.»

Die SchäferInnen von Froidevaux bringen ihre Schafe selber auf den Schlachthof. «Das mit dem Schlachten macht mir schon Mühe», sagt Salome Pellet. «Die Schafe merken, dass Unheil droht, spätestens wenn sie das Blut im Schlachthof riechen. Gut, bei uns haben sie wenigstens ein schafwürdiges Leben gehabt.» Wenn schon schlachten, dann möglichst alle Teile verwerten, meint die Gerberin. Aber das geht nicht: «Eigentlich ist Hirn ideal zum Gerben. Aber seit den BSE-Fällen ist es verboten, das mitzunehmen. Sogar die Leber gibt es nur nach einer tierärztlichen Untersuchung.» Seit sie in Froidevaux ist, macht sich Salome Pellet viel mehr Gedanken über Landwirtschaft und Lebensmittel: «Es ist unerträglich, wie gedankenlos die Leute heute Fleisch essen. Wenn die Tiere wenigstens verehrt würden dafür … Ich sehe heute auch, wie viel Arbeit in den Produkten steckt. Aber es heisst immer nur, alles sei zu teuer.»

Am Morgen gehen sie ohne Halt, erschrick nicht, lass sie gehen, sie stecken ihr Maul nicht ins Gras, sie gehen in Schnüren, blöken und gehen, bis die Mittagshitze sie einen Moment lang anhält. (Leo Tuor)

«Das Schaf ist ein Symbol», sagt Raymond Gétaz, «für Wanderung, für Leben mit Tieren, für eine angepasste, nicht industrialisierte Landwirtschaft. Und das Schaf ist ideal, um verwilderte Flächen wieder zu nutzen.» Als junge Leute aus verschiedenen Ländern sich 1973 zu Longo Mai zusammenschlossen und auszogen, um in Gebieten, aus denen die BäuerInnen abgewandert waren, landwirtschaftliche Kooperativen zu gründen, spielte das Schaf von Anfang an eine wichtige Rolle. Das Beharren von Longo Mai auf der freien Schafwanderung führte auch zu Konflikten: In den siebziger Jahren zogen Leute aus einer Kooperative in der Pfalz mit ihrer Herde über die Grenze in die Vogesen. Als sie zurückwollten, liess sie der deutsche Grenzschutz nicht mehr hinein, weil die Schafe krank seien. Longo Mai liess selber Proben im Labor untersuchen - den Schafen fehlte nichts. Trotzdem wurde nach monatelangem «Schafskrieg» die ganze Herde geschlachtet. Später zog eine andere Herde von der Schweiz bis nach Kärnten in eine neue Kooperative.

Raymond Gétaz ist ein bisschen überall aufgewachsen, zwischen Waadtland und St. Gallen auf beiden Seiten der Sprachgrenze, und er war gerade in Genf und hatte ein Soziologiestudium begonnen, als er von Longo Mai hörte. In den Semesterferien 1974 reiste er in die erste Kooperative in der Provence und ist seither dabeigeblieben. Heute leben auf den neun Longo-Mai-Kooperativen in Europa etwa 300 Menschen und tausend Schafe. Die Wolle wird in einer eigenen Spinnerei bei Briancon in den französischen Alpen gesponnen, anschliessend zu Kleidern und Decken verarbeitet. Die Wolle ist Raymond Gétaz wichtig, er kann stundenlang von ihr erzählen. Denn was mit der Wolle passiert, steht für eine Entwicklung, die er bekämpfen will. Für eine Globalisierung, die regionale Kreisläufe zerstört und unsinnige Transporte erzeugt, Hauptsache, es ist billig.

Früher war die Wolle wertvoll. Neben Flachs und Hanf, später auch Baumwolle der wichtigste Textilrohstoff in Europa. Und der wärmste. Die Schafe lieferten Winterkleider, Wolldecken und Uniformen für die Armeen der neuen Nationalstaaten. Wolle war begehrt und so knapp, dass es in der Schweiz bis 1953 verboten war, Wollteppiche herzustellen. Das wäre eine Verschwendung gewesen. Die Schweizerische Inlandwollzentrale in Niederönz, nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, nahm den SchafzüchterInnen die Wolle ab, sortierte sie und verkaufte sie weiter. Die Zentrale sorgte dafür, dass immer genug Wolle für Armeeuniformen und -wolldecken da war.

Ab den fünfziger Jahren machten synthetische Fasern der Wolle den Platz streitig. Aber richtig in den Keller fielen die Preise erst in den frühen neunziger Jahren. Die Wollproduktion in Australien und Neuseeland war stetig gestiegen, jetzt kam auch noch billige Wolle aus den ehemaligen Ostblockstaaten auf den Markt. In den fünfziger Jahren bekamen SchafzüchterInnen für ein Kilo Rohwolle je nach Qualität bis zu 13 Franken, heute erhalten sie zwischen 50 Rappen und 1.30 Franken - für viele lohnt sich nicht einmal mehr das Abliefern. Der wertvolle Rohstoff ist zum Entsorgungsproblem geworden. Denn Wolle lässt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen: Sie verrottet nur sehr langsam, beim Verbrennen entstehen problematische Abgase. Als Isolationsmaterial ist Wolle sehr geeignet - und als Textilrohstoff kann sie es problemlos mit Hightechfasern aufnehmen. Doch solange Erdölprodukte so billig sind, hat sie kaum eine Chance.

«Wolle ist nicht einfach Wolle», sagt Gétaz. «Die Walliser Schwarznasenschafe haben zum Beispiel eine sehr harte, kratzige Wolle, die zum Stricken nicht geeignet ist - dafür ausgezeichnet zum Filzen. Und sie hat einen sehr schönen Glanz. Das weisse Landschaf liefert dagegen gute Strickwolle, die schlecht ist zum Filzen. Das Merinoschaf hat sehr feine, weiche Wolle für edle Textilien.»

Die Herde ist also immer in Bewegung, ausser bei Hitze und in der Nacht. Bei Mond kann es sein, dass sie sich erheben und gehen, in dunkler Nacht jedoch lassen sie sich nicht treiben. Schafe zu «hüten», heisst Bewegung. Am Wort hüten klebt das Gefühl, man müsse stehen bleiben. Vergiss es. Diejenigen, die zurückbleiben, sind Schafe, welche ein Lamm geboren haben, kranke oder solche, die sterben wollen. (Leo Tuor)

Le Montois bei Undervelier im Jura ist der einzige Longo-Mai-Hof in der Schweiz. Er ist nicht sehr gross, darum leben hier auch nur knapp zwanzig Schafe mit ihren Lämmern - robuste, braunrote, neugierige Schafe der Rasse Roux de Berne, die ganz und gar nichts mit dem Klischee vom dummen Schaf gemeinsam haben. Trotzdem ist Le Montois wichtig für die Zukunft der Schafe in der Schweiz. Denn die Leute von Longo Mai wollen nicht einfach hinnehmen, dass die Wolle zum Abfall wird.

«Der Wollmarkt ist schon lange liberalisiert», sagt Raymond Gétaz. «Es gab keine Zollschranken, aber die Schweiz hat die Wollproduzenten unterstützt, in den neunziger Jahren mit rund zwei Millionen Franken jährlich. Mit der Agrarpolitik 2002 beschlossen Bundesrat und Parlament, die Unterstützung schrittweise abzubauen und schliesslich ganz zu streichen. Die Inlandwollzentrale war bedroht. Dagegen haben wir uns gewehrt.» Longo Mai nahm Kontakt auf mit der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB). Deren Präsident, der Bündner Bauer und CVP-Ständerat Theo Maissen, ist ein grosser Schaffreund. Im März 2002 reichte er das Postulat «Eine Zukunft für die Schweizer Schafwolle» ein. Im gleichen Jahr sammelte Longo Mai über 20000 Unterschriften für eine Petition gegen die Streichung der Bundesbeiträge. Im Oktober 2002 wurden sie in Bern eingereicht, begleitet von einer Schafherde. Mit Erfolg: in der Agrarpolitik 2007 bewilligte das Parlament 600000 Franken für die Wollverwertung, zusätzlich 200000 für innovative Wollprojekte.

Doch Geld nützt wenig, wenn niemand die Wolle sinnvoll verarbeitet. Seit dem Niedergang der Schweizer Textilindustrie gibt es nur noch eine Hand voll wollverarbeitende Betriebe hierzulande. Die Inlandwollzentrale verkauft die Wolle an international tätige ZwischenhändlerInnen weiter. Wer im Laden Wolle kauft, bekommt reimportierte Ware, deren Herkunft niemand zurückverfolgen kann. 2004 schlossen sich SchafzüchterInnen, Wollverarbeiter und Kunsthandwerkerinnen aus dem Jura im Verein Laines d’ici zusammen, um die Kreisläufe zwischen ProduzentInnen, VerarbeiterInnen und KonsumentInnen neu zu beleben.

Das «Croix-Blanche» ist die Dorfbeiz von Undervelier, wo die DörflerInnen auf dem Heimweg von Delémont ihr Bier trinken und Salat mit heissem Geisskäse essen. An der Wand erklärt ein Text im Asterix-Stil die Beiz zur Bastion gegen die Globalisierung. Am Tresen werden ganz selbstverständlich Unterschriften gegen die Asyl- und die Ausländergesetzrevision gesammelt. Zum Restaurant gehört der Kulturverein Mouton noir - und seit neustem auch das regionale Wollzentrum von Laines d’ici. Raymond Gétaz zeigt die beiden Räume. Broschüren und Posters erzählen von verschiedenen Wollverarbeitungsmethoden. Laines d’ici veranstaltet hier Kurse: Filzen, Hutmachen, Spinnen, Weben von Halstüchern, Färben mit Pflanzen. Der Verein erklärt Schulklassen und Gruppen die Wollverarbeitung, organisiert Märkte mit KunsthandwerkerInnen und mischt sich in die Politik ein. Denn in der Vorlage zur Agrarpolitik 2011, die diesen Winter verabschiedet wurde, sind die Wollbeiträge wieder gestrichen worden - obwohl sie das Parlament 2003 ohne Gegenstimme befürwortet hatte. «Es ist unmöglich, innerhalb von zwei bis vier Jahren neue Strukturen zur Nutzung und Verarbeitung der Wolle aufzubauen. Die Schaffung von menschlichen und wirtschaftlichen Beziehungen für eine sinnvolle Nutzung der Wolle benötigt viel Zeit und eine langfristige Politik», schreibt der Verein in einer Stellungnahme gegen die AP 2011. Diese habe vor allem zum Ziel, die Hälfte der Bauern loszuwerden. «Was mit der Wolle passiert ist, wird mit einer weiteren Liberalisierung der Landwirtschaft mit allen Produkten passieren», sagt Gétaz. «Am Anfang gibt es lokale Kreisläufe, die Produkte werden in der Region verarbeitet und konsumiert. Dann kommt die Konzentration in immer grösseren Betrieben, schliesslich die Auslagerung an den günstigsten Produktionsstandort. Die Leute verlieren vollständig die Kontrolle über die lebensnotwendigen Produkte und über das Land.» Gétaz erinnert die Entwicklung, die die Schweizer und europäische Agrarpolitik eingeschlagen hat, an Lateinamerika: «Alles geht in Richtung Grossgrundbesitz. Und die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt: Je weniger Leute das Land besitzen, desto weniger Chancen gibt es, selber ein Stück zu bekommen.»

«Es geht darum, das Wissen zu behalten, die Produktionsmittel zu behalten für das, was es zum Leben braucht. Dazu gehört auch Kleidung, und darum ist die Wolle so wichtig. Die industrielle Landwirtschaft hat keine Zukunft: Es muss nur das Öl ausgehen, und alles fällt zusammen. Der Wert der Dinge kann sich dabei von einem Tag auf den andern vollständig verändern.»

Es gibt keine Rezepte für das Hüten von Schafen. Entscheidend ist das Gebiet und das Wetter und das Wissen darum, wie die Tiere arbeiten. Wenn du Freude hast an Geröllhalden, Gletschern und Bergen, wo keine Strassen sind, nur Schafwege, Gämspfade oder gar keine Pfade mehr, wo die Landschaft wie vor hunderten von Jahren ist, wenn du lernen willst, wie das mit dem Wetter ist, dann geh mit den Schafen. (Leo Tuor)

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