Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

Die Gratwanderung

Am kommenden Samstag feiert die Bank für eine andere Schweiz ihr fünfzehnjähriges Bestehen. Eine Erfolgsgeschichte im Herzen des Kapitalismus.

Von Elvira Wiegers

Eine linke Bank. Geht das? Die Alternative Bank ABS mit Sitz in Olten macht es seit über fünfzehn Jahren vor und beweist: Ein anderes erfolgreiches Banking ist möglich. Anders heisst insbesondere, dass die Geldflüsse transparent sind. Wer sein Geld zur ABS trägt, weiss, wofür es verwendet wird und vor allem, wofür nicht. Anders heisst auch, in die Realwirtschaft zu investieren, anstatt mit dem Geld zu spekulieren. Doch wie definiert man Erfolg, wenn das Ziel nicht die Profitmaximierung ist? Darüber diskutierten 1987 entwicklungspolitische, ökologische und Selbstverwaltungskreise im Trägerschaftsverein «Alternative Bank ABS». Klar war: Die zukünftige Bank muss strenge ethische und ökologische Richtlinien befolgen. Drei Jahre später eröffnete die als Aktiengesellschaft konstituierte Alternative Bank ABS ihren Schalter in Olten. Die Bank startete ohne einen Rappen Schulden, da die bis zur Eröffnung der Bank gesammelten und angelegten Gelder wegen der damals hohen Zinsen genug Geld abwarfen. Zu den Gründungsmitgliedern der ABS gehörten Organisationen wie die Aktion Finanzplatz Schweiz (AFP), die entwicklungspolitisch tätige Erklärung von Bern, Greenpeace, WWF, das Hilfswerk Heks oder die Grüne Partei der Schweiz. Nicht dabei waren die Gewerkschaften. Neben den Bankangestellten gab es einen 17-köpfigen Verwaltungsrat - wovon fünf Personen dem VR-Ausschuss angehörten - und einen siebenköpfigen ethischen Rat.

Die Klassische

Thomas Bieri ist seit den Anfängen dabei. «Die Idee einer alternativen Bank faszinierte mich schon länger. Als der Trägerschaftsverein 1989 Experten für die Bankfachgruppe suchte, habe ich mich gemeldet.» Damals arbeitete Bieri bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, doch als die ABS ihre Geschäftstätigkeit aufnahm, gehörte er zum achtköpfigen Team. Vor zehn Jahren übernahm Bieri die Leitung des Kreditbereichs, daneben pflegt er die von ihm aufgebauten Kundenbeziehungen weiter. Seine Arbeit muss einerseits den Ansprüchen der AktionärInnen, andererseits denen der KundInnen genügen: «Es ist eine Gratwanderung zwischen Visionen und Machbarkeit, zwischen innovativen, aber riskanteren Geschäften und Stabilität.»

«Die Bank für eine andere Schweiz», steht auf den ABS-Visitenkarten. Wer ist diese andere Schweiz? Es sind Unternehmen und innovative Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, welche die ABS finanziert. Das Hauptgeschäft der ABS jedoch ist die Finanzierung von nachhaltigem Bauen, sei es in Form von selbstgenutztem Eigentum oder von Wohnbaugenossenschaften. Neuerdings gehört auch die Finanzierung von Einfamilienhäusern dazu, ein Geschäft, das man früher abgelehnt hatte. Das ist alles andere als visionär, es ist ganz einfach das Geschäft einer klassischen Spar- und Hypothekenbank, die die Alternative Bank nun einmal ist.

«Sobald man Geld in die Hand nimmt, verliert man ein bisschen die Unschuld», sagt Thomas Heilmann, von 1990 bis 2001 Verwaltungsratsausschussmitglied und von 1995 bis 2001 VR-Präsident. «Eine Bank ist immer auch ein Disziplinierungsfaktor. Wir mussten manchmal ideell schöne Projekte absagen, weil sie einfach zu riskant waren. Das haben nicht alle begriffen.» Heilmann ist Ökonom und gehörte zu den Mitbegründern der Progressiven Organisationen Schweiz (Poch). Heute arbeitet er im Zürcher Rotpunktverlag und sitzt im Bankrat der Zürcher Kantonalbank. «Alternative Wirtschaftsprojekte zu finanzieren, bedeutet, Blankokredite zu vergeben. Aber die ABS als kleine Bank muss gemäss den Auflagen durch die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) höhere Rückstellungen auf solche Kredite vornehmen. Das ist ein Hindernis», sagt Heilmann. Und das mit den Visionen sei so eine Sache: «Eine Bank zu gründen heisst, sich den Regeln des kapitalistischen Systems ein gutes Stück weit zu unterwerfen. Eine Bank zu gründen, hiess für einen 68-er implizit auch, zu akzeptieren, dass die Revolution nicht stattfinden wird. Wir sahen, dass der Kapitalismus nicht so einfach zu besiegen ist, dass es aber durchaus sinnvoll sein kann, bei seinen Kernfunktionen mitzuwirken, um hier mit Ökologie und ethischen Prinzipien andere Akzente zu setzen.»

Die Pionierin

Unbestritten ist: Die ABS war - und ist es immer noch - Pionierin bei der Finanzierung von Projekten in den Bereichen der erneuerbaren Energien. Sie vergibt beispielsweise Kredite an die Betreiber von Photovoltaikanlagen und Kleinkraftwerke oder engagiert sich im Bereich der erneuerbaren Energien. Daneben finanziert sie Projekte in der biologischen Landwirtschaft oder soziale Einrichtungen. Zudem kann sie für bestimmte Projekte besonders günstige Förderkredite sprechen: Die ABS-KundInnen können ihr Geld gezielt in verschiedene Förderobligationen anlegen. Durch einen Zinsverzicht vergünstigen sie damit die Förderkredite. Allerdings sinkt bei ohnehin schon tiefen Zinsen die Motivation, praktisch ganz auf solche zu verzichten.

Verglichen mit den Skandalen der Grossbanken, hat die ABS die letzten fünfzehn Jahre zwar ohne Katastrophen, aber nicht ohne Krisen überstanden. Mitte der neunziger Jahre etwa flossen so viele Gelder auf die Konti der ABS, dass man nicht mehr wusste, wohin damit: Wachstum bedeutet mehr Personal, das erst eingearbeitet werden muss, und auch neue Anlagemöglichkeiten, die gefunden werden müssen.

Problematisch war auch der Generationenwechsel, der sich Ende der neunziger Jahre bei der ABS abzeichnete. 2001 wurde etwa Hans Peter Vieli, einer der Gründungsväter der ABS und ihr Öffentlichkeitssprecher, als langjähriges Verwaltungsratsausschussmitglied abgewählt. Vieli erklärt sich seine Abwahl mit fehlenden Seilschaften und Meinungsdifferenzen über die Kompetenzen des VR. «Die Mehrheit des Verwaltungsrates wollte keinen wesentlichen strategischen Einfluss mehr ausüben. Der Aufgaben des VR-Ausschusses wurden verschiedenen Ausschüssen übertragen», erzählt Vieli. «Durch die Entflechtung von Strategie und sonstiger Tätigkeiten verlor der VR an Einfluss. Der Generationenwechsel war eine vorgeschobene Sache, wie auch meine angebliche Teamunfähigkeit. Tatsächlich war es so, dass Leute aus dem Einflusskreis der SP die Macht im Verwaltungsrat übernahmen.» Vor fünf Jahren trat Vieli von seinen Funktionen zurück, nun soll er an der kommenden Generalversammlung am 18. Mai auf einem Podium als Gastredner «einen Blick zurück in die Zukunft werfen».

Die Zukünftige

An der Jubiläums-GV vom kommenden Samstag mit dabei ist auch die heutige VR-Präsidentin Claudia Nielsen. Die SP-Gemeinderätin wurde 2001 Nachfolgerin von Thomas Heilmann. «Damals befand sich die ABS in einer Umbruchphase. Viele Gründungsmitglieder zogen sich zurück, und wir mussten die Nachwehen des Wachstumsschubes verdauen.» Heute ist das Wachstum mit fast sieben Prozent der Bilanzsumme überschaubar. Die ABS hat aktuell 4300 AktionärInnen, ein Aktienkapital von 38 Millionen Franken, 56 Angestellte, über 20 000 KundInnen. Vor allem in der Westschweiz und im Tessin konnte die ABS ihre Präsenz ausbauen und neue Kundengelder dazugewinnen.

Im vergangenen Jahr fiel die letzte Bastion der Gründerzeit: Der ethische Rat beantragte seine eigene Auflösung. Er hatte unabhängig neben Verwaltungsrat und Geschäftsleitung bestanden, besass jedoch nie konkrete Weisungsbefugnisse. Heute kontrolliert das Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen die Einhaltung der ethischen Richtlinien. Organisationen wie die ABS-Mitbegründerin Aktion Finanzplatz Schweiz stehen dieser Neuerung kritisch gegenüber.

In welche Richtung soll und kann sich die ABS weiterentwickeln? «Es gibt einige Herausforderungen», sagt VR-Präsidentin Nielsen, «etwa die Frage, wie wir in einem sich verändernden Umfeld eine alternative Bank bleiben. Wir müssen ständig in Bewegung bleiben und unsere Werte mit neuen Inhalten füllen, wenn wir weiterhin eine Vorreiterrolle spielen wollen.» Die ABS müsse ihr Angebot diversifizieren, neue KundInnenbedürfnisse wie E-Banking befriedigen und gleichzeitig die Kosten im Griff behalten - und das alles unter Beibehaltung der ideellen Werte. Nielsen wünscht sich vermehrt Kooperationen, etwa mit anderen europäischen Alternativbanken. Es gibt zum Beispiel bereits Kontakte mit der Banca Etica aus Italien. Seit vergangenem März ist die ABS auch Mitglied der Europäischen Föderation der ethischen und alternativen Banken (Febea.org). Doch die ABS wird wohl auch in Zukunft auf die Schweiz fokussiert bleiben. Zum einen liegt dies an der Nicht-EU-Mitgliedschaft, zum anderen an den gesetzlichen Auflagen der Eidgenössischen Bankenkommission.

Ist die ABS die ideale Bank? «Die idealste Bank, die ich kenne», sagt Nielsen. «Wir beachten ethische Werte, sind transparent, bei uns weiss man, was man hat.» Und, das schleckt keine Geiss weg: Keine andere Bank in der Schweiz, und auch sonst kaum ein Betrieb, nimmt die Gleichberechtigung so ernst. «Fünfzig Prozent unserer Führungspersonen sind weiblich, und sowohl das VR-Präsidium als auch der Vorsitz der Geschäftsleitung liegen in Frauenhänden», sagt Nielsen. Vielleicht fühlen sich deshalb so viele Frauen als Kundinnen bei der ABS gut aufgehoben. «Es gibt mehr Kundinnen als Kunden, und sie stellen auch den Grossteil des Vermögens», so die VR-Präsidentin.

Ehemalige und immer noch involvierte ABS-lerInnen beschreiben ihre Arbeit bei der Alternativen Bank als ständige Gratwanderung zwischen Idealen und Sachzwängen, zwischen Risiko und Sicherheit. Mackie Messer sagt in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht: «Was ist ein Einbruch in eine Bank schon gegen die Gründung einer Bank?» Doch was ist die Gründung einer Bank schon gegen das Führen einer erfolgreichen Alternativbank?

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