Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

Sie waren ein Spitzel?

Interview Daniel Ryser

WOZ: Politisches Kabarett, ein Buch über die Verstrickungen der Schweiz in die Sklaverei, SP-Kantonsrat – wie sind Sie zur Politik gekommen?
Hans Fässler: Ich war rechts in meiner Jugend.

1968 waren Sie rechts?
Zusammen mit Stadtammannssohn Konrad Hummler, Regierungsratssohn Adrian Rüesch und Valentin Landmann bildete ich die Gruppe 4. Wir waren so etwas wie ein pubertärer rechtskonservativer Lesezirkel.

Keine freie Liebe?
Ich war ein braver, angepasster Jugendlicher, ein guter Schüler, keine Kämpfe mit den Eltern. Die Linken waren mir deshalb wohl unheimlich.

Hummler wurde später Privatbankier und Teilhaber der Bank Wegelin, Rüesch hat gewichtige Verwaltungsratsmandate und Landmann ist Anwalt der Hells Angels.
Unsere Wege trennten sich nach der Kantonsschule. Die Aktivitäten als Gruppe 4 gipfelten darin, dass wir einen Abend lang zu Spitzeln wurden. Ich bewältigte dies später in einem Kapitel im Buch von Jürg Frischknecht zum Schnüffelstaat Schweiz.

Sie waren ein Spitzel?
Die Linken luden zu einer Veranstaltung in ein Naturfreundehaus im Appenzellerland. Wir wollten schauen, wer alles kommt. Wir schrieben die Autonummern der Teilnehmer auf. Wir schrieben auch einen Bericht. Die Tat war nicht harmlos: Der Bericht landete wohl via Adrian Rüesch und seinem Vater, dem Regierungsrat, auf dem Pult der politischen Polizei. In den Fichen hiess es dann: XY nimmt an Schulungswochenende im Appenzell teil. Ich habe die Fichierten dann gesucht und mich bei ihnen entschuldigt. Am Ende der Kantonsschule hatte ich dann eine «existenzialistische» Phase: Warum gibt es uns? Was soll das alles? Was ist Glück?

Danach wurden Sie Parteisekretär der SP St. Gallen.
Mich prägte ein einjähriger Aufenthalt in Cardiff, Wales. Ich lernte einen engagierten Gewerkschafter kennen, diskutierte, las viel über die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Industrialisierung in England. Das waren jahrhundertelange Kämpfe. Mir wurde klar: Es ist wichtig, Teil einer einflussreichen Organisation zu sein und diese Organisation mit eigenen Ideen zu füttern. Gleichzeitig ist es unabdingbar, konstant ein Ziel zu verfolgen.

Wenn in St. Gallen Seltsames passiert – wenn eine Bank ein Quartier platt walzt, um eine Stadtlounge zu bauen, oder im Kulturgüterstreit mit Zürich Wiedergutmachung gefordert wird von Leuten, die für Wiedergutmachung ansonsten nichts übrig haben –, dann ist Ihr Leserbrief im «St. Galler Tagblatt» gebucht. Zugegeben, Sie bringen es ziemlich auf den Punkt. Aber denken Sie nicht manchmal selbst: Jetzt schreibt der Fässler schon wieder!
Meine Frau denkt das manchmal. Ich selber mag halt einfach diese Art, mich zu äussern.

Warum sind Sie aus der Politik ausgestiegen?
Ich war von 1984 bis 1994 im Kantonsrat. Nach zehn Jahren wurde es mir zu viel. Ich brauchte mehr Zeit für meine Kinder. Und ich brauchte Zeit für meine Arbeit als Lehrer an der Kantonsschule in Trogen. Meinem politischen Engagement tat dies keinen Abbruch: Ich trat als Politiker zurück, nicht aber aus der Politik. Meine Arbeit als Kabarettist, als Schriftsteller – das ist Politik in verschiedenen Variationen.

Und die Kinder – stolz?
Ja, ich bin sehr stolz. Nur …

Was?
Der Ältere schreibt auch schon Leserbriefe. Sein Engagement freut mich natürlich einerseits. Nur manchmal denke ich, herrje, jetzt sagen die Leute: Jetzt schreibt der Junge auch schon.

Ganz der Vater.
In etwa.

Würden Sie heute immer noch der SP beitreten?
Das würde ich. Eine breite Abstützung ist wichtig, genauso wichtig wie Ad-hoc-Aktionen. Es ist wichtig, Zusammenhänge zu schaffen und nicht von Aktion zu Aktion zu springen.

Was steht an?
Es ist wie immer Zeit für Grundsatzdebatten, über Privatisierung zum Beispiel oder Globalisierung. Wo steht die Sozialdemokratie? Ist die Überwindung des Kapitalismus noch immer das Ziel? Wo müssen wir uns arrangieren? Als Aktion steht das Referendum gegen das so genannte Hooligangesetz an. Das unterschreibe ich trotz der Vorfälle in Basel.

Hans Fässler, Historiker, lebt in St. Gallen. 2005 erschien im Rotpunktverlag sein Buch «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei.»

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