Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

Nichts hat gestimmt an diesem Abend

Wer sind die Leute, die am Samstag das Spielfeld stürmten? Was treibt sie an? Einer von ihnen berichtet.

Von Armin Köhli

Mario* ist 23 Jahre alt. Er gehört zur «Basler Brut», wie es der «Blick» nennt. Er rannte aufs Spielfeld nach dem Schlusspfiff der Partie FCB - FCZ, nach dem Zürcher Tor in letzter Sekunde, nach dem verlorenen Basler Meistertitel. Schwarz gekleidet, vermummt. Sein Bild kam im «Blick» und in «10 vor 10» im Schweizer Fernsehen. Mario hat schulterlanges Haar, ein schmales Gesicht, und er trägt einen Pullover mit aufgedrucktem Cannabis-Blatt: «Adihash». Er ist sofort bereit zu einem Gespräch mit der WOZ: «Jetzt miemer aaneschtoh», sagt er am Telefon. Wir treffen uns in seiner Mittagspause, zu Pizza und Sinalco.

«Das Tor: Das war der Worst Case. Ich bin für dreissig Sekunden praktisch in Ohnmacht gefallen. Dann hiess es plötzlich: ‹Zürcher sind auf dem Spielfeld!› Ohne gross zu überlegen, hats zack gemacht. Ich rannte aufs Spielfeld, stieg auf die Bande.» Er habe Zuberbühler, den Basler Goalie, gesehen. «Ich bin zu ihm hin, habe ihn umarmt, er schaut mich an und sagt: ‹Scheisse, oder? Voll Scheisse.› Dann habe ich gesehen, dass es auf dem Feld eskaliert.» Mario sucht erst mal seinen jüngeren Bruder. Der ist 19-jährig. «Danach bin ich nur noch rumgeirrt. Habe probiert, zu begreifen, was genau abgeht. Ich war in Trance, weil ich gar nicht wusste, was ich eigentlich auf dem Platz verloren habe. Soll ich meine Wut rauslassen, soll ich den Gummischrot zurückschiessen, soll ich eine Plache holen, um uns vor dem Gummischrot zu schützen, oder soll ich meine Kollegen zurückholen? Ich stand nur dort - hey fuck.» Dann hätten die Zürcher auf der Tribüne FCB-Fans angegriffen, nicht unten auf dem Platz, sondern oben auf den Rängen. «Da hat sich ein Mob von uns klargemacht und ist hochgegangen, um zu helfen.»

Mario ist ein Ultra. Die Ultras sind die extremsten Fans eines Clubs, die rabiatesten Fans, aber eben - Fans. Seit 1993 geht Mario an jedes FCB-Spiel. Auch im Ausland. Er ist mit nach Middlesbrough, im Bus, zwanzig Stunden pro Weg. Er ist mit nach Prevalje, Slowenien, UI-Cup, erste Runde. «Von den 4000 Franken, die ich verdiene, gehen 1500 bis 1800 einfach drauf für den FCB. Und davon habe ich noch keinen Joint geraucht auf der Fahrt zu einem Auswärtsspiel.» Er gehört zu einem inoffiziellen Fanclub, zu einer jener Gruppen, die der Muttenzerkurve ihr Gesicht geben, die für Choreografien und Stimmung sorgen, die Feuerwerk («Bengalen») anzünden, illegal, aber höchst telegen. Vor Jahren hat er sich wegen einer Bengale auch schon die Hände verbrannt. «Wir versuchen die Kurve selber zu managen. Wenn zum Beispiel ein Zwölfjähriger eine Bengale aufs Feld schiesst, dann packen wir ihn und geben ihm notfalls eine Ohrfeige: Hey, Bube, jetzt ist fertig. Oder wenn einer in Zürich an ein Auto kickt, dann gibts einen Kläpper.» Für Mario hat der Match am Samstag schon um neun Uhr morgens begonnen, mit den Vorbereitungen für die Choreo. Er war angespannt und nervös bis zur 93. Minute.

«In diesem Moment ist bei mir alles zusammengebrochen. Die Heimniederlage im Cup gegen den FCZ, das Ausscheiden im Uefa-Cup-Viertelfinal gegen Middlesbrough in letzter Minute, und jetzt das entscheidende Tor in letzter Sekunde. Das Spiel dauert neunzig Minuten, und am Ende gewinnt Deutschland. Oder Middlesbrough. Oder der FCZ. Das war mein erster Gedanke: Die Erinnerung an die vierzig Stunden Busfahrt nach Middlesbrough. Nicht schon wieder, hey, nicht schon wieder! Auch die unzähligen Arbeitsstunden, die ich investiert habe - für nichts. Die Probleme mit der Freundin deswegen.»

«Manchmal malen wir bis morgens um fünf Transparente, in jeder Landessprache unserer Spieler. Oder ich bin am Freitagnachmittag noch am Arbeiten, dann kommt ein SMS: Wir brauchen sechs Achtmeteraluminiumstangen für die Choreo. Hey, das Material kostet 1200 Franken! Dann check ich das ab, rufe an, ja also, 1200, ist gut. Und dann passiert so etwas wie gegen Zürich.» Jetzt gehe alles kaputt, befürchtet er. «Wegen einem einzigen Match. Das macht mich traurig, wenn es jetzt überall heisst: FCB-Fans, FCB-Fans, FCB-Fans.»

Denn er kenne viele Leute nicht, die aufs Spielfeld gerannt sind, die gar die FCZ-Spieler angegriffen haben, sagt Mario. Kann das sein? «Ich weiss, was für Leute am Start sind. Und jetzt waren solche am Start, die ich noch nie gesehen habe.» Klar, Jugendliche aus den Dörfern habe er erkannt, aus Arlesheim, Pratteln, Muttenz. «Und aus einer Gruppe wie unserer kann ja schon einer oder zwei auch am Start sein. Aber die Rädelsführer, jene, die die Eier in dem Moment wirklich gehabt haben, die kennen wir nicht. Und die meisten haben sich ja nicht einmal vermummt!»

Man spreche jetzt intensiv darüber, in den Gruppen, und es sei allen gleich gegangen. «Einerseits hast du so einen Hals und andererseits: Das geht einfach nicht. Auf die Spieler loszugehen, ist voll dumm. Jene paar, die du kennst, die ‹duregheit› sind - die holst du zurück und sagst ihnen: ‹Hey, use. Usem Stadion.› Und dann gehst du raus - und draussen gehts aufs Rüdigste ab.» Nichts habe gestimmt an diesem Abend, meint Mario. «Ich bin erschrocken, dachte, irgendwas ist nicht sauber. Unsere Leute waren ja alle noch drinnen.» Er wollte nur noch nach Hause, mit dem Bus. «Mir die Lampe füllen und das Spiel möglichst schnell vergessen. Doch ich kam nicht weg. Ich bin Ultra, auch angezogen wie ein Ultra, schwarz, mit Kapuze und so, also haben sie mit Gummischrot auf mich geschossen.»

Mario ist gelernter Sportartikelverkäufer. Zurzeit macht er sich selbständig mit dem Import eines Trendsportgeräts. Im Sommer arbeitet er auch als Schlosser, zur Abwechslung und um Geld zu verdienen. Er und sein Bruder wohnen bei den Eltern in einem an Basel angrenzenden Dorf. Eher eine Art WG sei das, sagt er, «wir sind eine Freestyle-Familie». Sein Vater war Politiker bei der linken Poch. Der Vater habe nach dem Match fast geheult. «Er hat gesagt: ‹Mario, ich habe mich nach dem Spiel Türkei - Schweiz über die Türken zu Tode geärgert, und jetzt ist es doppelt so schlimm. Das kann doch nicht sein. Ihr Vollidioten macht es genau gleich.› Ich konnte ihm auch nur sagen, was - ‹ihr›? Ich kann es mir nicht erklären. Doch ich stehe dazu, dass ich mich schäme. Wenn Freunde meiner Eltern anrufen, dann ist das immer das Erste: Ich sage, dass ich mich schäme.»

«Du musst dich immer rechtfertigen dafür, dass du ein Fussballfan bist. Fragt einer: Hobby?, und du sagst: Fussballfan, dann verzieht er sofort die Mundwinkel. Entweder bist du dann der Vollidiot, der sich das Gesicht anmalt, hundert Schals trägt und sich die Hucke vollsäuft, oder du bist ein Hooligan. Entweder er lacht, oder er bekommt Angst. Es gibt nur diese beiden Bilder.»

Das Gespräch mit der WOZ sei eine Ausnahme, sagt Mario. «Wir sprechen nie mit den Medien. Wir hätten schon alles machen können, in jede Sendung des Schweizer Fernsehens. Mit Geld haben sie uns geködert. Wir haben gesagt: Vergesst es! Es kann nicht sein, dass sie Beiträge über uns machen, wie toll wir seien, doch am nächsten Match, wenn wir Bengalen zünden, sagen sie wieder, wir seien Gewalttäter und Hooligans. Aber eine Woche vorher holen sie sich noch eins runter wegen der Choreo.» Sich den Medien zu verweigern, sei Konsens unter allen inoffiziellen Gruppen.

Und noch einen Konsens gibt es in der Muttenzerkurve: keine Politik im Stadion. «Basel hatte ja in den neunziger Jahren den Ruf, eher rechtslastig zu sein. Doch mit den Faschos haben wir seither ziemlich aufgeräumt! Es gibt noch Rechte in der Kurve, aber Nazis nicht mehr. Dumme Sprüche fallen ab und zu. Aber im Grossen und Ganzen - die Bomberjackenfraktion gibt es nicht mehr. Da gibts Fäuste. Die schlagen wir ab. Die wollen wir einfach nicht. Wenn du früher mit einem Che-Guevara-Leibchen durch die Kurve gegangen bist, wurdest du angefickt. Heute ist das normal, voll normal.»

Gewalt sei nicht das Ziel der inoffiziellen Fangruppen, sagt Mario, und auf die Frage, wie aggressiv er sei, antwortet er: «Was heisst aggressiv? Wenn ich einen verprügeln will? Geboxt habe ich mich schon lange nicht mehr.» Aber wenn er zum Beispiel im Zürcher Hardturm vor dem GC-Block durchgehe, «und du gehst an den Hag, dann hast du fünf Minuten Kontakt mit ihnen, dann bekomme ich natürlich schon Aggressionen». Auch das sei schwierig zu erklären. «Wenn ich sage: Ich hass die Zürcher, dann gheit mini Fründin voll dure und sagt: ‹Weisst du, was das ist? Hass!› Das ist doch nicht so ein Hass, das ist Fussball, und Zürich ist einfach Scheisse und so ...»

Es dürfe nicht sein, dass jetzt alles zusammenfalle, was er, seine Freunde und die ganze Kurve aufgebaut haben. Beschämt ist Mario und ratlos. Und doch sagt er: «Ich finde nicht, dass ich selber einen grossen Fehler gemacht habe, weil ich auf dem Platz war. Wäre Basel Meister geworden, war ja praktisch vereinbart, dass wir aufs Spielfeld gehen können. Ich habe nichts kaputtgemacht. Für uns war die Motivation: Was, die Zürcher sind auf dem Platz!?! Das haben wir auch angekündigt: Wenn die Zürcher auf den Platz gelangen, dann eskaliert es.»

«Wir haben eine geile Choreo gemacht und mittelmässig gut supportet, und mehr konnten wir nicht tun. Uns scheissts alle an. Aber hauptsächlich wegen der Niederlage. Das überwiegt schwer.»

* Name von der Redaktion geändert

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