Nr. 21/2006 vom 25.05.2006

Die Schmelzwasseridylle

Der berühmteste Zug Europas fährt von einem Zeugnis der Klimakatastrophe zum nächsten. Und sollte gerade deswegen bestiegen werden - mit den richtigen Büchern im Gepäck.

Von Pit Wuhrer

Von St. Moritz nach Zermatt, vom Piz Palü zum Monte Rosa - es gibt nicht viele Zugreisen auf der Welt, die den Fahrgästen ein so eindrückliches landschaftliches wie bautechnisches Spektakel bieten können wie der Glacier Express mit seinen Panoramawagen, die allerdings nur Reisenden der ersten Klasse vorbehalten sind. Aber auch in der zweiten Klasse fahren die PassagierInnen durch eine atemberaubend schöne Welt, durch halbverlassene Täler, durch Kehrtunnels, über elegant geschwungene Brücken hinweg, vorbei an kleinen Dörfern und steilen Abhängen. Dazu führt sie der «langsamste Schnellzug der Welt», so die Eigenwerbung, von einer mondänen Endstation zur anderen, von St. Moritz, in dem russische Oligarchen den Ton angeben, bis Zermatt, das noch von japanischen Gästen dominiert wird (deren Rolle aber bald ChinesInnen übernehmen werden).

291 Brücken, 91 Tunnels

Eine Suisse en miniature für AusländerInnen, die die Höhepunkte der Schweiz in anderthalb Tagen erleben wollen? Das auch - nirgendwo sonst kommt das Land so schmuck und fast konkurrenzlos schön daher wie entlang dieser 290 Kilometer langen Bahnstrecke (der AS-Verlag hat dies in seinem zweisprachigen Bildband anlässlich des 75. Geburtstages des Glacier Express 2005 anhand von zum Teil sensationell guten Fotos eindrücklich demonstriert). Und kaum irgendwo sonst kann man die Leistungen schweizerischer (und französischer) Schaffenskunst und die Arbeit von so vielen Ingenieuren und (meist auswärtigen und ausländischen) Bauarbeitern so sehr bewundern wie auf der Fahrt über 291 Brücken und durch 91 Tunnels. Dieser Geschichte hat der Verlag ebenfalls ein Bilderbuch gewidmet: «Auf den Spuren des Glacier Express» heisst ein Band in der AS-Reihe «Bahnromantik», der kürzlich erschien. Während sich das erste Buch vornehmlich an TouristInnen richtet (alle Texte sind auch ins Englische übersetzt), richtet sich der Band mit den grossformatigen Schwarzweissfotos und einigen historischen Erläuterungen vor allem an die Bahnfreaks, die immer dann ins Schnaufen kommen, wenn sie eine Baulok H 2/3, eine alte Dampflok oder eine HGe 4/4 erblicken.

Eine Reise mit dem Express und dieser Geschichtsband sind jedoch nicht nur für Fremde und BahnromantikerInnen ein Erlebnis. In beiden steckt auch ein gutes Stück Entwicklungsgeschichte. Ehemals gottverlassene Täler oder Talenden wurden erst durch die Bahn erschlossen, technische Meisterleistungen wie die vielen steinernen Viadukte verhalfen einer in sich gekehrten Welt zum Anschluss an die Moderne. Auf diese Errungenschaften sind die Matterhorn Gotthard Bahn, die die Strecke von Zermatt bis Disentis betreibt, und die Rhätische Bahn (zuständig für den Rest) bis heute stolz. Und genauso stolz ist auch der Ingenieur Paul Caminada, der in beiden Büchern geschrieben hat.

Er widmet im Historienband den für den Streckenverlauf und die Brücken-Tunnel-Abfolge verantwortlichen Technikern gleich mehrere Absätze; die Arbeiter aber kommen in gerade mal zwei Sätzen vor - und da auch nur als Leichen. Satz 1: «Es gab unzählige Schwierigkeiten technischer und menschlicher Art und leider auch viele tödliche Unfälle.» Satz 2: «Bei den Vortriebsarbeiten (für den Furka-Scheitel-, den Furka-Basis- und den Albula-Tunnel) starben etliche Arbeiter, viele andere holten sich eine Staublunge.» Da hätte man schon gern Näheres gewusst - über die Arbeitsverhältnisse etwa, die Arbeitsbedingungen, die Entlöhnung und die Arbeitskämpfe. Nach dem Bau der ersten grossen Ost-West-Transversale in den USA hiess es, dass unter jeder Schwelle ein toter Ire liege. Wie viele Gebeine tragen das Landwasser-Viadukt?

Gletscher nur in der Ferne

Die alten und neuen Fotos der beiden Bildbände sind da schon aussagekräftiger. Sie zeigen zum Beispiel einen Bisgletscher, der vom Weisshorn bis weit ins Mattertal leckt (altes Foto), und - am anderen Ende der Strecke - einen Morteratschgletscher, der kaum noch zu erkennen ist (neues Foto). Besonders eindrücklich sind die alten Aufnahmen des Rhonegletschers - dem einzigen Glacier, an dem der Zug einst (vor Inbetriebnahme des Furka-Basistunnels) vorbeifuhr und der der Verbindung ihren Namen gab. Der ist mittlerweile so weit nach oben geschrumpft, dass man ihn selbst von der Passstrasse aus kaum noch erkennen kann.

Heute sind vom Express aus Gletscher nur in der Ferne sichtbar. Unmittelbar nahe sind dafür Bergstürze wie der, der 1991 fast das Dorf Randa verschüttet hätte. Danach musste die Bahntrasse neu verlegt werden. Eine Reise mit dem Katastrophenexpress bietet dennoch viel Vergnügen, vor allem dann, wenn man die verlängerten Enden der Bahnstrecke in Anspruch und die Beine in die Hände nimmt. Dann beginnt die Fahrt bereits in Tirano, dann verlässt man den Zug in Poschiavo, steigt über schöne Wege hoch bis zum Gasthaus Sassal Masone (wo man prima übernachten kann) und läuft anderntags meist der Bahnstrecke entlang über den Berninapass hinab durch Arven- und Lärchenwälder bis Pontresina (bis dahin haben Sie schon mehr Gletscherzungen gesehen als vom eigentlichen Express aus, der erst ab St. Moritz fährt).

Angekommen in Zermatt fahren Sie dann weiter mit der Zahnradbahn auf den Gornergrat. Stehen stundenlang da und gucken auf all die Glaciers und Viertausender. Marschieren hinüber zur Monte-Rosa-Hütte. Oder lassen sich von den literarischen Wanderbüchern des Rotpunktverlags zu weiteren Wanderungen inspirieren. Eins zu Graubünden ist schon länger auf dem Markt, eins zum Wallis erschien vor ein paar Wochen.

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